Von Arno Orzessek

Die "SZ" druckt Günther Grass' Gedicht "Was gesagt werden muss", mit dem er Israel angreift - die Feuilletons reagieren. In "Zeit" und "SZ" geht die Debatte um das Urheberrecht weiter und die Tate Modern in London widmet Damien Hirst eine Ausstellung, was redlich debattiert wird.
"'Warum sage ich erst jetzt, / gealtert und mit letzter Tinte: / Die Atommacht Israel gefährdet / den ohnehin brüchigen Weltfrieden?'"

heißt es in einem neuen Gedicht von Günter Grass, das die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kommentarlos abdruckt.

Was es mit dem Poem, das auch in der NEW YORK TIMES und in LA REPUBBLICA erscheint, genau auf sich hat, das weiß indessen Henryk M. Broder.

Der Autor der Tageszeitung DIE WELT bezeichnet Günter Grass unter der Überschrift "Nicht ganz dicht, aber ein Dichter" als den "Prototyp des gebildeten Antisemiten" und zieht aus den Grassschen Versen radikale Schlüsse:

"Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel 'Geschichte werden'. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel."

Wir erwarten, dass da noch etwas nachkommt, und wenden uns derweil den Streithammeln an der Urheberrechtsfront zu.

"Wir werden enteignet!" klagt in der Wochenzeitung DIE ZEIT Jochen Greve, einer jener Tatort-Autoren, die sich von der Umsonstkultur im Internet bedroht fühlen und deshalb an die Öffentlichkeit getreten sind.

"Das Leidensmaß ist voll. Das geistige Eigentum wird immer mehr infrage gestellt, und nach den Wahlsiegen der Piraten äußern sich auch die großen Parteien immer schwammiger. Wir brauchen dringend eine Reform des Urheberrechts, mit der der Urheber etwas anfangen kann", "

fordert Jochen Greve in der ZEIT.

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG geht Reinhard Müller in seinem Plädoyer für geistige Eigentumsrechte im Internet bis auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 zurück und erläutert:

""Es bleibt weiterhin jedem unbenommen, sein Werk kostenfrei ins Netz zu stellen. Aber sowenig Verträge aufgezwungen werden dürfen, so wenig gibt es ein Grundrecht auf Kostenfreiheit für die Verwertung geistigen Eigentums. So können nur prälegale Ignoranten mit Gratis-Fetisch argumentieren."

Auch die Piraten unter Ihnen, liebe Hörer, werden zugeben - eine fulminante Formulierung ist das: "'Prälegale Ignoranten mit Gratis-Fetisch.'"

Fetischhaft sind sie, aber gratis waren sie nie - die Kunstwerke des Briten Damien Hirst, dem die Londoner Tate Modern zur Zeit eine Retrospektive widmet.

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG erinnert Catrin Lorch daran, dass Hirst noch 1996 im Gespräch mit David Bowie bemerkte, "eine Tate-Werkschau sei eher ein Begräbnis".

Dass Hirst mittlerweile "noch die letzte Produktreihe mit dem Gütesiegel 'Tate'" stempelt, findet SZ-Autorin Lorch indessen nur folgerichtig:

"Hirst hat die Mechanismen des Marketings in die Kunst implantiert und so das Phänomen Malerfürst für die Ära der Produktwirtschaft adaptiert. Er ist Kunst-Portfolio-Manager, der zusammen mit anderen auf den eigenen Kopf spekuliert."

Für DIE ZEIT hingegen ist Damien Hirst "Der letzte Kunstgott" und also kein "banaler Radaukünstler".

Besonders aufschlussreich findet ZEIT-Autor Hanno Rauterberg, dass aus vielen Hirst-Werken die schiere Angst spricht:

"Eine Angst, auf die er mit Gesten der Macht reagiert, mit einer Kunst der absoluten Beherrschtheit. Selbst in Hirsts Malerei ist alles millimetergenau justiert, jeder bunte Punkt ist in sich perfekt, so perfekt wie der Abstand zum nächsten perfekten Punkt. Das System ist total und schier ewig verlängerbar. Hier scheint das Ende tatsächlich überwunden."

Zum Schluss zu den Mühen der Ebene: 2009 hat Monika Maron in ihrer Reportage "Bitterfelder Bogen" den Aufstieg von Q-Cells beschreiben, der Solarfirma, die nun insolvent ist.

In der FAZ erinnert sich Maron an die "Arbeitslust, Begeisterung und das Bewusstsein, das Richtige zu tun" - womit es vorbei ist, weil es der Weltmarkt so wollte -, und sie bedauert, "dass das, was Menschen bei und mit einer Arbeit glücklich macht, kein ökonomischer Faktor ist".

Bleibt uns nur ein Gruß: Kopf hoch, Bitterfeld!