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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 19.10.2017

Vom Ringen mit dem Sprechen"Beim Selbstgespräch stottert man nicht"

Von Dörte Fiedler

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Jugendliche bekämpfen im Sommercamp das Stottern. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Jugendliche bekämpfen im Sommercamp das Stottern. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)

"Das ist so, als wenn Sie mit einem Auto auf eine rote Ampel zufahren und die Bremse funktioniert ab und zu nicht." - Der Stotternde lebt in einer Welt ständigen Kontrollverlustes. Das ist für ihn selbst und sein Gegenüber eine permanente Herausforderung.

Ich nehme die Fähigkeit und Möglichkeit zu sprechen als etwas Natürliches, normales wahr? Sicher, warum auch nicht, schließlich spreche ich täglich, ständig: morgens, mittags, abends, nachts. Ich bin mein Sprechen, es spricht für sich, ich spreche für mich. Im Sprechen formt sich mein Ich und wird sichtbar für andere. Meine Stimme: sie ist mir verlässliche Weggefährtin. Sie spricht für mich: von mir gewählte, von mir gewollte Worte. Spricht aus, was mein Wille ist.  -- Was wenn sie sich von der loyalen Weggefährtin zur Gegnerin entpuppt? Wenn es nicht um das Was geht sondern um das Ob – ob überhaupt.

"Ich bin Norbert Bender und stottere seit meinem dritten Lebensjahr. Wie ich stottere? Ich zieh’ dann gern so ein bisschen, --- so wie eben, so ein bisschen die Luft, kurz vor dem Sprechen ein, das ist eigentlich so mein typisches Stottern. Also ich wiederhole keine Worte. Ich dehne auch nicht. Entweder Block oder diese Atmung, diese Zwischenatmung. - Das sind so typische Stotterereignisse für mich."

"Also ich kann kann jederzeit mein Stottern abrufen. Ich kann ihnen sagen wie mein Lieblingseis heißt: Joyohhjjjjohogurteis."

"Aber ich kann natürlich auch blocken. Das gar keen Ton rauskommt und das sehr verzögert ist. Also Zuhörer merken dann so eine Pause."

"Das habe ich jetzt gelernt dass ich auch sagen kann: Ich möchte gerne einen Joghurteis. Also ich bin Ines Materne bin 54 Jahre alt und bin Sachbearbeiterin bei einer gesetzlichen Krankenkasse."

Kein Sprechen ohne Stottern

Ines Materne und Norbert Bender stottern, solange sie sich erinnern können. Das Sprechen ist für beide untrennbar verbunden mit Stottern und lange Zeit hat es sie eingeschränkt. Es hat sie geprägt und beeinflusst, es hat sich in den Mittelpunkt ihres Lebens gedrängt. Heute kommen beide gut zu Wort, wenn sie es wollen - mal mit mal ohne Stottern.

"Das ist noch genau dasselbe Gefühl da aber ich kann es halt beeinflussen, dann die Kraft raus zu nehmen und dadurch merkt man das teilweise auch gar nicht oder man merkt es nur ein bisschen." Stottern ist ein Phänomen, das es schon sehr lange zu geben scheint. Man könnte spekulieren: solange wie die sprechend kommunizierende Menschheit?

"Genau kann man es nicht sagen, vermutlich schon zur Zeit der alten Ägypter."

Das ist Peter Schneider, er ist Logopäde in Aachen und als Stottertherapeut spezialisiert auf die Behandlung von Kleinkindern und Kindern. Er erzählt, dass schon auf ägyptischen Hieroglyphen die Darstellung von Stottern zu finden ist:

"Man sieht einen Menschen, der hockt und der auf den Boden zeigt der irgendwie so gewellt ist, was Erdbeben bedeutet und der auf seinen Mund zeigt - und das ist ‚Erdbeben im Mund’ also Stottern."

Wie eine Erdbeben im Mund

Erdbeben im Mund - was für ein Bild - eine Erschütterung, ein Ereignis, das sich nicht klar voraussagen lässt, das gefürchtet ist und Angst macht, das unvorhergesehen von Innen nach Außen dringt, Lücken, Brüche, Risse hinterlässt.

