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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.02.2010

Vom Gehandelten zum Händler

Ausstellung "Pop Life" zeigt Selbstvermarktung von Künstlern

Von Anette Schneider

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Der britische Künstler Damien Hirst mit einer seiner Installationen. Er ist ziemlich gut darin, sich selbst zu vermarkten. (AP Archiv)
Der britische Künstler Damien Hirst mit einer seiner Installationen. Er ist ziemlich gut darin, sich selbst zu vermarkten. (AP Archiv)

"Gute Geschäfte sind die beste Kunst". Dieses Bonmot Andy Warhols machten sich zahlreiche Künstler zu eigen und entwickelten unterschiedliche Vermarktungsstrategien. Mit Werken von Warhol, Haring, Kippenberger zeigt "Pop Life", wie die Selbstinszenierung des Künstlers inzwischen zum Kunstwerk dazugehört.

Goldener Teddy von Jeff Koons trifft auf riesenbrüstiges Manga-Mädchen von Takashi Murakami sowie Siebdrucke und TV-Werbespots von Andy Warhol. Die Eröffnung der Ausstellung "Pop Life” ist programmatisch, zeigt sie doch Künstler, die, so Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers, Warhols Strategien aufgriffen und weiterentwickelten.

"Pop Art kennen wir alle: 60-er, 70er-Jahre, die Kunst geht auf die Straße, sucht sich die Motive der Straße, ... und verwertet sie in der Kunst. 'Pop Life' überträgt das Ganze in das Leben und macht das Ganze eigentlich zu einer Handlungsform. Es geht jetzt nicht mehr darum, dass man Motive aufnimmt aus der Massenkultur, sondern dass man sich die Strategien der Masse, des Business auch aneignet und selber in die eigene Haltung, in die künstlerische Position, die künstlerische Aktion integriert.""

Der Künstler als kapitalistischer Unternehmer in eigener Sache: Auf sehr viel Warhol folgen - in jeweils eigenen Räumen - Arbeiten von Jeff Koons, Takashi Murakami, Damien Hirst, Richard Prince und Keith Haring. Künstler, die Warhols Devise aufgriffen: "Gute Geschäfte sind die beste Kunst”.

"Und jeder sucht sich da so einen eigenen Bereich. ... Jeff Koons ist absolut der Medienstar. Der weiß wie kein anderer die Medien und die Macht der Medien zu benutzen: Seine große Inszenierung der Hochzeit mit Ilona Staller, dem ehemaligen Pornostar, hat er so vermarktet, dass er durch die Berichte, die die Boulevardpresse darüber schrieb zuhauf, auf einmal hochkatapultiert wurde in den Sternenhimmel der Berühmtheit, wie ihn sonst eben nur die Hollywood-Stars erlangt haben."

Ausführlich stellt die Ausstellung diese Strategien vor: Koons' Kitschinszenierungen. Den gefeierten Selbstvermarkter Damien Hirst mit seinen vergoldeten Schmetterlingsbildern - einer alten Idee, die er kürzlich wieder aufgriff, um sie in seiner Auktion zu viel Geld zu machen. Martin Kippenberger, der sich in Hunderten Briefen an seine Freunde selbst mythologisierte. Keith Haring, dessen Laden aus Soho nachgebaut wurde, der hier T-Shirts und Buttons verkauft.

"Alle Künstler - und das verbindet sie - fangen an, Rollen zu übernehmen, die eigentlich sonst im Kunstmarkt von anderen gespielt werden. Und sie werden vom Gehandelten zum Händler."

Was wie ein Akt der Emanzipation klingt, funktioniert jedoch nur, wenn das Produkt massenkompatibel ist. In der Regel wird dafür eine einmal erfolgreiche Idee unermüdlich reproduziert, wie Harings Strichmännchen, Koons Kitsch- oder Murakamis Mangawelten. Der Japaner lässt seine Bilder und Skulpturen in einem weltweit agierenden Unternehmen herstellen: bunt, zuckersüß und maßlos übertrieben. Aber eben doch so, dass sie reißenden Absatz finden. Zumal als Luxusausgabe: So wie Haring exklusiv Geschirr fertigte, designte Murakami für Louis Vuitton Blumentäschchen.

