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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.11.2010

Von Blinddarm-Klappen und Strudelwürmern

Richard Dawkins: "Die Schöpfungslüge - Warum Darwin recht hat", Ullstein, Berlin 2010, 528 Seiten

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Richard Dawkins liest man nicht, man erlebt ihn. (AP)
Richard Dawkins liest man nicht, man erlebt ihn. (AP)

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Über 40 Prozent der Amerikaner sind davon überzeugt, die Erde sei nicht älter als 10.000 Jahre und alle Lebensformen seien von einem allmächtigen Gott in ihrer gegenwärtigen Form erschaffen worden. Die europäischen Länder ziehen nach, viele islamische überbieten die Daten noch.

"Die Schöpfungslüge" heißt das neue und wie immer ordentlich dicke Buch des Erfolgsautors Richard Dawkins. Einmal mehr möchte er die Evolutionstheorie in all ihrer Schönheit und Überzeugungskraft ausbreiten und die Nichtigkeit kreationistischer Gegenargumente entlarven. Dieses Mal widmet sich der Autor den vielen Beweisen, die aus der Evolutionstheorie ein komplexes und tragfähiges Gebäude machen, ohne deren Licht bekanntlich nichts in der Biologie Sinn ergäbe.

Kapitel um Kapitel lässt Richard Dawkins die Argumente vorbeidefilieren: Fossilfunde in Erdschichten, deren Alter sich wissenschaftlich zweifelsfrei bestimmen lässt. Plattentektonische Umbrüche und auseinander laufende Entwicklungslinien auf verschiedenen Kontinenten. Die erdrückende Beweislast von DNA-Analysen. Transformationsvorgänge bei Bakterien, die nichts anderes sind als Evolution live. Am Ende wagt er sogar ein religiöses Argument und stellt die Theodizee-Frage: Kann ein gütiger Gott so viel Fressen und Gefressenwerden in die Welt gesetzt haben?

Richard Dawkins ist nicht dumm. Wahrscheinlich schickt er insgeheim Stoßgebete der Dankbarkeit an seine kreationistischen Sparringspartner, denn die Auseinandersetzung gibt seinem biologischen Thema jede Menge zusätzliches Tempo. Wer außer eingefleischten Biologen legte sich sonst schon 500-Seiten-Wälzer über biologische Detailgebiete zu? Ohne Frage, Dawkins ist ein brillanter Autor, der aus schier endlosen Wissensbeständen schöpft und dessen Bücher man kaum aus der Hand legen kann, selbst wenn er seitenweise DNA-Methylierungsmuster erörtert. Intellektuelle Leidenschaft, die Kunst der freien Rede und ein mitreißender pädagogischer Impetus: Richard Dawkins liest man nicht. Man erlebt ihn. Und das, es sei wiederholt, nicht durch die Lektüre historischer Romane, sondern von Abhandlungen über Blinddarm-Klappen und Strudelwürmer.

Was also käme einem Autor dieser Güteklasse mehr zupass, als seinen Werken mit schonungslos-intelligenten Seitenhieben gegen die versammelte Beschränktheit wortgetreuer Bibel- und Koran-Auslegung den letzten Schliff zu geben? Denn dass er Fundamentalisten überzeugen kann, wird Dawkins wohl selbst nicht glauben. Je prachtvoller er sein evolutionsbiologisches Panorama ausgestaltet, umso mehr Befriedigung muss es monotheistischen Pfennigfuchsern verschaffen, die babylonischen Türme wissenschaftlicher Vernunft mit einem lächelnden Verweis auf Gottes ewige Übermacht beiseite zu fegen. So sitzen die Kontrahenten in einem Boot und schaufeln sich gegenseitig Wasser auf die Mühlen.

Dass dieses Theater keinem der Beteiligten zu nennenswerten Einsichten über die Wissenschaft oder die Religiosität verhelfen kann, liegt auf der Hand. Dennoch kommt etwas dabei heraus: Richard Dawkins wunderbare Bücher.

Besprochen von Susanne Billig

Richard Dawkins: Die Schöpfungslüge - Warum Darwin recht hat
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
Ullstein, Berlin 2010
528 Seiten, 24,95 Euro

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