Stotterereignisse widerfahren den Stotternden - es stottert sie – eher als das sie stottern. Definiert wird es so:

"Stottern ist eine Redeflussstörung, das heißt, der Sprechfluss ist manchmal normal und dann an anderen Stellen unterbrochen. Diese Unterbrechung ist unwillkürlich und tritt vor allem in drei Hauptformen auf, das sind die Wie – Wie Wiederholungen, die Deeeeeeeeeeeehnungen, die angespannten Sprech---- Pausen."

"Mein Name ist Martin Sommer, ich bin Neurologe und Oberarzt an einer Uniklinik für Neurologie und stottere seit der Kindheit. Das Stottern ist ja in der Wahrnehmung ein Verlust von sprechmotorischer Kontrolle, ich spreche, will etwas sagen und merke ein Wort hängt und das klappt nicht."

Körperlich bedeutet das, dass der Hauptmuskel des Kehlkopfes - der Musculus Vocalus - verkrampft, dadurch können die Stimmlippen nicht mehr schwingen und es wird kein Ton produziert. Das Dehnen, Wiederholen und auch die Blocks sind letztlich Reaktionen des Stotternden auf die Verkrampfung.

"Man muss sich vorstellen, dass für das Sprechen ein sehr komplexes Netzwerk zuständig ist im Gehirn und dass bei Stotternden Teile in diesem Netzwerk nicht gut zusammenarbeiten und dadurch eben eine erhöhte Fehleranfälligkeit besteht."

Fehleranfälligkeit im System

Und das ist ein  Dreh- und Angelpunkt des Stotterns – seine Unwillkürlichkeit! Es ist unklar, wann diese Fehleranfälligkeit eintreten wird. Jeder Stotternde kennt natürlich Wörter, die für ihn kompliziert sind oder ahnt, dass in Situationen das Stottern auftauchen könnte. Mit Sicherheit kann man es aber weder ausschließen noch vorhersagen.

"Das macht einen ein bisschen hilflos. Das ist so, als wenn Sie mit einem Auto auf eine rote Ampel zufahren und die Bremse funktioniert ab und zu nicht. Das ist sehr unangenehm und das ist dann nachvollziehbar das vieles, was gesprochen worden wäre gar nicht ausgesprochen wird."

Es ist ein Missverständnis zu glauben, Stotternde seien sich über die Inhalte, die sie sagen wollen unsicher oder zweifelten daran und kämen deshalb ins Stottern. Das Hängenbleiben passiert erst später beim "Abpacken" des Gedankens in die Artikulationsbewegung.

"Das Verletzende ist ja, dass ein Stotternder weiß, was er sagen will, er kriegt es bloß in dem Moment nicht flüssig raus."

Zu den hörbaren Symptomen können auch sichtbare Begleitsymptome kommen: ruckhafte Kopfbewegungen, grimassieren, heftiges Zwinkern, Mund aufreißen ... alles mit dem Zweck und Ziel, das Wort doch noch irgendwie herauszuzwingen.

"Stottern macht ja was mit einem."

Wolfgang Wendlandt ist wohl einer der bekanntesten "Stotter"-Psychotherapeuten.  Er hat in den 70er-Jahren die Berliner Stotterer-Selbsthilfe mitinitiiert und forscht und publiziert seit Jahrzehnten darüber:

"Wenn man selbst stottert, dann ist man voller Ideen, voller Gedanken, voller Gefühle, aber man kann die oft gar nicht an die Frau an den Mann bringen. Also man ist blockiert bezüglich der eigenen Spontanität. Das berührt, das ärgert. Das macht wütend. Aber es tritt auch ganz viel Scham auf. Und das Gegenüber ist genauso betroffen. Das Gegenüber hört plötzlich die Blockade, hört Wiederholungen sieht die Person, wie sie den Mund auf lässt, aufreißt, wie die Zunge raus kommt, wie Laute nicht rauskommen und die Person ist erst mal, wenn es eine fremde Person ist und nicht weiß, dass ein Stotternder da ist. Dann ist die Person erst mal hilflos, weil das übliche Muster zu reagieren, nicht da ist."

"Das hat alles mein Stottern wachsen lassen, meine Angst davor, mein Schamgefühl davor, das Stottern zu zeigen. Und dadurch wurde immer - ja hab ich mir nicht viel zugetraut, hab gedacht: Okay du stotterst und das ist so schlimm, dass -- ja du musst funktionieren und dass dich die Leute akzeptieren und mögen, musst du das so machen, wie sie das wünschen. Und ich hatte ein gutes Gespür und wusste genau was die Leute von mir erwarten und das hab ich dann gemacht, um das also diese Behinderung einfach kleiner zu machen. Das war der Weg. Immer angepasst sein, bloß nicht auffallen."

