Von Arno Orzessek
Die "taz" schaute diese Woche zu James Bond auf und die "Welt" zum Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle auf. Die Feuilletonisten gemeinsam schauten herab auf Peter Sloterdijk, der sich als Librettist versucht hatte.
"Man würde diesem Bond sogar abnehmen, dass er zwischendurch ein Buch liest",
adelte die TAGESZEITUNG den Aufsteiger der Woche.
Mit "Skyfall" in der Regie von Sam Mendes ist James Bond 50 Jahre nach dem ersten Job als 007 offenbar auch im feingeistigen Feuilleton-Diskurs restlos satisfactionsfähig geworden:
"'Skyfall' gleicht den von Tom Ford geschneiderten Anzügen, die [Bond-Darsteller Daniel] Craig trägt: auf Pomp wie unsichtbare Autos oder explodierende Kulis wird verzichtet, der 60er-Jahre-Hedonismus und auch der Humor finden sich auf sparsame Portionen reduziert, und heraus kommt etwas, das zugleich teuer und ökonomisch, klassisch und absolut modern erscheint",
verbeugte sich TAZ-Autorin Barbara Schweizerhof.
"'Skyfall' katapultiert James Bond in eine ganz neue Liga", konstatierte Tobias Kniebe in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und begründete sein Lob mit der Vermenschlichung des einst omnipotenten Superhelden:
"[Es gibt] jetzt Momente, in denen Bond sehr alt aussehen darf. Als mache er den Job tatsächlich schon seit fünfzig Jahren - auf jeden Fall aber viel zu lange. Die Augen sind rot unterlaufen, seine Kugeln treffen die Zielscheibe nicht mehr [ ... ]. Ständig wird seine Fitness hinterfragt, seine Eignung für den Außendienst. Zugleich aber gilt auch der ganze Außendienst [ ... ] als rückständig und überholt. James Bond, ein abgewrackter Feldarbeiter, mit Schwielen an den zitternden Händen?"
fragte sich SZ-Autor Kniebe, als könne er seinen eigenen Augen nicht trauen:
"Was wir sehen, wenn wir aufsehen", überschrieb die Tageszeitung DIE WELT ihre Huldigung, die allerdings nicht James Bond galt, sondern Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle, das vor 500 Jahren enthüllt wurde:
"Natürlich ist in der Sixtina [ ... ] zuerst die Schöpfungsgeschichte dargestellt, nicht Christus. Doch heute müssen wir uns tatsächlich fragen, was denn neben Gott und dem ersten Menschen die Sibyllen und Propheten sollen, die mit der Schöpfung eigentlich gar nichts zu tun haben? Was sie verbindet, ist nur ein Einziges: Sie haben [ ... ] Christus vorausgesagt. So weist diese Schöpfungsgeschichte aus der Hand des Michelangelo tatsächlich zentral auf Christus hin","
geriet WELT-Autor Paul Badde in gläubiges Staunen.
Während Michelangelo 1510 noch an der Sixtinischen Decke malte, kam Martin Luther nach Rom und übernachtete im Kloster der Augustinereremiten, die in der Sixtina bis heute die Aufsicht führen.
Zum Reformationstag fantasierte die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG davon, dass ein Gipfeltreffen zwischen Luther und Michelangelo die Reformation womöglich verhindert hätte.
""Hätten sie beide miteinander geredet, der italienische Künstler und der deutsche Mönch, hätten sie sich gar verstanden, dann hätte der junge Luther von seinem geistesverwandten Zeitgenossen, der auch an seiner Kirche litt und die Spannungen zwischen Anspruch und Wirklichkeit drastisch ins Licht stellt, vielleicht lernen können, wie man Kontraste aushält und mit der Kraft großer Kunst übersteigen kann."
Als Michelangelo mit seinem Fresko schließlich fertig war, wurde es von Julius II. eingeweiht. Michelangelos Kollege Raffael hat diesen Papst gleich zweimal porträtiert, wobei seine Werkstatt das eine Mal zumindest sehr fleißig mitgepinselt hat.
Weil das Frankfurter Städel nun die unter vielen Fachleuten weniger geschätzte Version ausstellt, brach in den Feuilletons ein Kunsthistoriker-Streit aus.
In der SZ sammelte Kia Vahland fünfspaltig Argumente, die gegen Raffaels Urheberschaft sprechen:
"Der Vergleich der technischen Aufnahmen und des verwendeten Materials erhärtet den Verdacht, der Maler der Frankfurter Version habe den intellektuellen wie sinnlichen Witz der Bildidee nicht begriffen. Er verschwendet Massen Bleiweiß auf den unwichtigen Rock des Papstes. Die Edelsteine der Fingerringe begeistern ihn, für deren Fassungen [ ... ] setzt er sogar echtes Gold ein - und fällt so in die doch gerade überwundene Konvention zurück, wonach ein Herrscherbild prunken muss."
