Von André Hatting

Zum 100. Geburtstag von Samuel Beckett gratulieren die Feuilletons feierlich und extensiv. Für die "Zeit" hat Franz Xaver Kroetz gar ein Dramolett zu Ehren Becketts verfasst. Was eine "Sanierungsfusion" ist, entnehmen wir dem Medienteil der "Süddeutschen Zeitung". Und die "Neue Zürcher Zeitung" sendet trostspendende Worte Richtung Osten.
Am Donnerstag vor genau einhundert Jahren kam Samuel Barclay Beckett auf die Welt. Natürlich gratulieren die Feuilletons feierlich und extensiv. DIE ZEIT aus Hamburg räumt in ihrer aktuellen Ausgabe fast ihren gesamten Kulturteil für den irischen Literaturnobelpreisträger.

"Beckett ist heute aktueller als 1960, dem Zenit seiner provokatorischen Wirkung",

erklärt Evelyn Finger in ihrem Beckett-Beitrag.

"Je mehr der Gesellschaftsvertrag sich als Chimäre erweist, je geringer die Chancen, in die so genannte Mitte der Gesellschaft zu gelangen (…) desto brisanter Beckett."

Franz Xaver Kroetz hat für die ZEIT ein Dramolett verfasst. Zu Ehren Becketts. "Übernächste Station müssen alle raus" heißt es. Bereits die Personenbeschreibung klingt viel versprechend:

"Sam: 100 Jahre alt, sieht aber jünger aus

Xare: 60 Jahre alt, schaut aber älter aus, nennt sich Kurt

Eine schwangere Frau: Schaut Sarah Jessica Parker ähnlich, ist es aber nicht"

Das Dramolett selbst schaut zunächst gedankenschwer aus, ist es aber nicht. Eher lustig. Zum Beispiel, wie Kurt in deutschem Englisch unablässig über seine doppelte Liebe zu Bavaria and Beckett radebrecht.

Auch Thomas Steinfeld ist dem Witz bei Beckett auf der Spur.

"Denn der witzige Autor ist der stärkste Autor überhaupt, und dieser demonstriert seine Stärke dadurch, dass es am Ende nicht mehr darauf ankam, was er schrieb, sondern nur noch darauf, dass er schrieb",

philosophiert Thomas Steinfeld einigermaßen verrätselt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Die spendiert Beckett eine ganze Seite zum Geburtstag. Der große Willi Winkler ringt beim Thema Beckett ehrfürchtig nach Worten:

"Er ist ein Heiliger der letzten Tage, Abgott der Literatur wie sonst nur Kafka, weil er alles, alles dafür drangab."

Der TAGESSPIEGEL spart in seinen Feuilleton-Aufmacher ebenfalls nicht an großen Worten für Samuel Beckett. Und auch hier ist die Kafka-Liga der einzig würdige Maßstab:

"Die geistige Welt ist seit Beckett nicht mehr dieselbe wie zuvor. Eine solche Zäsur durch die Literatur verbindet sich im 20. Jahrhundert sonst nur noch mit dem Namen Kafkas."

Die STUTTGARTER ZEITUNG erinnert an die lange Leidensstrecke des Menschen Beckett:

"Mit dreißig ist Beckett ein Wrack. Ein Landstreicher wider Willen, der hin und her reist zwischen Dublin, London, Paris, gejagt von Panikattacken, Herzrasen, Depressionen, Ekzemen, Schlaflosigkeit, Lustlosigkeit, Schreibhemmungen. Fast scheint es heute, als hätte er sich all die Jammergestalten (…) aus dem eigenen Leib geschnitten."

Reale Jammergestalten sitzen am Donnerstag im Berliner Landgericht. Drei Männer kurdischer Herkunft erwarten das Urteil im so genannten "Ehrenmord"-Prozess. Sie sind angeklagt, vor einem Jahr ihre Schwester ermordet zu haben. Es wird mit Haftstrafen von zehn Jahren bis zu lebenslänglich gerechnet. Eine schwierige Entscheidung für die Richter, meint Heinrich Wefing In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN:

"Würden die Brüder in erster Linie ihrer mutmaßlichen Ehrvorstellungen wegen verurteilt, wäre das genauso verheerend wie ein migrationspolitisches Weichspülen der Mordtat."

Was eine "Sanierungsfusion" ist, entnehmen wir dem Medienteil der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. RTL darf nämlich nun doch den Sender n-tv vollständig übernehmen. Um ihn zu sanieren. Das Kartellamt begründet seine plötzliche Meinungsänderung mit einer eigentümlichen Logik, der Sanierungsfusionslogik:

"Die Ermittlungen hätten (…) ergeben",

lesen wir in der SZ,

"dass auch bei einer Untersagung des n-tv-Deals die Werbekundschaft bei RTL (…) bliebe, da der Sender ohne die Anteilsübernahme eingestellt würde."

Trostspendende Worte Richtung Osten sendet an diesem Mittwoch die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG:

"Wäre Schönheit das ausschlaggebende Kriterium, hätte Görlitz bei der Bewerbung um den Titel 'Kulturhauptstadt Europas 2010' keinen Konkurrenten fürchten müssen."