Vermeiden, Verstecken und Schweigen

Ein Bild für das Leben mit Stottern ist das des Eisbergs: Sichtbar für die Nicht-Stotternden ist der oben aus dem Meer ragende, bei weitem kleinere Teil des Eisbergs. Durch Vermeiden, Verstecken und Schweigen ist die Spitze des Eisbergs klein, aber gut verborgen darunter, im eisigen Wasser, nimmt der riesige Berg seine wahre Form an. Ein gewaltiger Brocken aus Angst, Scham, Schuld, Wut, Trauer der sich träge bewegt oder starr und massiv verharrt.

"Ich war jemand, der in all den Jahren nicht so auffällig war mit seinem Stottern, also relativ flüssig war. In vielen Momenten auch gerade in Zweier-Gesprächen oder so. Aber ich habe auch bestimmte Sachen vermieden: öffentliche Auftritte oder den Anrufbeantworter besprechen.  Also Sachen, wo es auftreten könnte, hab ich vermieden und was eben da war, war immer die Angst. Die Angst vor dem Sprechen. Gerade wenn es dann, also wenn ich gemerkt habe, da kommt Stottern oder da ist die Gefahr, dass ich stottere. Und diese Angst war immer präsent. Ich wollte eigentlich nicht als Stotterer erkannt werden. Umso schamvoller war es dann, wenn es erkannt wurde. Also wenn sich das nicht vermeiden ließ."

Seit vor ungefähr 20 Jahren die Magnetresonanztomografie breiter verfügbar wurde, hat man auch in der Stotterforschung versucht, mit bildgebenden Verfahren mögliche Ursachen des Stotterns im Hirn zu erkunden. Mehrere Studien gehen davon aus, dass eine Störung in der linken Hirnhälfte vorliegt:

"Die weißen Fasern, also die weiße Substanz, die Faserbahn der linken Hirnhälfte eben doch an bestimmten Stellen, die kritisch sind, weil sie sprechrelevante Areale verknüpfen, Schwächen aufweisen. Das heißt, wir haben offensichtlich eine Störung der Hardware in irgendeiner Form."

Und das führt dann zu etwas, was man sich wie eine Übertragungsstörung im Autoradio vorstellen kann:

"Wo man einen schlechten Empfang hat, aber es meistens noch so reicht. Aber wenn dann eine zusätzliche Störung eine Unterführung oder etwas hinzu kommt reicht es eben nicht mehr. Wir haben eine relativ unzuverlässige Übertragung die bei zusätzlichen Störungen wie Stress oder ähnlichem zusammenbricht und wo dann die Sprechflüssigkeit nicht mehr funktioniert. Das ist ein ganz brauchbares Bild."

Das Problem mit dem Motorcortex

Damit hatte man so etwas wie eine strukturelle Verursachung gefunden und viele weitere Fragen aufgeworfen:

"Wir haben dann die letzten Jahre uns gefragt, was bezüglich der Sprechbewegungen bei Stotternden nicht klappt oder wo jetzt der Hase im Pfeffer liegt. Da haben wir gefunden, dass der Motorcortex, also der Bereich des Gehirns, der die Bewegung steuert, sich bei Stotternden nicht gut auf das Sprechen vorbereitet. Man sieht bei Flüssigsprechern die Vorbereitungen auf den nächsten Sprechvorgang und der fehlt den Stotternden, und zwar je mehr sie stottern umso mehr fehlt der."

Herausgefunden hat man das mit transkranieller Magnetstimulation, einer physiologischer Methode, die elektrische Impulse an der Hirnoberfläche setzt. Dort wo im Hirn Bewegungen gesteuert werden sieht man dann 300 Millisekunden vor dem Sprechen eine minimale Zuckung der Zunge.

"Das heißt, ehe Sie sprechen, wird das motorische Areal im Gehirn, was die Zunge steuert, erregbarer."

Und bei Stotternden passiert genau das eben nicht oder viel weniger.

Der Haken, all dieser neurologischen Erkenntnisse liegt allerdings in der Plastizität unseres Gehirns, also in seiner Formbarkeit und Anpassungsfähigkeit. Alle Studien an erwachsenen Stotternden haben die Henne und Ei- Problematik, das heißt, wir wissen nicht, ist das was wir sehen, Ursache oder Folge langjährigen Stotterns.

