Vom Häuslebauen

    Das letzte Abenteuer

    Richtfest bei einem Hausbau.
    Richtfest: Wer es bis hierhin geschafft hat, kann bald einziehen. © imago / Shotshop / Schulzie
    Von Agniezka Lessmann und Frank Olbert · 05.06.2021
    Unter den Wünschen der Bundesbürger rangiert das traute Eigenheim ganz oben. Doch so ein Hausbau verläuft nicht ohne Hürden, Anstrengung oder Enttäuschungen. Mancher „Häuslebauer“ zahlt einen hohen Preis für die Erfüllung seines Traums.
    Was ist es, das man zum Überleben am nötigsten braucht, wenn man sich plötzlich allein in der Wüste, in der endlosen Eislandschaft Grönlands oder auf den Höhen des Himalaja wiederfindet? Einschlägige Survival-Ratgeber kennen hier eine einfache Formel:
    In extremen Witterungsbedingungen stirbt der Mensch – und zwar nach drei Wochen ohne Nahrung, nach drei Tagen ohne Wasser und nach drei Stunden ohne Unterschlupf. Wie gut sich jener Urinstinkt erhalten hat, der einst unsere Vorfahren dazu trieb, für sich und ihre Familien schützende Höhlen zu suchen, weiß jeder Sparkassenberater.
    Euro Banknoten, die zu einem Haus gefaltet sind.
    Beim Hausbau geht es – nicht nur, aber auch – erstmal um das liebe Geld. © imago / fStop Images / Andreas Schlegel
    Beim Hausbau geht es zunächst um Dinge wie Geld und Technik, um Kreditlaufzeiten, Tilgungsraten, staatliche Förderung, die Vorteile des Fertighauses, Dämmtechnik und so weiter. Jenseits dieser praktischen Aspekte ist jedoch vor allem der Mensch interessant, der eines Tages beschließt, dieses letzte Abenteuer der zivilisierten Wohlstandsgesellschaft in Angriff zu nehmen und ein Haus zu bauen.
    Was bedeutet der Hausbau für den Einzelnen, ganz persönlich? Zu welchem Zeitpunkt hat sie oder er sich entschieden, den Traum von den eigenen vier Wänden tatsächlich in Angriff zu nehmen? Und was bedeutet die Umsetzung dieses Plans – biografisch, sozial, finanziell und psychologisch?

    Ausdruck der Persönlichkeit

    Sigmund Freud betrachtet das Haus als Symbol für die Person. In Alltagswendungen wie "Wie gehts, altes Haus?" schwingt diese Gleichsetzung von Mensch und Gebäude noch mit. Baut, wer an seinem Haus baut, zugleich an seiner Persönlichkeit? Werden die meisten Häuslebauer deshalb nie "richtig" fertig mit ihrem Traum in Stein oder Holz?
    Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Wahl eines bestimmten Materials? Die Entscheidung für oder gegen eine Unterkellerung? Die Aufteilung der Räume? Die Gestaltung der Fassade und des Eingangsbereichs? Zu den Freuden des Bauens gehört ganz wesentlich der Spaß am Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Und nicht zuletzt auch das Signalisieren einer bestimmten sozialen Stellung.
    Vom Bungalow bis zur Villa, vom frei stehenden Einfamilienhaus bis zur Reihenhausschachtel – jenseits der bei uns üblichen Behausungen gibt und gab es andernorts immer schon auch ganz andere Lösungen.
    Von den Wohntürmen auf der Peloponnes über die Lehmbauten früher europäischer Siedler bis zu den Zelten der arabischen Nomaden, an all diesen Orten erfährt man etwas über die anthropologischen Grundbedingungen des Bauens und die Bedeutung ihrer vielfältigen Umsetzungsformen. Doch braucht man denn das eigene Heim wirklich?
    Ein aus Erfahrung klug gewordener Zeitgenosse hat das Bauen "das letzte Abenteuer der zivilisierten Wohlstandsgesellschaft"genannt. Nach außen hin sehen die letzten Abenteurer recht brav aus. Ihre Gründe für den Hausbau sind oft das Verlangen nach Sicherheit und die Familienplanung. Das archaische Bedürfnis nach einem Nest hält sich weder an Alters- noch an politische Grenzen.
    Unter den Wünschen, den sich jeder Bürger erfüllen möchte, rangiert das traute Eigenheim ganz oben. Der Psychologe Andreas Schäfer aus Martinstal bei Mainz stellt fest, dass zu den menschlichen Grundbedürfnissen essen, trinken und Schutz gehören. Letzteres bedeute, ein Heim zu besitzen.

