Von Arno Orzessek

Die Kulturpresseschau befasst sich unter anderem mit der Leipziger Buchmesse, Michael Thalheimers Abschiedsvorstellung am Hamburger Thalia Theater und den Folgen des Amoklaufs in Winnenden.
Von Montag an war die Leipziger Buchmesse, die dann am Mittwoch eröffnet wurde, der rote Faden in den ansonsten uneinheitlich tendierenden Feuilletons.

Die Tageszeitung DIE WELT machte das E-Book schon vorab als Mittelpunkt der Messe aus und gestaltete den ersten Feuilleton-Aufmacher der Woche wie eine Werbeseite für Sonys "Reader PSR 505". Das ist offenbar das bisher patenteste unter den digitalen Buch-Ersatz-Apparaten, denen von verschiedener Seite zugetraut wird, dem Papierbuch den Garaus zu machen.

Unten auf der Sony-Werbeseite äußerten sich sechs WELT-Redakteure zu ihren ersten Lese-Erfahrungen mit "Reader PSR 505"– und die fielen gemischt aus.

"Das Leseerlebnis verändert sich" [schrieb zum Beispiel Thomas Lindemann]. "Herumstöbern geht nicht. Ich fühle nicht, wie weit ich bin. Das Buch ist immer gleich dick. Außer¬dem gibt es auf dem Gerät eine seltsame Tendenz, einfach weiterzuklicken, obwohl die Seite noch gar nicht zu Ende gelesen ist. Vielleicht ist Unaufmerksamkeit der Fluch des Bildschirms."

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG dachte die Schriftstellerin Katharina Hagena darüber nach, wie man für das E-Book schreibt – und stellte die These voran, dass das neue Lesemedium dem Schreibverhalten wenig anhaben könne:

"Das E-Book ist für Schriftsteller nicht halb so bedeutend, wie es der PC war."

Erstaunlicherweise endet Katharina Hagenas anfangs entschlossen wirkender SZ-Feuilleton-Aufmacher in einer Reihe leicht verunsicherter Fragen:

"Werden E-Books neue Gattungen hervorbringen? Würde ich vielleicht automatisch einen schnelleren, lauteren, experimentelleren Stil wählen, wenn meine Texte nur in elektronischer Tinte existierten? Würde ich marktschreierisch schreiben, weil die Texte so leicht und leise wegzudrücken sind?"

fragte sich Katharina Hagena in der SZ.

Wohl der größte Krieger in der Kampfzone Literatur ist mittlerweile Google und näher Google-Books, die Tochter der weltgrößten Internet-Suchmaschine, die drauf und dran ist, die ganze Bibliothek der Menschheit einzuscannen und dabei äußerst lax mit dem Urheberrecht um¬geht.

Dagegen protestierte in der FRANKFURTER RUNDSCHAU Roland Reuß – und zwar laut¬stark:

"Was nottut ist, die durch Googles freibeuternde Aktivitäten geschaffene Enteignungskulisse auf die höchste politische Ebene zu hieven und zu einem Thema nationalen Inter¬esses zu machen. […] Die Öffentlichkeit hat ein Recht, darüber aufgeklärt zu werden, was die Hydra Google anrichtet."

So Roland Reuß in der FRANKFURTER RUNDSCHAU.

Das Theater fand in die Feuilletons der ersten Wochenhälfte vor allem durch Michael Thalheimers Abschiedsvorstellung am Hamburger Thalia Theater Eingang. Über Thalheimers Inszenierung des Reigen von Arthur Schnitzler schrieb Gerhard Stadelmaier – heillos entsetzt – in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG:

"[Die Sprechakte der Figuren] sind gurgelndes Geschrei, ihre Sexualakte vergewaltigendes Gewürge. Sie drehen sich im Reigen, als habe die Drehbühne sie ausgeworfen: Abschaum einer Hinterwelt, in der sie außer sich (und bitte: außer uns) die Liebe, die bei Schnitzler leise melancholisch stirbt, lauthals ermorden und zerquetschen. Und nach jedem Koitus windet sich jemand einsam pantomimisch stumm im Lichte und formt mit den Lippen […] "Scheiße"."