Um das herauszufinden bräuchte man Studien zu stotternden Kindern und davon gibt es bisher noch zu wenige. Unabhängig von der Henne und Ei-Problematik sind die Erkenntnisse der neurologischen Studien für die Betroffenen sehr bedeutsam:

"Also ich war überrascht viele – oder einige sind doch sehr positiv angetan, weil sie wissen jetzt kommt es aus’m Hirn, jetzt haben sie sozusagen eine fassbare Ursache oder ein Korrelat gefunden, das eine brauchbare Erklärung liefert. Und das ist für Viele eine Entlastung, das war mir gar nicht so klar aber einige beschreiben das."

Muskelkater des Nichtgesagten

Die erlebte Entlastung hat auch mit Klischees und Vorurteilen zu tun, wie: Stotternde seien emotional labile Persönlichkeiten oder schwache Charaktere:

"Man hat vermutet oder man hat behauptet fälschlicherweise, dass Stottern eine psychische Ursache hat. Also in der Gesellschaft ist das leider immer noch transportiert, diese Vorurteile - Stotternde sind nicht so ernst zu nehmen, sind Muttersöhnchen und so weiter. Ich erinner’ mich an zwei Jugendliche die hatte ich mal gefragt: ‚Was ist das,  wovor ihr die meiste Angst habt in Zusammenhang mit eurem Stottern?’ – ‚Ja, das man uns für psychisch krank hält. Heute weiß man, Stottern ist genetisch mitbedingt, 80 Prozent ungefähr der Stotternden kommen aus Familien, wo gestottert wird. Und es gibt aktuelle Auslösebedingungen in Lebenssituationen, die dazu führen, dass Stottern stärker oder geringer ist."

Der Muskelkater des Nichtgesagten. In einem Buch des Sprachbehindertenpädagogen Axel Weber, finde ich diese Formulierung.

Diesen Muskelkater kennen wohl viele Stotternde nur zu genau: sich mit eigenem Namen vorstellen müssen, telefonieren, sich zu Wort melden,  vor Gruppen sprechen, spontan Gefühle äußern, Fremde ansprechen, Wünsche formulieren  - alles potentielle Muskelkatersituationen.

"Ich habe viele Wörter ausgetauscht. Dadurch wurden die Sätze aber ganz anders. Manchmal hat man mich, glaube ich, auch gar nicht verstanden. Blitzschnell geht das ja dann alles. Und ich habe gut andere Leute für mich sprechen lassen. Das war auch von mir ein Verhalten."

"Wie denn?"

"Zum Beispiel habe ich auch als junge Mutti. Also wenn ich beim Kinderarzt war, da hab ich auch nicht so gute Erfahrungen gemacht - und als meine Kinder sprechen konnten und krank waren, habe ich ihnen auf dem Weg zum Arzt alles gesagt, was sie ihm sagen müssen. Und ich habe dann nicht mehr gesprochen, weil ich mich als Mutter nicht ernst gefühlt habe. Das war dann dieses Stottern, da kam dieser Name – und ach schon in der Anmeldung ging es ja schon los ---. Somit bin ich immer mehr in Vermeidungsverhalten reingekommen."

"Hol mal tief Luft!"

Ines Materne hat unzählige Male die gutgemeinte Aufforderung: Hol mal tief Luft und dann sagst du es noch mal, gehört. Beim Einkaufen wird sie gebeten, doch ihren Wunsch lieber aufzuschreiben. In der Schule wird ihr gesagt, sie solle sich nicht mehr melden, ihre Antworten dauerten einfach zu lange. Sie wäre gern Schneiderin geworden und musste hören, dafür sei sie ungeeignet, das sei ein Sprechberuf.

"Ja und dadurch ist mein Stottern auch. Auch gewachsen. Es wurde immer ausgeprägter."

Vielleicht wird man mit einer genetischen Veranlagung zum Stottern geboren, ob es dann auftauchen wird oder nicht, bleibt ungewiss. Ob man allerdings verstummt und in der Selbstisolation landet, oder ein "entspannt flüssig Stotternder" wird, darüber entscheidet auch das Wechselspiel der Kommunikation.