    Projekt "Hausbau"

    Die erste Hürde beim Hausbau ist in der Regel die Finanzierung. Viele junge Paare sind dabei auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen, die das Grundkapital vorstrecken.
    Indem man den eigenen Raum gestaltet, gestaltet man sein Leben. Doch diesen Gestaltungsfreiraum muss man sich oft erst mühsam erkämpfen. Die Kommunikation mit Architekten verläuft nicht immer reibungslos. Der zukünftige Hausbesitzer will kein normales Standardreihenhaus, sondern wünscht sich eine individuelle Lösung, die seinen Bedürfnissen entspricht.
    Für die meisten Häuslebauer ist dieses Vorhaben von der Planung bis zur Fertigstellung psychisch sehr belastend, manch einem bereitet es schlaflose Nächte. Er pendelt zwischen Job und Baustelle, sie arbeitet, übernimmt den Haushalt und betreut die Kinder. Über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren haben die Partner wenig Zeit füreinander.
    Konflikte mit Architekten und Bauleitern sind keine Seltenheit. Grobe Fehler im Bau, die Angst, dass die Handwerker nicht kommen und Probleme bei der Finanzierung erzeugen Stress und schlaflose Nächte. Für manche endet das Ganze in einer großen Enttäuschung.

    Das Eigenheim in der DDR

    DDR-Bürger hatten den Drang, ein eigenes Haus zu besitzen, eher nicht. Petra und Günther Trautwetter erzählen davon, wie sie zu ihrem Haus gekommen sind. Sie erwarteten ihr zweites Kind, die Wohnung war zu klein. Günther war Lehrer am Gymnasium, dann sollte er versetzt werden und als Schulleiter nach Bebra gehen. Im Zuge dieser Versetzung wurde ihm ungefragt ein Haus angeboten – und da war es, das Eigenheim.
    Eine Kiste voll alter Spielzeughäuser.
    Baufällige Häuser wurden in der DDR meist abgerissen.© imago / fStop Images / Benne Ochs
    Die Häuser in der DDR waren oft in keinem guten Zustand. Oft waren sie baufällig und wurden abgerissen, um dann neu aufgebaut zu werden. Baumaterial, Armaturen und Möbel waren nicht frei erhältlich, sondern limitiert; Baumärkte wie in Westdeutschland existierten nicht. Man brauchte "Vitamin B" um die notwendigen Baustoffe zu bekommen. Nur Elektrik-, Schreiner- und Klempnerarbeiten wurden von Handwerkern ausgeführt, den Rest machte man selbst.

    Ökologischer Hausbau und alternative Lebensform

    Die ökologische Siedlung "Lebensraum Lilienthal" bei Bremen ist nach skandinavischem Vorbild entstanden. Das Projekts innerhalb der Stadt zu realisieren schien aussichtslos, also durchforsteten die Mitglieder der Bau-Gemeinschaft für ihr ökologisches Projekt das Bremer Umland. In Lilienthal fanden sie die geeigneten Bedingungen, und die Gemeinde stimmte dem Projekt Anfang der 1990er-Jahre zu.
    Das Konzept für die Entstehung dieser Siedlung sollte auf einer gesunden Lebensweise basieren. Für die Umsetzung bedeutete das die Verwendung natürlicher Baumaterialien, Vermeidung von Primärenergie und einen sparsamer Wasserverbrauch durch die Nutzung von Regenwasser. Für die Dämmung wurden beispielsweise Flachs, Iso-Flac oder Schafwolle genutzt.
    Hände messen Dämmmaterial eines Daches aus beim Bau eines Eigenheims.
    Ökologische Dämmmaterialien werden stark nachgefragt.© imago / Westend61 / Sebastian Dorn
    Das "Eigenheim" in solchen alternativen Bauprojekten bedeutet mehr als nur das ökologisch korrekte Dach über dem Kopf. Es geht auch um das Leben in einer generationsübergreifenden Gemeinschaft, die geprägt ist von Offenheit und einem intakten sozialen Zusammenleben.
    Auch heute noch ist das Umland der Städte für "Häuslebauer" sehr begehrt. Dieser Trend könnte sich nach der aktuellen Pandemie noch verstärken, da viele im Homeoffice arbeiten und diese Flexibilität voraussichtlich beibehalten werden.

    Die Sendung wurde am 17. November 2000 erstmals ausgestrahlt.

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