Damit diese Strategien länger als eine Saison funktionieren, verleihen ihnen Galeristen, Medien und Museumsleute höhere Weihen - indem sie ihnen tiefere Bedeutung zuschreiben, etwa Subversivität.

"Das Subversive kommt dadurch zur Geltung, dass man merkt, die Affirmation, das absolute Sich-Einlassen auf die Strategien, ist so stark, dass man merkt: Da steckt noch etwas hinter. Also, wenn Sie zum Beispiel in dem Raum von Murakami stehen und dann einfach so beschallt werden von dem immer gleichen Lied, das Sie erst einmal mit einem Ohrwurm aus der Ausstelllung herausgehen lässt, ist das erst einmal etwas ganz Tolles, was Sie sinnenhaft umfängt. Und irgendwann merken Sie: Das ist eine Infantilisierung der ganzen Kunst, der ganzen Welt, die so auf die Spitze getrieben ist, dass es natürlich eine bestimmte Szene sehr direkt und erfolgreich anspricht, aber wo man dann merkt: Der Künstler hat verstanden, Strategien zu benutzen, und dann, indem er sie benutzt, auch offenzulegen."

Man legt das Offensichtliche offen. Erklärt Banalität zum Mittel der Aufklärung. Markt und Publikum spielen dabei seit über 50 Jahren mit. Ob es sich bei alldem nun um Kunst handelt, um Kunsthandwerk oder Kommerz - dies zu entscheiden, überlässt die Ausstellung den Besuchern. Doch angesichts ihres Umfangs macht sich bald ein entlarvendes Gefühl der Leere breit: Man sehnt sich nach mehr Futter für's Hirn. Und so fordert Annabelle Görgen-Lammers:

"Wir sollten anfangen, über uns nachzudenken und über unsere Gesellschaft, und nicht die Kunst verteufeln. Weil die Kunst zeigt uns nur das, was unsere Gesellschaft bestimmt oder bestimmt hat."

Glücklicherweise gibt es auch Kunst, die nicht nur um sich und ihre Vermarktungsmechanismen kreist. Völlig unvermutet steht man plötzlich vor so einer Arbeit: einem auf dem Boden liegenden Pferd, in dessen Bauch ein Schild mit der Aufschrift "Inri” steckt. Dieser garstige Kommentar zum Thema Aberglauben stammt von Maurizio Cattelan.

London zeigte statt des Pferdes Cattelans Arbeit "All”: Sie umfasst neun Marmorskulpturen in Form von Toten, die mit Tüchern bedeckt sind. Assoziationen zum Beispiel an die zivilen Opfer des Afghanistankrieges, an italienische und bundesdeutsche Kriegsbeteiligung bleiben da nicht aus.

Ausgerechnet Cattelan versucht die Ausstellung als "Hofnarren des Kunstbetriebes” einzuverleiben. Dabei führen die Marmortoten und das gekreuzigte Pferd das Gegenteil der "Pop-Life"-Strategen vor: einen Künstler, der durch originäre Bildfindungen darum ringt, die herrschende Wirklichkeit zu fassen. Der provoziert, erschreckt und verstört, weil ihn die Wirklichkeit erschreckt und verstört. Etwas, was die ("Pop-Life"-Künstler - die unermüdlich um sich und die Mechanismen des Kunstmarktes kreisen - überhaupt nicht interessiert. Und plötzlich hat man dann doch noch Futter für's Hirn.

Service:
Die Ausstellung "Pop Life" ist vom 12. Februar bis 9. Mai 2010 in der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

Mehr bei deutschlandradio.de

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