Das Contra auf Vahlands klare Ansage kam von der FAZ. Für Andreas Beyer steckt in dem von der SZ madig gemachten Gemälde durchaus viel Raffael - weshalb er das Städel für Ankauf und Ausstellung belobigte:
"Man kann Museen [ ... ] als Lokale verstehen, von denen noch belebende Provokationen [ ... ] ausgehen, an denen Entdeckungen zu machen sind. Mit solcher Courage macht das Städel seit einiger Zeit von sich und damit von der Kunst reden."
Kaum einen Verteidiger unter den Feuilletonisten fand hingegen der Philosoph Peter Sloterdijk, der sich als Librettist versucht hatte.
Die Münchener Uraufführung der Oper "Babylon" - Musik: Jörg Widmann - missfiel auch der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG gewaltig.
"Großes war eben angesagt. Geworden ist daraus ein Schuss in den Ofen. [ ... ] Sloterdijks Problem [ ... ] liegt im Formalen. Bei den verquasten Gedankengängen, beim eitlen bildungsbürgerlichen Blendwerk, vor allem aber bei einer Sprache, die wichtig tut und doch nur nachahmt."
Reinhard J. Brembeck verhöhnte in der SZ gleich auch noch Widmanns Musik:
"Versatzstücke aus bayerischer Folklore, Music Hall, Betriebsfeier-Cancan, Faschingsball werden grell durcheinander gewürfelt und gipfeln in 'Die Affen rasen durch den Wald'. So etwas gibt's nur bei RTL und der manchmal von allen dramaturgischen Geistern verlassenen Bayerischen Staatsoper." -
Schließlich noch zum Ende von allem: zum Tod.
In seinem Nachruf auf den Komponisten Hans Werner Henze schrieb WELT-Autor Klaus Geitel:
"Henze, der Komplizierte, Hochtrabende, der sich an seinem biederen Westfalen stieß, verkniff sich konsequent die Esoterik der in strengen Zirkeln dahinschreibenden Neutönerei. Er schrieb seine Musik für jeden, der hören konnte und wollte."
Und die FAZ verabschiedete sich von Hans Werner Henze mit einem Titel, der sich auch als Grabmalsinschrift gut machen würde:
"Er suchte die Schönheit und den Glanz der Wahrheit."
adelte die TAGESZEITUNG den Aufsteiger der Woche.
Mit "Skyfall" in der Regie von Sam Mendes ist James Bond 50 Jahre nach dem ersten Job als 007 offenbar auch im feingeistigen Feuilleton-Diskurs restlos satisfactionsfähig geworden:
"'Skyfall' gleicht den von Tom Ford geschneiderten Anzügen, die [Bond-Darsteller Daniel] Craig trägt: auf Pomp wie unsichtbare Autos oder explodierende Kulis wird verzichtet, der 60er-Jahre-Hedonismus und auch der Humor finden sich auf sparsame Portionen reduziert, und heraus kommt etwas, das zugleich teuer und ökonomisch, klassisch und absolut modern erscheint",
verbeugte sich TAZ-Autorin Barbara Schweizerhof.
"'Skyfall' katapultiert James Bond in eine ganz neue Liga", konstatierte Tobias Kniebe in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und begründete sein Lob mit der Vermenschlichung des einst omnipotenten Superhelden:
"[Es gibt] jetzt Momente, in denen Bond sehr alt aussehen darf. Als mache er den Job tatsächlich schon seit fünfzig Jahren - auf jeden Fall aber viel zu lange. Die Augen sind rot unterlaufen, seine Kugeln treffen die Zielscheibe nicht mehr [ ... ]. Ständig wird seine Fitness hinterfragt, seine Eignung für den Außendienst. Zugleich aber gilt auch der ganze Außendienst [ ... ] als rückständig und überholt. James Bond, ein abgewrackter Feldarbeiter, mit Schwielen an den zitternden Händen?"
fragte sich SZ-Autor Kniebe, als könne er seinen eigenen Augen nicht trauen:
"Was wir sehen, wenn wir aufsehen", überschrieb die Tageszeitung DIE WELT ihre Huldigung, die allerdings nicht James Bond galt, sondern Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle, das vor 500 Jahren enthüllt wurde:
"Natürlich ist in der Sixtina [ ... ] zuerst die Schöpfungsgeschichte dargestellt, nicht Christus. Doch heute müssen wir uns tatsächlich fragen, was denn neben Gott und dem ersten Menschen die Sibyllen und Propheten sollen, die mit der Schöpfung eigentlich gar nichts zu tun haben? Was sie verbindet, ist nur ein Einziges: Sie haben [ ... ] Christus vorausgesagt. So weist diese Schöpfungsgeschichte aus der Hand des Michelangelo tatsächlich zentral auf Christus hin","
geriet WELT-Autor Paul Badde in gläubiges Staunen.
