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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.12.2006

Vom Politiker zum Staatsmann

Jonathan Wright: "Gustav Stresemann, 1878 – 1929, Weimars größter Staatsmann", Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, 688 Seiten

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Luftaufnahme von 1926 des Potsdamer Platzes in Berlin. (AP Archiv)
Luftaufnahme von 1926 des Potsdamer Platzes in Berlin. (AP Archiv)

Bekannt war Gustav Stresemann vor allem als Außenminister. Dabei wird leicht vergessen, dass er auch innenpolitisch eine große Rolle spielte. Für Jonathan Wright, Wissenschaftler an der Universität von Oxford, ist Stresemann "Weimars größter Staatsmann". Seine detailreiche Biografie ist auch für den historischen Laien eine gut lesbare Lektüre.

Gustav Stresemann war 28 Jahre alt, als er 1907 zum ersten Mal, als jüngstes Mitglied, in den Reichstag gewählt wurde. Zuvor hatte er einen fulminanten Wahlkampf hingelegt, innerhalb von sechs Wochen 55 Reden gehalten. Damals war er Mitglied der Nationalliberalen Partei, monarchistisch, aber schon liberal denkend. Imperiale Stärke nach außen und Reformbereitschaft mit sozialem Interesse nach innen, das war die Weltsicht des jungen Mannes, der sich an dem Theologen und Politiker Friedrich Naumann orientierte. Er gehörte zu denjenigen, die Max Weber als Berufspolitiker bezeichnete, ehrgeizig und nach Macht strebend.

Gustav Stresemann stammte aus einer Berliner Familie, der Vater besaß eine kleine Firma. Gustav war das jüngste von sieben Kindern, er durfte als Einziger studieren. Am meisten interessierten ihn Literatur und Geschichte, aber er studierte Nationalökonomie und wurde nach der Promotion Syndikus in einem sächsischen Industriellenverband, ein akademischer Experte, der auf neue Weise Politik als Beruf betrieb. 1903 heiratete er die Tochter eines Industriellen, das Paar bekam zwei Söhne.

Während des Ersten Weltkrieges setzte er sich vor allem für eine Sozialgesetzgebung ein. Als Fraktionsvorsitzender seiner Partei trat er jedoch auch für den "Siegfrieden" ein, für koloniale Expansion und einen unbeschränkten U-Boot-Krieg. Er blieb Monarchist, auch wenn er während des Kaiserreichs als scharfer Kritiker Wilhelms II. aufgetreten war. Im November 1919 gründete er die Deutsche Volkspartei, die DVP, die Partei der Industriellen, aber auch der Beamten. Zu dieser Zeit war er allenfalls zum Vernunftrepublikaner geworden.

Die Wahlen vom Juni 1920 markierten einen Wendepunkt für die DVP. Zum ersten Mal sollte sie an einer Regierungskoalition teilnehmen. Stresemanns Einsatz für eine Koalition der Mitte – oft gegen Mitglieder der eigenen Partei – war sein Beitrag zur Stabilität der Weimarer Republik.

"Er machte seinen Frieden mit der Republik", schreibt Jonathan Wright. Es ist diese Zeit, vom Anfang der 20er Jahre bis zum frühen Tod Stresemanns, er starb 1929 51-jährig, der der Autor besondere Aufmerksamkeit widmet. Er schreibt sehr detailreich und genau, gestützt auf zahlreiche Quellen aus Archiven und Privatsammlungen.

1923 wurde Gustav Stresemann Reichskanzler. Er war bereit, Verantwortung zu übernehmen, auch für unpopuläre Aufgaben, zum Beispiel für den Beschluss des Kabinetts, den passiven Widerstand gegen die alliierte Besatzung des Rheinlands aufzugeben.

Darin sieht Jonathan Wright eine Schlüsselsituation: "In diesem Augenblick hatte er sich von einem herausragenden Politiker mit einer ungewöhnlichen Neigung zur Konsenspolitik in einen Staatsmann verwandelt."

Stresemann war nur drei Monate lang Kanzler, dann wurde er Außenminister und blieb es unter den wechselnden Regierungen. Mit zunehmender Überzeugung setzte er sich für ein demokratisches Deutschland in einem demokratischen Europa ein. In den Locarnoverträgen führte er einen Ausgleich mit den Westmächten herbei. Das Deutsche Reich trat dem Völkerbund bei. Gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand erhielt Stresemann 1926 den Friedensnobelpreis. Drei Jahre später war er tot. Mitten aus dem politischen Leben gerissen.

Jonathan Wright verschweigt in seiner Biographie nicht, dass Gustav Stresemann auch Kontroversen auslöste. Vor allem in Frankreich fürchtete man sich vor einem militärisch neu erstarkenden Deutschland. In Locarno waren sowohl Briand als auch Chamberlain beunruhigt wegen seiner Politik gegenüber der Sowjetunion, zu der er gute Beziehungen anstrebte. Aber das Misstrauen, so berechtigt es auch gewesen sein mag, werde durch die Belege nicht gestützt, schreibt Wright. Er gibt Willy Brandt Recht, der später sagte: "Auch Gustav Stresemann wollte zweiseitige, nicht zweideutige Außenpolitik treiben, wie es die geographische Lage Deutschlands nun einmal erforderte und noch immer erfordert."

Jonathan Wrights Stresemann Biographie ist detailreich, gründlich, wissenschaftlich fundiert und durch die interpretierenden Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels auch für den historischen Laien eine gut lesbare Lektüre.

Rezensiert von Annette Wilmes

Jonathan Wright: "Gustav Stresemann, 1878 – 1929, Weimars größter Staatsmann",
Übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006
688 Seiten, 26 Abbildungen, gebunden, 39,90 EUR

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