Von Burkhard Müller-Ullrich

Ein "taz"-Interview mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bietet Einblicke in die Interview-Routinen von Medien und Politik und im Interview der "SZ" sorgt sich Salman Rushdie um seine verrückte Vaterstadt Bombay.
"Ich bin ein Altgrieche und Anhänger langer Sätze. Ich kann noch Thomas Mann lesen,"

sagt der Mann, der sich weigert, seine Politik in 140 Zeichen zu erklären, und der auf die Frage, ob er twittere, antwortet

"Nein. Ich warte auf den Frühling und freue mich aufs Zwitschern. Von den
Vögeln."

Die TAZ hat diesen scheinbar aus der Zeit gefallenen Mann ausführlich interviewt, und obwohl man von dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann schon wusste, dass er aus anderem Holz geschnitzt ist als die meisten politischen Akteure, überrascht es doch, etwa Folgendes zu lesen:

"Achill nennt Agamemnon einen Feldherrn, "der weder vorwärts noch rückwärts denken kann". Diese Formulierung kennzeichnet die Taktierer, die keinen Bogen in die Zukunft schlagen können. Man sieht: Die Debatte ist nicht neu. Dieses Kurzatmige ist sehr, sehr präsent in Berlin."

Nett ist, daß die TAZ die Miturheberschaft der Medien an dieser Misere nicht ausklammert. Jedenfalls eröffnen die Kollegen das Gespräch mit der etwas ranschmeißerischen Erkundigung, ob ihm Journalisten nicht auf die Nerven gingen, was der Landesvater zwar zunächst höflich relativiert, um dann aber doch seinem Ärger Luft zu machen:

"Seit etwa fünf, sechs Jahren führen Journalisten Interviews, um daraus Agenturmeldungen zu produzieren,"

erklärt Kretschmann – und weiter:

"Dieses zusammenhanglose Zitieren aus Interviews erzieht uns Politiker zu etwas Falschem. Wenn wir dreimal erlebt haben, daß uns aus dem Zusammenhang gerissene Sätze um die Ohren gehauen wurden, biegt man in die Spur gestanzter Phrasen ein."

Überhaupt wendet sich Kretschmann gegen die heutzutage gängige Routine des Skandalisierens: ob Brüderle, Steinbrück oder Schavan – es sei fürchterlich, jeden Politiker einem Moraltest zu unterziehen, denn dann – und das muß nun wieder wörtlich zitiert werden –

"Dann haben wir am Ende Jutta Ditfurth als Bundeskanzlerin, also den Fanatismus."

Diese Presseschau besteht heute nur aus Stimmen – und die zweite läßt sich so vernehmen:

"Ganz unabhängig davon, ob ich ein gläubiger Mensch bin oder nicht: als Schriftsteller muß ich mit Empathie über Leute schreiben können, die an Gott glauben. Sonst würde ich sehr enge Bücher schreiben."

Es ist Salman Rushdie, der der SÜDEUTSCHEN ZEITUNG ein Interview gegeben hat, und zwar in Berlin anläßlich der Verleihung eines Preises an die ARD-Korrespondentin Bettina Rühl. Rushdie, der es für "Bullshit" hält, vom Freiheitsbegriff kulturelle Ausnahmen zuzulassen – mal in China, mal im Iran, macht sich auch Sorgen um seine Heimat Indien und insbesondere seine verrückte Vaterstadt Bombay.

"Bombay – erklärt er – war immer stolz auf seine Toleranz. Die Leute dort sagten: Es gibt religiösen Ärger und Streit in anderen Teilen Indiens, aber nicht bei uns. Das stimmte lange Zeit. Jetzt beginnt leider das Sektierertum, mit dem Aufstieg der nationalistischen hinduistischen Bewegungen und des militanten Regionalismus. Es gibt in Indien halbfaschistische Bewegungen wie die Shiv Sena. Deren Führer Bal Thackeray, der kürzlich gestorben ist, hatte ein Hitler-Porträt auf seinem Schreibtisch."

Auch die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG bringt Stimmen zu Gehör, und zwar etwas mehr als eine Handvoll aus Zypern. Zu Wort kommt beispielsweise ein deutscher Geschichtswissenschaftler, der in Nikosia lebt. Hubert Faustmann sagt:

"In Deutschland wird nicht verstanden, dass Zypern und Griechenland zwei Welten sind. Es gibt hier keine Alltagskorruption. Es gibt westeuropäisch geprägte Verwaltungsstrukturen, einen relativ effizienten Staatsapparat und einen der höchsten Akademikeranteile der Welt."

Die Lyrikerin Christiana Avramidou, die in Berlin studiert hat, ruft:

"Die Deutschen müssen doch auch frustriert sein – also kämpft mit uns! Wenn Europa nur noch Überlebenskampf bedeutet, hat die Europäische Union alle ihre Grundsätze verraten, alles, was sie ausmacht, verfehlt."

Und der Sänger und Komponist Alkinoos Ioannidis empört sich über die, die sein Land jetzt unter Druck setzen:

"Ein Land besteht doch nicht aus seinen Banken, nicht aus seinen Politikern. Wir sprechen über europäische Bürger, die mit all diesen Spielen nichts zu tun haben, Leute wie Sie und ich. Deren Zukunft und die Zukunft von deren Kindern ist jetzt sehr unsicher."

Man könnte allerdings hinzufügen: auch die der zyprischen Banken und Politiker!