Während Michelangelo 1510 noch an der Sixtinischen Decke malte, kam Martin Luther nach Rom und übernachtete im Kloster der Augustinereremiten, die in der Sixtina bis heute die Aufsicht führen.
Zum Reformationstag fantasierte die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG davon, dass ein Gipfeltreffen zwischen Luther und Michelangelo die Reformation womöglich verhindert hätte.
""Hätten sie beide miteinander geredet, der italienische Künstler und der deutsche Mönch, hätten sie sich gar verstanden, dann hätte der junge Luther von seinem geistesverwandten Zeitgenossen, der auch an seiner Kirche litt und die Spannungen zwischen Anspruch und Wirklichkeit drastisch ins Licht stellt, vielleicht lernen können, wie man Kontraste aushält und mit der Kraft großer Kunst übersteigen kann."
Als Michelangelo mit seinem Fresko schließlich fertig war, wurde es von Julius II. eingeweiht. Michelangelos Kollege Raffael hat diesen Papst gleich zweimal porträtiert, wobei seine Werkstatt das eine Mal zumindest sehr fleißig mitgepinselt hat.
Weil das Frankfurter Städel nun die unter vielen Fachleuten weniger geschätzte Version ausstellt, brach in den Feuilletons ein Kunsthistoriker-Streit aus.
In der SZ sammelte Kia Vahland fünfspaltig Argumente, die gegen Raffaels Urheberschaft sprechen:
"Der Vergleich der technischen Aufnahmen und des verwendeten Materials erhärtet den Verdacht, der Maler der Frankfurter Version habe den intellektuellen wie sinnlichen Witz der Bildidee nicht begriffen. Er verschwendet Massen Bleiweiß auf den unwichtigen Rock des Papstes. Die Edelsteine der Fingerringe begeistern ihn, für deren Fassungen [ ... ] setzt er sogar echtes Gold ein - und fällt so in die doch gerade überwundene Konvention zurück, wonach ein Herrscherbild prunken muss."
Das Contra auf Vahlands klare Ansage kam von der FAZ. Für Andreas Beyer steckt in dem von der SZ madig gemachten Gemälde durchaus viel Raffael - weshalb er das Städel für Ankauf und Ausstellung belobigte:
"Man kann Museen [ ... ] als Lokale verstehen, von denen noch belebende Provokationen [ ... ] ausgehen, an denen Entdeckungen zu machen sind. Mit solcher Courage macht das Städel seit einiger Zeit von sich und damit von der Kunst reden."
Kaum einen Verteidiger unter den Feuilletonisten fand hingegen der Philosoph Peter Sloterdijk, der sich als Librettist versucht hatte.
Die Münchener Uraufführung der Oper "Babylon" - Musik: Jörg Widmann - missfiel auch der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG gewaltig.
"Großes war eben angesagt. Geworden ist daraus ein Schuss in den Ofen. [ ... ] Sloterdijks Problem [ ... ] liegt im Formalen. Bei den verquasten Gedankengängen, beim eitlen bildungsbürgerlichen Blendwerk, vor allem aber bei einer Sprache, die wichtig tut und doch nur nachahmt."
Reinhard J. Brembeck verhöhnte in der SZ gleich auch noch Widmanns Musik:
"Versatzstücke aus bayerischer Folklore, Music Hall, Betriebsfeier-Cancan, Faschingsball werden grell durcheinander gewürfelt und gipfeln in 'Die Affen rasen durch den Wald'. So etwas gibt's nur bei RTL und der manchmal von allen dramaturgischen Geistern verlassenen Bayerischen Staatsoper." -
Schließlich noch zum Ende von allem: zum Tod.
In seinem Nachruf auf den Komponisten Hans Werner Henze schrieb WELT-Autor Klaus Geitel:
"Henze, der Komplizierte, Hochtrabende, der sich an seinem biederen Westfalen stieß, verkniff sich konsequent die Esoterik der in strengen Zirkeln dahinschreibenden Neutönerei. Er schrieb seine Musik für jeden, der hören konnte und wollte."
Und die FAZ verabschiedete sich von Hans Werner Henze mit einem Titel, der sich auch als Grabmalsinschrift gut machen würde:
"Er suchte die Schönheit und den Glanz der Wahrheit."