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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.01.2008

Vom Wasserklosett bis zur Hochkultur

Alexander Demandt: "Über die Deutschen", Propyläen Verlag 2007, 496 Seiten

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Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (AP)
Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (AP)

Während in Europa Grenzen fallen, gibt es hierzulande eine verstärkte Debatte über die Frage "Was ist deutsch?". Eine Antwort auf darauf will der Historiker Alexander Demandt mit seinem Buch "Über die Deutschen" geben und trägt in einer bunten Mischung allerhand Wissenswertes und Kurioses zusammen.

Alexander Demandt, emeritierter Althistoriker, lehrte und forschte drei Jahrzehnte lang an der Freien Universität Berlin. Er kann auf eine umfangreiche Liste von Publikationen zurückblicken, in denen er sich immer wieder kenntnisreich mit Themen jenseits seines Arbeitsschwerpunktes, der Antike, auseinandergesetzt hat. "Die ganze Weltgeschichte in einem Band" gibt es von ihm, sogar einen Traktat über "Ungeschehene Geschichte". Nun also auch eine Kulturgeschichte - "Über die Deutschen".

Auf 500 Seiten, unterteilt in 14 Kapitel, geht Demandt der Frage nach, was ist deutsch? Er versammelt "wohlvertrautes Kulturgut", Bewahrenswertes "aus dem reichen Schatz unserer Geschichte", "Bedenkenswertes" von dem, "was Deutsche für typisch deutsch gehalten haben". Impuls für dieses Unterfangen, so der Autor im Vorwort, sei die "schrumpfende Kenntnis des deutschen Kulturerbes bei den Einheimischen und die wachsende Zahl von Mitbürgern aus fremden Ländern."
Demandt will nach eigenem Dafürhalten die "Erinnerung an unsere kulturelle Vergangenheit" wach halten.

Dabei bezieht er sich auf eine Vielzahl an Erscheinungen. "Essen und Trinken", "Haustiere", "Volksfeste", "Landsknechte", "Sprechtheater" und "Nachklassische Literatur" sind nur einige der Phänomene, denen er in seinem Buch nachgeht. Auf chronologische Ordnung verzichtet er. Wer über so weit gefächertes Wissen verfügt wie Demandt, setzt sich einem Risiko aus - der Autor gerät ins Plaudern, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, schlägt übergangslos den Bogen über Jahrhunderte. Der Leser mag sich unterhalten fühlen ob der Vielzahl der Eindrücke, doch wird ihm bei diesem Verfahren auch schwindelig.

Demandts Kulturgeschichte ist ein bisschen wie Kirmes. Bunt und reizstark die Präsentation des Stoffes, mitunter auch grob. So erfährt man, dass sich Wasserklosetts auf deutschen Dörfern erst nach 1945 durchsetzten, jedoch nicht, wann sie in den Städten flächendeckend installiert wurden. Der Umstand, dass es etwa 14 Prozent überwiegend polnischer Familiennamen in Deutschland gibt, wird als Beleg dafür angeführt, dass Zuwanderer seit dem späten 19. Jahrhundert "inzwischen völlig assimiliert" sind. Dass der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller in den Salons von Rahel Varnhagen und Henriette Herz verkehrt haben soll, bleibt ebenso erklärungsbedürftig wie die Charakterisierung Klopstocks als "Hamburger" Dichter und "Begründer des Germanenkults". Auf Differenzierungen, Anmerkungen, Quellenangaben verzichtet der Autor zur Gänze und gibt sich auch - mit einer einzigen Seite - an Literaturhinweisen zum umfangreichen Material seines Buches äußerst bescheiden.

Nichtsdestotrotz: die Einzelinformationen, die Demandt anhäuft sind interessant. Pointierte Schreibweise und persönliche Kommentare des Autors machen seine Kulturgeschichte unterhaltsam. Einen nachvollziehbaren, methodisch schlüssigen Überblick über Identitätsentwicklung der Deutschen, Entstehung und Veränderung von Nationalbewusstsein gibt es allerdings kaum. Bestenfalls ist diese Kulturgeschichte eine Anregung, sich seine eigenen Gedanken über die Deutschen zu machen.

Rezensiert von Carsten Hueck

Alexander Demandt: Über die Deutschen. Eine kleine Kulturgeschichte
Propyläen Verlag, Berlin 2007
496 Seiten, 24,90 Euro

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