"Ich hab mich vielleicht selber auch ein Stück stigmatisiert. Also bin nicht offen umgegangen mit meinem Stottern. Das fand ich jetzt im Nachhinein ein bisschen schade. Weil dieser offene Umgang führt bei mir zum jedenfalls zum Angst-Abbau und damit zu weniger Stottern."

Ein beinahe zynischer Spruch zum Stottern ist: Wer nicht spricht stottert nicht.  Oder wie Peter Schneider sagt:

"Die Relevanz vom Stottern ist ja vor allem dann da, wenn jemand anderes es hört."

Und mit den Worten des amerikanischen Psychologen Joseph G. Sheehan: "It takes two to tango – it takes two to stutter."  

Zur Kommunikation gehören ja bekanntlich allermeistens mindestens zwei.

"Es erscheint eben in der Interaktion."

Selbstgespräche stottert man ja nicht und wenn man singt, stottert man nicht. Das ist ja, was man ja auch nicht erklären kann. Wenn Sie humpeln, dann humpeln sie auch alleine, wenn sie durch den Wald gehen und sich wohlfühlen. Aber wenn Sie auf der Straße sind, und andere Menschen da sind, und Sie angesprochen werden, dann können Sie vorher bevor Sie angesprochen wurden, wunderbar für sich vor sich hin geredet haben, Gedichte aufgesagt haben, was gesungen haben. Und Sie werden angesprochen und dann tritt die Stottersymptomatik auf. Das ist das Besondere beim Stottern. Es zeigt sich in der sozialen Interaktion. Es hängt von Kommunikationsdruck ab.

Wenn man als Gegenüber jemanden stst st stö stö  Stottern hört, dann merkt man sofort: "Oh nicht zu dicht dran, nicht rein in die Inhalte, nicht nachfragen. Was haben Sie gemeint? Was haben Sie gesagt?" Aber die Scheu ist auch beim Gegenüber da, sich inhaltlich vertieft mit der Person auseinanderzusetzen.

"Stottern ist eine Zumutung"

"Ja, das kann ich aber auch ein Stück verstehen, dass Stottern eine Zumutung ist. Also würde ich nicht wegwischen diese Behauptung. Stottern ist eine Zumutung. Weil man muss zuhören. Man muss warten können und den anderen aussprechen – und diese Resonanz, die das macht, wenn jemand wirklich stark stottert, das merk ich auch bei mir, das gibt dann so ein leichtes Gefühl der Beklemmung."

PeterS zu Jan – was soll ich denn da tun – Jan: dadada oben –PeterS: da oben raufspringen? – Jan B: hmm. – PeterS: na gut – hau ruck, hau ruck, bin etwas müde. 

Das ist der Ton einer Filmaufnahme, die zu Diagnosezwecken gemacht wurde. Man hört die Familie Bemelmans vor etwa fünf Jahren als sie mit ihrem zu dieser Zeit zweieinhalb Jahre alten Sohn Jan das erste Mal in der Logopädiepraxis bei Peter Schneider waren.

janB: de de de der soo sosoll daaaas an Hahahand rantun. -  PeterS zu Jan: den soll er auch an die Hand ran tun?  - PS zu den Eltern – Ist das was ich jetzt höre so dadadas was sie sonst auch kennen?– KatrinB: ja, aber es ist noch sehr gut- PS: also das ist die leichte Variante? – BjörnB: leichte bis mittlere. ---– JanB: wawas wawas kokokokommt dadada raus?

Jan: Hallo. Sagst du mir mal deine Namen? - Jan - Du heißt Jan. und wie alt bist du. - Fast acht Jahre alt. Fast acht bist du schon - ja dass heißt Du kommst in die dritte Klasse? ...

Ich treffe Jan und seine Mutter Katrin Bemelmans in der Nähe von Aachen. Dass Jan beinah jedes zweite Wort gestottert hat, bis er etwa fünf war, merkt man heute nicht mehr:

"Und daran kannst du dich gar nicht mehr erinnern?"

"Doch schon. Man ist einfach nur ein bisschen sauer weil man da nicht sprechen kann. Den nächsten Satz nicht zu Ende machen kann."

Fünf Prozent der Kinder stottern

Etwa fünf Prozent aller Kinder fangen im Kleinkindalter an zu stottern und vier von fünf verlieren es auch wieder, ohne dass man weiß, warum es bei einigen wieder verschwindet und bei anderen eben nicht. Eltern hören deshalb oft von Kinderärzten: "Lassen sie mal, das ist normal, das verliert sich von alleine wieder."