In diesem Ton ging das im übrigen immer weiter in der Thalheimer-Kritik des FAZ-Theaterkritikers Gerhard Stadelmaier. Hier noch ein paar Takte:

"Die Inszenierung beschwört reaktionär herauf: den Sex als Schmutz, den Mann als Schwein, die Frau als Opfer, die Lust als Gewalt. Was Thalheimer hier anrichtet, hat was von kleinbürgerlichem Schauer-Beichtstuhl, in dem der Regie-Pfaffe mit einem dauernden "Ego non absolvo, ihr Drecksäue!" die Szene fluchend segnet."

Überwiegend keine gute Presse erhielt in der ersten Wochenhälfte auch Kai Wessels Hilde, die Verfilmung des Lebens von Hildegard Knef mit Heike Makatsch in der Hauptrolle.

In der FRANKFURTER RUNDSCHAU schrieb Michael Kohler:

"Der Film ist weniger eine Biografie [von Hildegard Knef] als ein Schaufenster des deutschen Unterhaltungskinos. Er zeigt, wie unsere Produzenten ihre Erfolge zu erringen hoffen: mit geschmeidigen Inszenierungen, ordentlichen Schauwerten und dem unvermeidlichen historischen Nazi-Kolorit."

Gewohnt souverän hämte in der Wochenzeitung DIE ZEIT Kaja Nicodemus:

"Die Hilde, die der Film am ausgiebigsten zeigt und die sein Titel anbiedernd beim Vornamen grabscht, dieses Bademantel-, Boudoir-, Nacktpopo-, Schummerlicht- und Beziehungsgeredewesen, ist wahrlich das Uninteressanteste an ihrem dramatisch deutschen Leben. Was hätte die Knef selbst dazu gesagt? […] Etwa: "So etwas Dämliches könnte man mir, glaube ich, nicht mal in Vollnarkose entlocken.""

Als das Publikum diesen ZEIT-Artikel zu lesen bekam, stand Deutschland schon unter dem Schock des Amok¬laufs von Winnenden, wo Tim K. aus seines Vaters Schlafzimmer eine Pi¬s¬tole und überreich¬lich Munition genommen und 15 Menschen gemordet hatte.

Es geschah an dem Tag, an dem die Leipziger Buchmesse eröffnet wurde und der Historiker Karl Schlögel den "Buchpreis für europäische Verständigung" bekam – für das Werk Terror und Traum. Moskau 1937.

In der WELT berichtete Eckhard Fuhr:

"Dass der Festakt mit einer Schweigeminute für die Opfer von Winnenden begann, ist [eigentlich] eine Selbstverständlichkeit; bei einer Veranstaltung, die der Feier des Bu¬ches, also des Versuchs gilt, die Welt in Worte zu fassen, trifft solches Schweigen [jedoch] das Innerste. Der Amok unterbricht jede Geschichtserzählung."

Dieses war eine der hellsten Bemerkungen zum Amoklauf des Tim K. überhaupt. Überwiegend konnten die Feuilletons nur wortreich-hilflos das Faktum umkreisen, dass das Entsetzliche schon wieder geschehen ist und – verhängnisgleich – als perfide Ausgeburt des Medienzeitalters erscheint, in dem die psychischen Störungen die alten, die Inszenierungen der Massaker aber absolut zeitgemäße Nachahmungstaten sind.

Nachdem Thomas Steinfeld am Freitag in der SZ recht hochmütig daran gescheitert war, die Amok-Erklärungsversuche aller anderen für Blindheit zu halten, versuchte sich am Samstag Patrick Bahners in der Erklärung, warum es schon so viele Erklärungen für die Morde von Winnenden gibt.

Uns haben die feuilletonistischen Reflexionsüberbietungsversuche nicht behagt. Trotzdem sei Patrick Bahners hier das letzte Wort erteilt, das vielen anderen Statements zum Amok gleicht und das Bittere schlicht eingesteht:

"Die Gesellschaft kann nicht verhindern, dass ein Mensch sich an der Welt rächt, von der er sich gedemütigt glaubt."