Von Adelheid Wedel

Die überregionalen Blätter singen Lobeshymnen auf die neu restaurierte "Türckischen Cammer" im Dresdner Schloss. Der "Tagesspiegel" erklärt, "warum es allen Unkenrufen zum Trotz keine Krise der Klassik gibt". Norbert Leithold erhärtet in der "Literarischen Welt" die These, Goethe habe eine Liebesbeziehung zur Herzoginmutter Anna Amalia gehabt.
"Wenn August der Starke es abends einmal leger mochte oder eine seiner Mätressen beeindrucken wollte, kleidete er sich in einen Kaftan."

Zwei seiner Kalifengewänder sind ab Sonntag in der restaurierten "Türckischen Cammer" im Dresdner Schloss zu sehen. Die Feuilletons überschlagen sich mit Lobeshymnen auf diesen neuen Besuchermagneten in Dresdens:

"Die blaue Nacht, in die man den Zwang, lichtempfindliche uralte Gewebe zu schonen, umgewandelt hat, gibt von Hauffs und Andersens Märchen bis zu Goethes West-Östlichen Divan allem Gestalt, was unsere Phantasie über das frühere Morgenland gespeichert hat","

jubelt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. Die Sammelleidenschaft der Wettiner beschert uns, dass wir heute diese Kunst in Sachsen bewundern können. Schon im 16. Jahrhundert wurde der Grundstein dafür gelegt; ursprünglich als Waffenkammer gedacht, hielt später der Orient Einzug in die Dresdner höfische Lebenskultur, ""aus blutigem Ernst wurde prickelnder Zeitvertreib, die Türkenmode".

Über den Einfluss, den die üppige osmanische Hofkultur auf den sächsischen Hof ausübte, schreibt die FRANKFURTER RUNDSCHAU:

"Vor allem August der Starke sah in Sultan Süleyman dem Prächtigen ein Vorbild dafür, wie man kulturell ambitioniert, in der Lebensweise prachtvoll und zugleich staatspolitisch erfolgreich agieren konnte."

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG berichtet von einem "Tor zu Tausendundeiner Nacht" und meint damit wohl vor allem die zwei prächtigen Zelte, an deren Restauration 14 Jahre lang gearbeitet wurde und die eigens für sächsische Hoffeste gekauft worden waren. "Einzigartig" und "sensationell" sind die am häufigsten benutzten Wörter bei der Beschreibung der nun allen zugänglichen "Türckischen Cammer" in Dresden.

Der Begriff sensationell taucht auch in der LITERARISCHEN WELT auf und bezeichnet hier den Fund, den Norbert Leithold machte und den er zu einem Buch verarbeitete. Zufällig stieß er bei Recherchen auf den Briefwechsel des Grafen Goertz, eines Diplomaten am Weimarer Hof zu Goethes Zeit. Was da zu lesen ist, erhärtet eine Theorie, die seit dem Buch "Verbotene Liebe" des Italieners Ettore Ghibellino im Umlauf ist: Goethe hatte eine Liebesbeziehung zur Herzoginmutter Anna Amalia. Ghibellino vertritt die Ansicht, dass Frau von Stein lediglich als Deckadresse für diese Amour fou diente.

Leithold nun behauptet aufgrund der durchgesehenen Briefe, beide Damen pflegten ein Liebesverhältnis zum jungen Goethe, und zwar gleichzeitig. Und so lautet die kühne Schlussfolgerung:

"Die Geschichte von Goethes erstem Weimarer Jahrzehnt muss umgeschrieben werden."

Wir wollen nun nicht Richter spielen, aber dass uns Leithold eine Person aus der ehemals zweiten Reihe hervorholt und ihn, den Grafen Goertz, einst Prinzenerzieher und später "einer der fähigsten politischen Köpfe Preußendeutschlands", porträtiert, ist gewiss verdienstvoll.

Das Wort Krise geistert derzeit bedrohlich durch alle Nachrichtensendungen. Nun aber verbreitet der TAGESSPIEGEL Hoffnung und beschreibt, "warum es allen Unkenrufen zum Trotz keine Krise der Klassik gibt"."

Ausgangspunkt für diese Überlegung ist der 11. April an dem es in Berlin die zweite lange Nacht der Opern und Theater gibt. Erwartungsgemäß, so schreibt Frederik Hanssen, ""wird man im Gewühl wieder viele junge Menschen treffen, die neugierig sind auf die angeblich so verstaubte Hochkultur. Gerade die Klassik zeigt sich in der Hauptstadt so lebendig wie lange nicht"."

Für das Nachwachsen einer neuen Klassik-Hörergeneration hat Peter Schwenkow, der Chef der Deutschen Entertainment AG, eine plausible Erklärung:

""Irgendwann wird den meisten Rockfans die Musik der Bands zu laut. Außerdem fühlen sie sich unwohl unter lauter Teenies. Dann kommen sie erst ins Waldbühnenkonzert der Philharmoniker, als nächstes gehen sie zu einer Operngala mit Anna Netrebko - und schon sind sie bei der Klassik gelandet - und finden nun Gefallen daran, sich in die Musik zu versenken."