Katrin und Björn Bemelmans fühlten sich aber verständlicherweise sehr hilflos und wollten nicht länger abwarten:

"Also das, was uns dazu bewogen hat, dass wir gesagt haben, nee wir müssen auf jeden Fall etwas machen, oder da muss was passieren, ist halt dass er resigniert hat und nicht mehr gesprochen hat. Ihn hat das so gefühlsmäßig glaub ich wirklich mitgenommen damals, dass er uns einfach nicht sagen konnte was er wollte."

Aber nicht allein das ist ein Grund frühzeitig mit einer Therapie zu beginnen, denn Erfahrungswerte zeigen dass:

"Wenn man innerhalb des ersten halben Jahres mit der Behandlung beginnt nach Störungsbeginn, dann hat man die besten Chancen, dass die Symptomatik sich deutlich erleichtert oder sogar das Stottern weggeht."

Auch nach einem Jahr seien die Chancen noch groß, danach werden sie wohl deutlich geringer, meint Peter Schneider:

"Es schließt sich ein Zeitfenster wahrscheinlich in der Hirnentwicklung, wo entweder die kompensatorischen Maßnahmen im Gehirn noch wirkungsvoll sich etablieren oder  - was da genau passiert im Gehirn weiß man nicht, aber es scheint sich so ein Zeitfenster zu schließen. Es gibt ja für viele Dinge so sensible Phasen in der Entwicklung und das scheint das fürs flüssige Sprechen zu sein."

Kinder dürfen stottern

Peter Schneider hat deshalb mit seiner Kollegin Patricia Sandrieser einen Therapieansatz entwickelt, der bereits mit ganz jungen Kindern umgesetzt wird:

"Der nennt sich KIDS – Kinder dürfen stottern und dann in Klammern, aber sie müssen sich dabei nicht anstrengen und schlecht fühlen, wir zeigen ihnen wie man das locker und mit einem guten Gefühl machen kann."

Der KIDS-Ansatz orientiert sich an der Stottermodifikation, das ist eine der großen Therapieschulen, die heute weit verbreitet ist. Dabei geht es, grob gesagt darum angstfrei, ohne zu vermeiden "flüssig zu stottern" und das jeweilige Stotterereignis, dann wenn es kommt aufzulösen, ohne die gesamte Sprechweise zu verändern.

"Was wir für diese sehr jungen Kinder entwickelt haben ist, dass die Eltern das Modell für ihre Kinder sind, normalerweise das Modell fürs flüssige Sprechen das gucken sie von ihren Eltern von ihrer Umgebung ab, alles was sie tun und machen, aber für das Stottern, für diese Momente, wo sie nicht wissen wie es weitergehen soll, können die Kinder nirgendwo gucken."

Die Eltern werden so zu Co-Therapeuten und lernen unangestrengtes Stottern zu vermitteln. Auch Jans Eltern haben Pseudostottern gelernt:

"Also die lernen ein Stottern das leichter ist als das ihres Kindes: Mmm—ma-maMMMama sagt das Kind und die Mutter sagt dann: Was möchtest du denn von der Ma ma mama. Als erstes kommt man sich natürlich etwas blöd vor, wenn man aufgefordert wird zu stottern. Das war ja auch noch eine bestimmte Art und Weise, also dass man das wirklich selber total entspannt macht, obwohl man ja alles andere als entspannt war."

Mit dem frühen Beginn einer Stottertherapie, die einen offenen Umgang mit dem Stottern integriert, schafft man im besten Fall die Voraussetzung, dass Stotternde nicht durch eine sich zuspitzende Vermeidungsspirale in die Isolation rutschen. Heute bereits erwachsene Stotternde konnten als Kinder meist nicht auf solche Therapien zurückgreifen und mussten dann neben Sprechtechniken und dem Umgang mit dem Stottern, oft auch neu lernen den Rhythmus einer Begegnung zu erspüren:

"Du ich ich ich Du du. Wann ist man dran. Wer geht voran, Wer stoppt Wer wartet wer guckt –Das sind so Dinge die gelernt werden müssen.--- Wer ist verantwortlich für den Beginn einer Unterhaltung. Muss ich viel sagen, muss ich wenig sagen? Wie viel Prozent Verantwortung trägt jeder? Das sind so Situationen wo man merkt neben dem Sprechen ist ganz viel Körperkontakt und Interaktion, sind Unsicherheiten da, die in der Therapie mit bearbeitet werden müssen, sonst bleibt es zu oberflächlich."

