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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.05.2020

Vom Ordnen der GedankenWarum Menschen ihren Alltag Tagebüchern anvertrauen

Li Gerhalter im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Aus einem alten schwarzen Tagebuch ragt ein schwarz-weiß Foto mit einer Frau. (imago images / Photocase)
Ende des 19. Jahrhunderts hätten Mediziner sehr empfohlen, Tagebuch zu schreiben, sagt die Historikerin Li Gerhalter. (imago images / Photocase)

Ob analog oder digital: Überall scheint der Coronaalltag beschrieben und dokumentiert zu werden. Kein Zufall, sagt die Tagebuchforscherin Li Gerhalter mit Blick auf frühere Krisen: Das dokumentarische Tagebuch sei von Medizinern empfohlen worden.

Auf Facebook, Twitter oder Instagram ist gerade sehr viel von und über Tagebücher zu lesen – sei es in digitaler oder gedruckter Form. Auf einmal scheinen sehr viele Menschen ihren Alltag festhalten zu wollen.

Ein Trend, der die Historikern Li Gerhalter gar nicht überrascht. Sie ist stellvertretende Leiterin der Sammlung Frauennachlässe an der Universität Wien und ist in der Geschichte schon häufig auf solche Tagebuchphasen gestoßen. Die gebe es häufig in Ausnahmezeiten – im Ersten Weltkrieg zum Beispiel, oder auch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Es seien immer Ereignisse, "die von vielen als eine Art Ausnahme wahrgenommen werden", sagt Li Gerhalter.

Es könne sich aber auch um individuelle Ausnahmesituationen handeln, ergänzt Li Gerhalter, "zum Beispiel um eine Schwangerschaft, die Geburt oder das Aufwachsen von Babys – und ganz verbreitet auch eine Urlaubsreise oder eine Bildungsfahrt".

Kein Ort der Geheimnisse

Es gehe dabei um die Dokumentation, das Erinnern – für sich oder die Kinder. Es könne aber auch eine psychologische Funktion haben, wenn Menschen eine Situation bewältigen oder ihre Gedanken ordnen wollen würden.

Ein schwarz-weißes Porträtfoto von Li Gerhalter (Paul Brauner)Die Historikerin Li Gerhalter (Paul Brauner)

In der Vorstellung handele es sich bei einem Tagebuch häufig um einen Ort der Geheimnisse, dem sei aber gar nicht so: Als Historikerin sei es für sie besonders interessant, wie vielfältig Tagebücher sein könnten – und welche unterschiedliche Formen sie annehmen würden.

Gerade das dokumentarische Tagebuch sei gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch sehr stark von Medizinern empfohlen worden: "Das hatte schlichtweg die Gründe, dass man die Kindersterblichkeit bekämpfen wollte, und dass man hier Material gebraucht hat, und dass auch die Eltern dann herzeigen konnten: Hier hat das Baby zugenommen, wieviel hat es gegessen – also einfach die Entwicklung." Man sehe hier "klare gesellschaftspolitische Interessen" – und weniger individuelle Geheimnisse.

(sed)

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