Von Aufstieg und Abstieg

Popstar Prince © AP Archiv
Rezensiert von Tobias Rapp · 17.03.2006
Der amerikanische Journalist Alex Hahn schildert in "Besessen - Das turbulente Leben von Prince" Aufstieg und Fall des Popstars in den 80er und 90er Jahren. Das furiose Comeback des Künstlers bleibt in dem Buch leider außen vor.
Es ist eine merkwürdig beglückende Erfahrung, wenn man dieser Tage im Musikfernsehen über das neue Prince-Video "Black Sweat" stolpert. So viel mittelmäßiges Zeug hat er in den 90ern veröffentlicht, dass man sich verwundert die Augen reibt, wie großartig im Hier und Jetzt dieses Stück spielt: Mit hoher Stimme singt Prince über einen reduzierten Funkrhythmus, der gleichzeitig auf der Höhe der zeitgenössischen Beatverschachtelungswissenschaft ist, wie er an den Sound der 80er erinnert, der ja gegenwärtig sowieso gerne zitiert wird. Nach 20 Jahren ist die Popmusik nicht nur wieder bei Prince angekommen. Er ist selbst auch wieder da.

Da passt es, dass der Hannibal Verlag "Besessen - Das turbulente Leben von Prince", eine Biografie des amerikanischen Journalisten und Rechtsanwalts Alex Hahn veröffentlicht. Eine gute Kombination, in Anbetracht der zahllosen Rechtsstreitigkeiten, mit denen Prince sich in den 90ern seine Karriere verbaute.

Hahns Buch lässt sich leicht zusammenfassen, der Autor hat es praktischerweise in zwei Teile gegliedert: Da gibt es den Aufstieg, die Zeit bis 1988, als das epochale Album "Sign O‘The Times" erscheint. Und es gibt den Abstieg, das ist alles, was danach kommt. Knapp, aber anschaulich wird die Kindheit von Roger "Prince" Nelson geschildert, das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, einem talentierten Jazzmusiker, der die Familie sitzen lässt, als Prince zehn Jahre alt ist. Danach widmet er sich ausführlich der musikalischen Laufbahn des Musikers, der den Pop der mittleren 80er auf unnachahmliche Weise dominieren sollte - wie kein Zweiter gelang es ihm, den Mainstream zu bedienen, ohne seine künstlerische Identität aufzugeben.

Das ist so interessant wie langweilig. Denn mit Erstaunen stellt man fest, dass es über Prince tatsächlich so gut wie nichts zu erzählen gibt. Ja, eine erstaunliche Zahl schöner Frauen kreuzt seinen Weg, mit einigen spielt er Musik ein, die meisten verschwinden nach einer Nacht wieder. Ansonsten passiert aber nicht viel: Prince ist ein höchst disziplinierter Workaholic, der sich von den späten 70ern bis in die späten 90er, wenn er nicht gerade auf Tour ist, am liebsten im Studio einschließt. Das geht eine Weile lang gut, erstaunlich gut sogar. Zwischen 1981 und 1988 spielt er ja nicht nur sechs großartige Alben ein, nebenbei entstehen auch noch zwölf Platten für andere Künstler - wobei er als wahrhaft besessener Kontrollfreak für so gut wie jede dieser Platten nicht nur alle Songs schreibt, sondern sie auch komplett selbst aufnimmt. Andere Musiker braucht er vor allem für die Live-Auftritte und als Inspiration.

Doch dieser Wahn, so beschreibt es jedenfalls Hahn, richtet sich in den späten 80ern gegen Prince selbst. Freunde und Musiker wenden sich ab, er verliert das Gefühl für die Realität, was im jahrelangen Streit mit seiner Plattenfirma kulminiert, von der er sich schließlich löst, um in der selbstbestimmten Unwichtigkeit zu verschwinden.

Das ist zumindest Hahns Perspektive, der sein Buch in den USA vor drei Jahren veröffentlichte. Ganz falsch liegt er damit nicht. Das Prince-Oeuvre der Neunziger verblasst im Vergleich zu dem der Achtziger. Den Prince des Jahres 2006 bekommt man mit diesem Buch allerdings nur schwer in den Blick. Schon das Comeback des Jahres 2004 passt Hahn nicht wirklich ins Konzept. Ein angehängtes Nachwort warnt zwar davor, allzu große Hoffnungen in Princes Zukunft zu setzen. Doch schon "Musicology", die Platte, die vor zwei Jahren erschien, kam nicht nur bei der Kritik gut an, sondern verkaufte sich auch sehr gut. Was vor allem an dem innovativen Marketingkonzept lag: zu jeder Konzertkarte der "Musiclogy"-Tour bekam man eine CD. Und das neue Album "3121" verspricht die erste Platte seit fast 20 Jahren zu werden, die Prince wieder in der musikalischen Gegenwart verankert zeigt.


Alex Hahn: Besessen - Das turbulente Leben von Prince,
Hannibal Verlag,
München 2006,
388 Seiten
24,90 Euro