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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 24.03.2013

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Die "Welt" fragt sich, was vor der Internationalen Bauaustellung in Hamburg-Wilhelmsburg schief gelaufen ist, die "Süddeutsche" erinnert an die Erklärung der katholischen Bischöfe nach dem Ermächtigungsgesetz der Nazis und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" beschenkt ihre Leser mit banalen Weisheiten.

"Ist Wilhelmsburg das Land, wo Milch und Honig fließt?"

fragt die WELT in einer Überschrift, und wenn man in den Überschriften deutscher Tageszeitungen keinen korrekten Numerus mehr erwartet, kann man sich unbeschwert der Lektüre eines faktenreichen Artikels über die Internationale Bauausstellung auf einer Hamburger Elbinsel widmen. Eine Bauausstellung, die gestern eröffnet wurde und die begonnen hat wie noch keine zuvor, nämlich mit

"Wasserwerfern, Kolonnen von Einsatzfahrzeugen, Polizei in gepolsterten Wattejacken, Demonstranten mit schwarzen Mützen."

Was ist da los in dem 50 000 Einwohner zählenden Stadtteil Wilhelmsburg, der 2007 zum IBA-Gelände erkoren wurde und nun den ganzen Sommer lang Scharen von Besuchern anziehen soll?

"IBA nervt!", "IBA versenken!",

steht auf manchen Häuserwänden, berichtet Dankwart Guratzsch. Das liege daran, daß die Ansässigen

"das Gespenst von Vertreibung und staatlicher Gängelung fürchten,"

außerdem jagten ihnen

"die Kopfgeburten architektonischer Erfindungslust eher Angst und Schrecken ein."

Seit mehr als hundert Jahren haben die deutschen IBAs Maßstäbe im Städtebau gesetzt: die Darmstädter Mathildenhöhe, die Stuttgarter Weißenhof-Siedlung und das Berliner Hansaviertel verkörpern diese große Tradition. In Hamburg wurde unter dem IBA-Siegel mehr als eine Milliarde Euro an privaten und öffentlichen Investitionen in den siechen Süden der Stadt geleitet, und trotzdem protestieren die Menschen.

"Das mag auch daran liegen,"

schreibt Guratzsch,

"daß die Stadtsoziologen über die Köpfe der Normalbürger hinweggeredet haben und trotz aller Partizipationslyrik ein Vokabular benutzen, das mit Wortbildungen wie "growing city", "open city", "civic city" und "smart city" dem Ziel der Vermittlung an die Stadtgesellschaft hohnspricht."

Am 28. März vor 80 Jahren, fünf Tage nach dem Ermächtigungsgesetz, gaben die katholischen Bischöfe Deutschlands eine ziemlich zahme Erklärung heraus, in der sie ihre Stellung zum Nationalsozialismus definierten. Daran erinnert der Münsteraner Kirchenhistoriker Holger Arning in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Für die Zahmheit gab es zahlreiche Gründe:

"Hitlers Zugeständnisse an die Zentrumspartei, Angst vor der Gewalt der SA, das Schreckgespenst eines kommunistischen Umsturzes und die Hoffnung, die "Bewegung" mitgestalten zu können."

Arning versucht allerdings eine geschichtliche Entwicklung darzustellen, die für zwei Zeitungsspalten einfach zu komplex ist. Er schreibt selbst:

"Die Fronten verliefen nicht nur zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus, sondern auch zwischen vermeintlich modernen Jugendlichen und spießigen Alten, dekadenten Intellektuellen und bornierten Ungebildeten, verweichlichten Stadt- und rückständigen Landbewohnern."

Und der Autor zeigt das an Diskussionen über Sittlichkeit und Männlichkeit. Daß die Nazis beispielsweise die sogenannte "Nacktkultur" bekämpften, kam katholischen Moralaposteln sehr entgegen, dabei hatte Nacktheit in den Augen mancher Nazis auch etwas Bodenständiges, Natürliches und – vor allem – Heroisches. Das Heroische war ja eines der Hauptschlagwörter, das sogar in der katholischen Propaganda eine Rolle spielte:

"Selbst das Christusbild blieb nicht unberührt, etwa wenn der Benediktinerpater Hugo Lang 1934 im größten Kirchenblatt des Bistums Münster verächtlich auf Zeiten zurückblickte, in denen man – Zitat – "aus dem Herrn einen gutherzigen, harmlosen, liebenswürdigen, naturseligen Schwärmer" gemacht habe",

schreibt Holger Arning in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE beschenkt ihre Leser derweil mit folgenden Weisheiten:

"Weil wir von alltäglichen Dingen überwältigt werden, von Sorgen über Zukunft und Vergangenheit, von Arbeit, Leidenschaften und Kämpfen, verlieren wir unsere objektive Stellung in einer großartigen, geheimnisvollen Welt aus den Augen und schenken verdrossen Dingen unsere Aufmerksamkeit, die sich unserer Kontrolle entziehen."

Die erste Vermutung, daß sich hinter dem Autorennamen Emanuel Derman ein subversiv satirisch gestimmter FAZ-Redakteur verberge, der mangels intelligenterer Texte diesen Nonsense ins Feuilleton hob, hat sich leider nicht bestätigt. Emanuel Derman gibt es wirklich, er schreibt sogar regelmäßig für die FAZ. Man muß den Mangel intelligenterer Texte im FAZ-Feuilleton also als gewollt ansehen.

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