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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.01.2010

Von DAUs und DEPs

Sibylle Herbert: "Bin ich zu blöd? Der Handy-Hotline-Technik-Terror", Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 224 Seiten

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Herbert plädiert für menschenfreundliche Innovationen: Hier ein speziell für Senioren entwickeltes Handy. (AP)
Herbert plädiert für menschenfreundliche Innovationen: Hier ein speziell für Senioren entwickeltes Handy. (AP)

Es sei nicht der DAU - der Dümmste Anzunehmende User -, der an Automaten und Servicenummern verzweifelt. Schuld am "Crash zwischen Mensch und Maschine" seien vielmehr DEPs - Dumm Entwickelte Produkte, meint Journalistin Sibylle Herbert im Buch "Bin ich zu blöd?".

Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte: Endlich hat sich die Nachkriegsgeneration zu der Einsicht durchgerungen, dass Einwanderer nicht den "Untergang des Abendlands" bedeuten, im Gegenteil, schon sieht sie sich selbst zu Einwanderern degradiert: in die schöne, neue Digiwelt. Gehandicapt, gehänselt und mitleidig belächelt von den "digitalen Eingeborenen" jeder ethnisch-kulturellen Herkunft, die ab circa 1980 quasi mit der Maus in der Hand und dem PC als Nachgeburt aus dem Mutterleib gerutscht kamen.

Gerade wogt die Debatte darüber, wie sehr die Digitalisierung uns überfordert, dauerstresst und womöglich unser Denken zerstört. Selbst Angehörige der gefühlten "geistigen Elite" des Landes stöhnen, dass ihr Kopf weder mit dem Tempo noch mit der Datenflut des Internets mitkommt. Abwinken und: "Computer? Hab ich nicht!" sagen hilft da leider nicht. Es geht nicht nur um Computer: Die digitale Revolution hat fast unseren gesamten Alltag umgekrempelt. Niemand bleibt verschont. Jeder erlebt "sein persönliches Absurdistan", dauernd und ohne Hoffnung auf Auswanderung.

Ausgangspunkt von Sibylle Herberts Forschungsreise war das unbehagliche Gefühl: Ich bin zu blöd für - praktisch alles. Man scheitert an schnöden Fahrkarten- oder Paketautomaten. Man kriegt kein noch so banales neues Elektrogerät in Betrieb. Man sitzt fest in vollautomatisierten Autos. Man kriegt allein nie raus, weshalb plötzlich feste und mobile Telefone verstummen, Onlinezugang inklusive. An der Schnittstelle zwischen einem selbst und dem Gerät herrscht blankes Chaos. Und das Grausamste: Es gibt nur Hilfe, die das Gegenteil ist: Servicenummern, bei denen einem für teures Geld erst mal ein "Menü" von Entscheidungen aufgedrängt wird - "Wenn Sie Fragen haben zu..., drücken Sie bitte die 3..." -, bevor man an einen Anonymus in einem Callcenter gerät, der einem in herz- und hirnlosen Fach-Sprech erzählt: Fehler hat man immer selbst gemacht, falls man nicht überhaupt der Fehler ist. Ein DAU also, der Dümmste Anzunehmende User.

Sibylle Herbert schüttet ein wahres Füllhorn von Beispielen aus dem eigenen und dem Leben von Verwandten, Kollegen und Freunden aus. Tolldreiste Geschichten, die einem die Sprache verschlagen, falls man sie noch nicht selbst erlebt hat. Oder heiligen Zorn hervorrufen, ein gebrülltes "Jaaa, genau!" Was dieses Buch nicht provoziert, ist stumme Verzweiflung. Und das ist sein größtes Verdienst und liegt zum einen an der wunderbar witzigen, erfrischend leichten Erzählweise und zum anderen an den vielen handfesten, gut recherchierten Informationen. Die gelernte und preisgekrönte Journalistin hat bei jedem "Crash zwischen Mensch und Maschine" nachgebohrt: Warum passiert der, muss der passieren? Und siehe da: Es gibt längst auch Top-Experten, die nicht uns Normalverbraucher für DAUs halten, sondern umgekehrt die Geräte für DEPs - Dumm Entwickelte Produkte. Wir Kunden müssten nur für Absatzeinbrüche sorgen, dann kämen die bald zum Zuge, mit marktfähigeren, weil menschenfreundlichen Innovationen. Dann würde womöglich auch der sozialpolitische Skandal behoben, dass die Industrie immer mehr Jobs klammheimlich unbezahlt auf die Kunden ausgelagert hat - von Installieren über Warten bis Reparieren -, und es gäbe dafür wieder steuerzahlende Erwerbstätige.

Ach ja: Praktische Tipps zum Überleben bis dahin bietet das Buch auch. Keiner davon ist maschinenstürmerisch, alle setzen auf Intelligenz. Genau die menschliche Stärke, die die schöne neue Digiwelt uns abtun möchte.

Service:
Die Autorin Sibylle Herbert, geboren 1956 in Köln, aufgewachsen im Ruhrgebiet, Diplom-Ökotrophologin/ Ernährungswissenschaftlerin, seit 1981 beim WDR-Hörfunk in Köln als politische Redakteurin mit Schwerpunkt Medizin- und Sozialpolitik, mehrfach preisgekrönt und spätestens durch ihre Bücher "Überleben Glücksache - Was Sie als Krebspatient in unserem Gesundheitswesen erwartet" (2005) und "Diagnose: unbezahlbar - Aus der Praxis der Zweiklassenmedizin" (2008) einem breiten Publikum als Expertin für Gesundheitspolitik bekannt. Sie lebt in Köln und hat zwei Töchter.

Besprochen von Pieke Biermann

Sibylle Herbert
Bin ich zu blöd?

Der Handy-Hotline-Technik-Terror
Verlag Kiepenheuer & Witsch /Köln 2009
224 Seiten, 8,95 EUR

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