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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.01.2010

Vom Krieg in der Welt zum Beziehungskrieg

Erica Fischer: "Mein Erzengel", Rowohlt Berlin, Berlin 2010, 250 Seiten

Bestätigung einer alten Parole: Das Private und das Politische hängen eng zusammen.  (AP Archiv)
Bestätigung einer alten Parole: Das Private und das Politische hängen eng zusammen. (AP Archiv)

Das Schlussbild zeigt eine Frau, die sich in einem fremden Garten im Gebüsch verbirgt, um einen Blick auf die Familie zu werfen. Der Mann, der da mit Frau und Kind im Abendlicht steht, war einmal ihr Ehemann. Seit Jahren versuchte sie vergeblich, von ihm loszukommen. Die gemeinsame Geschichte und mehr noch seine Geschichte, seine Lügen, seine Inszenierungen, ließen sie bis zu diesem Moment nicht los.

Der Titel des neuen Romans von Erica Fischer bezieht sich auf diesen Mann, einen Holländer mit dem Namen des Erzengels, Michael. Im Bosnienkrieg in den 90er-Jahren operierte er als Fluchthelfer und setzte alle seine Lebensenergie dafür ein, bedrohte Menschen aus dem Krisengebiet herauszuholen. Doch diese Tätigkeit ist auch für ihn eine Flucht: eine Flucht vor sich selbst, seinem Misserfolg als Schriftsteller, seiner Ehe und seiner Frau Ruth, die Jahre später immer noch das Scheitern dieser Beziehung begreifen will.

Erica Fischer wurde 1943 im englischen Exil als Tochter jüdischer Eltern geboren, die nach 1945 nach Österreich zurückkehrten. Später gehörte sie zu den Initiatorinnen der österreichischen Frauenbewegung. Diese Elemente der eigenen Biografie hat sie auch ihrer Romanfigur Ruth mitgegeben: Sie ist Jüdin, Feministin, Kandidatin der Grünen, allerdings keine Schriftstellerin, sondern Schmuckdesignerin. Dass sie, die einst gegen patriarchale Gewalt und Abtreibungsverbot auf die Straße ging, nun heiratet, überrascht sie selbst. "Der Ehering verlieh ihr neue Sicherheit, als der Feminismus begann, sich als ihr Lebensmittelpunkt abzunutzen", kommentiert die Stimme der Erzählerin.

So wird diese Ehe- und Liebesgeschichte eben auch zur Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und dem politischen Werdegang. Michael wirkt auch deshalb so attraktiv, weil er den Männlichkeitsidealen der Frauenbewegung entspricht: Einfühlsam, besorgt, sich unterordnend, ist er in den ersten Monaten des Zusammenlebens mit nichts anderem beschäftigt, als sich um Ruths Wohlergehen zu kümmern. Doch mit dem Krieg und seinem Flüchtlingsengagement ist es damit vorbei. Die Entfremdung setzt ein; aus dem Krieg in der Welt wird auch ein Beziehungskrieg.

Der Handlungsbogen reicht über mehr als ein Jahrzehnt. Die Erzählerstimme ist immer dicht bei Ruth, ohne mit ihr identisch zu sein. Die Erzählerin blickt nüchtern auf das Geschehen, protokolliert im Stenogrammstil, ja, sie diagnostiziert eher, als dass sie erzählt. Die Ereignisse werden benannt und aneinandergereiht, sodass sie wie im Zeitraffer erscheinen. Nur einmal, als Ruth ein Heft mit Texten Michaels entdeckt – kurze Geschichten und Beobachtungen, die einen sehr einsamen Menschen kenntlich machen –, hat man das Gefühl, es tatsächlich mit Literatur zu tun zu haben. Diese integrierten Textstücke haben das, was dem eher sachlichen Roman fehlt: dass sich Gedanken aus Detailbeobachtungen entwickeln, nicht alles gleich eine Bedeutung haben muss und die Geschichte aus einer sprachlichen Bewegung heraus lebt.

"Mein Erzengel" gewinnt Dynamik dagegen aus der Konfrontation zweier Figuren, die in ihrer polaren Gegenüberstellung etwas konstruiert wirken: hier die frauenbewegte Jüdin, dort der Holländer mit Helfersyndrom, der als Sohn von Kollaborateuren (der Vater war bei der SS) aufwuchs. Opfer- und Täterkind also, die aber doch beide in ihrer Welt als Außenseiter aufgewachsen sind. Jahre später entdeckt Ruth, dass Michael einige Geheimnisse vor ihr hatte, die ihre gemeinsame Geschichte nun in anderem Licht erscheinen lassen.

Erica Fischer zeigt, wie untrennbar das Private und das Politische zusammenhängen. Sie nimmt damit eine alte Parole der Studentenbewegung auf und geht über sie hinaus: Auch Ruth blickt auf ihre politisch bewegte Vergangenheit wie auf die einer Fremden zurück. Deshalb ist "Mein Erzengel" ein trauriges Buch. Hinter der Liebes-Entfremdung steckt eine viel tiefere, biografische Befremdung.

Erica Fischer wurde 1943 im englischen Exil geboren. 1948 kehrten ihre Eltern nach Wien zurück. Sie studierte am Dolmetscherinstitut Wien, arbeitete als Dolmetscherin und gehörte Anfang der 70er-Jahre zu den Initiatorinnen und wichtigsten Aktivistinnen der österreichischen Frauenbewegung. Seit 1988 lebt sie als freie Autorin, literarische Übersetzerin aus dem Englischen und Journalistin in Deutschland, seit 1995 in Berlin. Bekannt wurde sie mit dem Roman "Aimee & Jaguar", der Liebesgeschichte einer Jüdin und einer deutschen Frau im Nazideutschland. Mit der Geschichte ihrer eigenen Familie hat sie sich zuletzt eindrucksvoll in dem Roman "Himmelstraße" auseinandergesetzt.

Besprochen von Jörg Magenau

Erica Fischer: Mein Erzengel. Roman.
Rowohlt Berlin, Berlin 2010, 250 S., 19,95 Euro

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