Von Arno Orzessek

05.11.2013
"Herrn Gurlitts Wundertüte", die Kunstsammlung aus Gurlitts heruntergerockter Wohnung, bestimmt die Feuilletons und wie der Kunstbetrieb still und heimlich vom Handel mit enteigneter Kunst profitiert. Daneben geht es um Woody Allens neuen Film "Blue Jasmine", der die Kritiker spaltet.
Widmen wir uns zunächst mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG "Herrn Gurlitts Wundertüte". Wie 1400 Kunstwerke in die Tüte gelangen konnten, ist im Einzelnen noch unklar.

SZ-Autorin Ira Mazzoni weiß aber zu berichten, dass der Kunsthändler Hildebrandt Gurlitt – der Vater von Cornelius, in dessen runtergerockter Wohnung man die Werke fand -, seinerzeit wegen sehr gezielten Sammeleifers im Fadenkreuz der Nazis stand.

"Vom örtlichen Kampfbundführer Karl Zimmermann wurde Gurlitt als ‚Kämpfer für den Krickel-Krakel-Klee, den Schmierer Nolde und den Ostmongoliten Barlach‘ verunglimpft" - was ja, fügen wir hinzu, aus heutiger Sicht eine prima Referenz ist. Die Referenzen von Cornelius, dem augenblicklich verdufteten Sohn, lassen hingegen zu wünschen übrig.

Und das missfällt Samuel Herzog, der in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG zu bedenken gibt: "Gurlitt hauste tatsächlich zwischen Bergen leerer Bierflaschen, Konservendosen und Pizzaschachteln. Er vermied Kontakte zur Aussenwelt und war ein unheimlicher Mitbewohner, wie die eilig befragten Nachbarn gern erzählen. Inwiefern er aber ein böser Bube war, ist längst nicht ausgemacht. Offensichtlich hat er sich vor dem Fiskus gedrückt – aber wie viele dieser Kunstwerke er zu Unrecht besaß, weiß derzeit niemand zu sagen."

Der NZZ-Befund deckt sich mit dem Befund der TAGESZEITUNG, die konstatiert:

"Keiner weiß, wohin die Bilder gehen werden."

In der Tageszeitung DIE WELT berichtet Hans-Joachim Müller Erhellendes und Verstörendes über die Schweigekartelle im Kunstbetrieb, die seit Jahrzehnten lukrative Deals mit der entarteten – und deshalb zumeist auch enteigneten – Kunst ermöglichen. Aber lesen Sie bitte selbst!

Müller vergisst übrigens nicht, die Werke in der Wundertüte zu würdigen.

"Wenn plötzlich 1400 Bilder mehr da sind, dann ist mit dem unverhofft dichter gewordenen Wegenetz der Bilder auch die ganze Kunstgeschichte der Moderne betroffen. Man muss sie nicht neu schreiben, aber man wird noch eine ganze Weile an den erforderlichen Ergänzungen schreiben."
Und nun: In die Ecke mit der Wundertüte! Ab ins Kino!

Woody Allens neuer Film "Blue Jasmine" mit Cate Blanchett als Ex-Milliardärin, die nach dem Selbstmord ihres verbrecherischen Mannes den Abstieg beginnt, spaltet die Kritikerzunft.

Andreas Kilb verfällt in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG – wie immer, wenn er etwas so umwerfend findet wie hier die Nahaufnahmen der Hauptdarstellerin – in semi-erhabenes Raunen.

"Der Blick in Cate Blanchetts Gesicht. Sein gläsernes Erstarren, wenn der Abgrund, dem Jasmine entgegengleitet, wieder ein Stück näher kommt. Sein Aufleuchten, wenn er sich für kurze Zeit entfernt. Mal ist dieses Gesicht wie Reispapier, hinter dem ein dünnes Lebenslichtlein brennt. Mal ist es eine Leinwand, über die die verwegensten Hoffnungen, Träume, Phantasien jagen. Man muss weit zurückgehen, bis zu Woody Allens langjähriger Lebens- und Filmgefährtin Mia Farrow, um eine Schauspielerin zu finden, die seiner Art des Erzählens auf ähnliche Weise kongenial ist", ...

...himmelt FAZ-Autor Kilb das Arbeitsgespann Blanchett-Allen an.

Papperlapapp dürfte Tobias Kniebe dazu sagen. Er stellt seinen Verriss in der SZ unter den Titel "Fifty Shades of Selbstbetrug".

"Leider spürt man den fortschreitenden Weltverlust, der Allens Werk seit längerem plagt, auch […] [in ‚Blue Jasmine‘] in jeder Szene. San Francisco zum Beispiel: Hier tummeln sich strikte Heteros, die jeden Dollar zweimal umdrehen, das Herz auf dem rechten Fleck haben und das Internet nur vom Hörensagen kennen. Ihre aggressive Vitalität wirkt so echt wie Ersatzkäse. Gerade da, wo er das ‚wahre Leben‘ zeigen will, erstickt der Film fast an der eigenen Künstlichkeit",

motzt der San Francisco-Kenner Tobias Kniebe, der indessen falsch liegt, wenn er glaubt, Käseersatz semantisch gleichwertig durch "Ersatzkäse" ersetzen zu können.

Falls Ihnen diese Maßregelung nicht passt, lieber Herr Kniebe, verbuchen Sie unseren Einwand bitte – mit einer Überschrift des Berliner TAGESSPIEGEL – als "Die Klage des Kauzes".