Die Konfrontation mit der Welt zu suchen

Norbert Bender und Ines Materne mussten beide erst durch einen Prozess des OUTINGs hindurch, aus der Vermeidung heraus, und wieder lernen für sich selbst das Wort zu ergreifen.

"Ich fühlte mich nicht als Stotterer. Ich fühlte schon, dass ich mal gestottert habe, aber ich habe vermieden, mich zu outen sozusagen und mich damit zu beschäftigen.  Und ich war eben auch alleine mit diesem Problem, ich habe sonst keine anderen Stotterer gekannt."

Die Stotterer-Selbsthilfe war für beide dabei sehr wichtig. Ines Materne trainierte hier in der sogenannten In Vivo Arbeit sich ihren Ängsten und ihrer Scham zu stellen, es ging darum, raus zu gehen, die Konfrontation mit der Welt zu suchen, nicht zu vermeiden und immer wieder zu überprüfen, ob die Umwelt wirklich so reagiert wie befürchtet.

"Ich habe mir mal eine Konfrontation erlaubt. Da hatte ich die Aufgabe, dass ich mich vordrängle an der Kasse um etwas zu fragen. Und dann kam auch wirklich mein echtes Stottern und diese an der Kasse sagte: Möchten sie das aufschreiben und gab mir schon den Zettel und den Block und da hab ich gesagt: Nein, ich möchte das nicht aufschreiben, ich möchte es ihnen selber sagen. - Und das war für mich ein ganz tolles Gefühl. Und dann hat sie gesagt: Okay dann müssen jetzt die anderen warten und sie reden jetzt. Sie stellen jetzt ihre Frage. - Und da habe ich gemerkt, dass ich ernst genommen werde - Ich habe sie ja damit konfrontiert. Alle anderen auch. Ich bin da richtig stolz rausgegangen. Und es ist mir ja nichts Schlimmes passiert auch diese Erfahrung zu machen. Ich wurde von niemandem angegriffen. Niemand hat in der Schlange jetzt plötzlich lautstark: Was soll das?!, sondern es haben mir alle diese Möglichkeit eingeräumt. Ich denke, ich als Stotternde habe einen ganz großen Teil daran, dass Kommunikation gut klappt. Ich kann nicht nur sagen, was ich mir wünsche, sondern ich habe auch einen Anteil daran."

Für Norbert Bender kam das OUTING vor etwa sechs Jahren in Folge des Films The King’s Speech, ein Film um den britischen König George.

"Das hat so eine Seite in mir angesprochen, die gesagt hat, du vermeidest eben, du kommst ganz gut irgendwie durch dein Leben, so mit drei Kindern und Familie und so Beziehungen. Aber da ist immer noch diese Grundangst. Und dann dachte ich, wenn der das schafft, dann kann ich dddddda vielleicht auch noch was tun. Der Stotterer da ist ja sonst so oft der Doofe, der psychisch angeknackste in Medien und den Film und auch teilweise in Büchern und da war der Stotterer der Held. Das hat mich schon sehr bewegt muss ich schon sagen. Das war für mich schon ein wichtiger Punkt zu sagen: Das ist ein Teil von dir auch und das kann auch …  Also im Film wird ja auch gesagt, dass der König ein Held ist.

Ein Punkt für mich ist, dass ich irgendwie in der ständigen Auseinandersetzung mit mir bin. Dass ich mir nicht ausweichen kann. Mein Stottern fordert mich heraus.  Also dass mein Stottern da ist und es wird auch nicht mehr weggehen. Aber was kann ich alles machen mit Stottern. Was ist da alles möglich. Und da ist eine ganze Menge möglich. Das gibt mir aber auch eine Freiheit zu sagen Okay ich bin Stotterer: na und?!

Es brennt: Und der Stotternde ruft bei der Feuerwehr an, er kann aber nicht sprechen und was macht er? – also singt er: das Haus das brennt, das Haus das brennt, das Haus das brennt, – was sagt der Feuerwehrmann am anderen Ende?: – Fideralla Fideralla Fiderallalalala, also sprich: man kann auch singend durch die Welt gehen, aber das ist auch keine gute Lösung jedenfalls nicht in vielen Situationen."

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