Von Arno Orzessek

Die "FAZ" wandert mit Botho Strauß durch die Uckermark. Die "SZ" hat eine kleine Papst-Serie aufgelegt. Die "taz" druckt Klartext zu Martin Kippenberger.
"Der Frühling kommt bestimmt","

titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG über einem künstlerisch und erotisch interessanten Foto Joseph Aitkens.

Es zeigt den australischen Tänzer in Igor Strawinskys Ballett "Le Sacre du Printemps", das fast ein Jahrhundert nach der skandalumwitterten Pariser Uraufführung nun im Großen Theater in Genf getanzt wird.

Das Foto ist, wie gesagt, klasse. Aitken fliegt hoch durch die Luft. Es fehlt nicht viel und die gewinkelten Arme und Beine würden ein fleischern-muskulöses Hakenkreuz bilden, das hier natürlich kein braunes wäre.

Isabelle Jakob gefällt die Inszenierung der Choreografen Andonis Foniadakis und Didy Veldman sehr gut. Die NZZ-Autorin formuliert jedoch keinen einzigen Satz, mit dem wir ihre Begeisterung übertragen und 100 Jahre "Le Sacre du Printemps" angemessen feiern könnten.

Was uns ein bisschen ärgert, liebe Hörer. Drum nur noch rasch Jakobs Resümee, das Sie bereits zur Hälfte kennen:

""Es braucht nicht immer einen Skandal, damit der Frühling kommt."

Tiefer Winter herrscht in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG in dem Artikel "Der alte Junge". Gemeint ist der 68-jährige Botho Strauß, mit dem Hubert Spiegel durch die verschneite Uckermark wandert.

Der Dichter bewohnt dort im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin seit zwanzig Jahren ein Haus.

"Ich war eigentlich überall auf der Suche, im Spessart, im Allgäu, im Elsass. Dann kam ich hierher und war sofort sicher, dass ich den mir gemäßen Ort gefunden hatte. Endmoränenlandschaft. Jeden Morgen derselbe Ausschnitt im Fenster, immer gleich und doch immer anders im immer anderen Licht."

Wir haben schon lange nichts mehr von Strauß gehört und gelesen, obwohl wir oft auf dem Motorrad durch die Uckermark und auch durchs Straußsche Reservat streifen; womöglich kennt er das Gebrabbel unserer Honda.

Aber so oder so: Hier noch eine tiefere Erkenntnis des alten Jungen vom Lande, der übrigens auch eine Wohnung in Berlin-Charlottenburg hat, in der Stadt, die er nicht liebt:

"Gesellschaft, das ist heutzutage das, was Debatten führt, mehr nicht. Was wäre darüber zu sagen? Interessant, mehr als nur interessant wäre allerdings das funktionale Geheimnis eines Gemeinwesens, das immer noch von unbekannten Kräften zusammengehalten wird. Aber das ist wohl nicht entschlüsselbar."

Kein Geheimnis ist, dass Benedikt XVI. bald die Tiara absetzt und die oft unfromme SÜDDEUTSCHE ZEITUNG deshalb die kleine Serie "Papst und Welt" aufgelegt hat.

Unter dem Titel "Ein Kontinent wartet" – gemeint ist Afrika - erklärt Stefan Hippler, der Gründer der Aids-Hilfsorganisation Hope, was Benedikts Nachfolger brauchen wird:

"In Verbindung mit den afrikanischen Christen, eingebunden in eine globale und immer kleinere, aber komplizierter werdende Welt, wird er viel Weisheit brauchen. Und Weisheit, die findet man zuhauf in den Traditionen Afrikas, dem Kontinent der Hoffnung, nicht nur für die Katholiken dieser Welt. Ob diese Art von Weisheit reif ist für 1,2 Milliarden Katholiken weltweit, das weiß der liebe Gott allein."

Und womöglich weiß er auch, ob der SZ-Autor Hippler wirklich nach der Reife der Weisheit fragt – oder doch eher nach der Reife der Katholiken.

Aber nun. Klartext druckt die TAGESZEITUNG zu Martin Kippenberger, der demnächst 60 Jahre alt geworden wäre. Das Berliner Museum Hamburger Bahnhof zeigt deshalb die Retrospektive "Sehr gut – very good", über die Brigitte Werneburg schreibt:

"So dokumentarisch hatte ich Kippenbergers Werk nicht in Erinnerung. Und so wenig welthaltig. Die Kreise, in denen er sich bewegt und deren Attitüden er sehr zeitnah in seinen Arbeiten festhält, sind doch sehr übersichtlich. Und sehr lokal. 1988 entdeckt der Kippenberger seinen kräftigen Bauchansatz. Das ist dann einen eigenen Kalender, ‘Elite 88’, wert. So geht das dahin, sehr lustig und auch ein bisschen fad."

So war er wohl, der Kippenberger: sehr lustig und ein bisschen fad.

Der Berliner TAGESSPIEGEL entziffert die Ausstellung als "eine posthume Verbeugung" und behauptet, ein Beuys-Bonmot quasi kippenbergerisch auf links drehend:

"Jeder Künstler ist ein Mensch."

Lassen wir’s für heute dabei.