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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.12.2007

Vom Fernweh

Theodor Fontane: "Von vor und nach der Reise", Aufbau-Verlag, 2007, 356 Seiten

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Theodor Fontane berichtet bereits 1873 von einem neuen Phänomen: dem Massenreisen. (AP)
Theodor Fontane berichtet bereits 1873 von einem neuen Phänomen: dem Massenreisen. (AP)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Reisen zum neuen Massensport des Bürgertums. In den Harz, an die Ostsee oder ins Riesengebirge - es zog die Deutschen in die Ferne. In dem Prosa-Band "Von vor und nach der Reise" schildert Theodor Fontana die witzigen, merkwürdigen und spannenden Gegebenheiten des damals neuen Phänomens.

Der Band mit Prosa von Fontane, der jetzt im Rahmen der "Großen Brandenburger Ausgabe" beim Aufbau-Verlag erschienen ist, kundig herausgegeben und so kommentiert von Walter Hettche und Gabriele Radecke, dass wirklich keine Frage offen bleibt, vereint Verschiedenes.

Wir finden Betrachtungen - "Plaudereien" heißt das natürlich bei Fontane, dem alten Causeur - über das Reisen. Wir finden regelrechte Erzählungen über meist komische, aber hin und wieder auch tragische Begebenheiten, die sich auf Reisen ergaben. Wir finden Flanerien, Feuilletons; und wir finden nicht zuletzt, nämlich insgesamt sieben Mal, kleine Porträts von lokalen Originalen, die Fontane vor allem bei seinen vielen Reisen in das oberschlesische Riesengebirge kennenlernte, eine Welt, in der die Zeit dem urbanen Berliner in mancher Hinsicht stehengeblieben zu sein schien.

Ob diese Texte wirklich neue Formen des Erzählens erproben, wie die Herausgeber kühn behaupten, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall sind diese 13 Stücke überwiegend amüsante Texte, die mit allen Vorzügen aufwarten, die man von Fontane kennt: die Gabe, elegant und flüssig zu erzählen, das Vermögen, Figuren in ihrer direkten Rede plastisch werden zu lassen sowie die Fähigkeit, jenen Anspielungshorizont des gebildeten Menschen im 19. Jahrhundert auf eine niemals aufdringliche, immer geistreiche Art einfließen zu lassen in Schilderungen von menschlichen Gedanken und Empfindungen.

Fontane, der mit wachen Sinnen die Strömungen seiner Zeit wahrnahm, hat früh registriert, wie das Reisen gewissermaßen zum neuen Massensport des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde. Er wäre nicht der Skeptiker und Ironiker gewesen, als den wir ihn kennen, wenn er dabei nicht auch die Auswüchse thematisiert hätte, die die neue Leidenschaft schnell mit sich brachte: die Ideologie vom gesunden Menschen, der sich in freier Natur quasi neu erfindet beispielsweise, ein vor allem in Deutschland gängiges mentales Muster, wo man ja aus allem eine Weltanschauung machen muss; die Tyrannei des Reisenmüssens, wenn man gesellschaftlich dazugehören wollte, weshalb sich schon früh bestimmte Modeorte herauskristallisieren, an denen man aber meist besonders schlechte touristische Bedingungen vorfindet; nicht zuletzt aber auch die Ernüchterung, wenn man zu Haus im Alltag wieder angekommen ist.

Fontane selbst, so können wir den Anmerkungen der Herausgeber entnehmen, hat eigentlich alle Stoffe dieser Texte dem eigenen Erleben entnommen, wenn man dazu auch das persönliche Erzähltbekommen rechnet. Er selbst ist nämlich gleichfalls viel gereist. Weniger, was man aus heutiger Sicht von einem Berliner erwarten würde, an die brandenburgischen Seen oder an die mecklenburgische Ostsee. Nein, Fontane und seine Familie zog es gern in den Harz, was wir auch aus seinem Roman "Quitt" wissen, an die Nordsee und eben immer wieder ins Riesengebirge, eine Landschaft, die uns heute, da sie seit langem zu Polen gehört, enorm fern gerückt ist.

Diese Gegend hat aber sehr lange deutsche Touristen fasziniert, gerade auch die Dichter, bekanntlich siedelte sich Gerhart Hauptmann, als er zu Geld gekommen war, dort an und starb dann schließlich 1946 auf seinem berühmten "Wiesenstein" in Agnetendorf. Das ist ein Ort, der auch hier bei Fontane mehrfach vorkommt. Gerade die Stücke, die im Riesengebirge angesiedelt sind, sind daher kultur- und mentalitätsgeschichtlich besonders aufschlussreich.

Erzählerisch am schönsten und originellsten sind vielleicht die Texte "Onkel Dodo" und "Wohin?" von 1886 beziehungsweise 1888. Ersterer handelt von der Begegnung des Ich-Erzählers mit einem der oben schon erwähnten Gesundheitsfanatiker, einer echten Nervensäge, die aber dabei so liebenswürdig ist, dass der Erzähler den Stab nicht über ihn zu brechen vermag - aus der Sommerfrische bei gemeinsamen Bekannten reist er trotzdem frühzeitig ab.

Fontane distanziert sich, fern von allem Schematismus, von dieser Figur, indem er diesen Ruhestörer Onkel Dodo einen Brand verursachen lässt, der seinem fanatischen Aktionismus geschuldet ist. "Wohin?" wiederum bringt in einer Rahmenerzählung die Geschichte vom beherzigenswerten Beispiel eines Berliner Schulrats, der einen heißen Sommer lang in der eigenen Stadt Tourist spielt, sich im vornehmen Hotel de Rome einquartiert, mit dem Baedeker in der Hand die Sehenswürdigkeiten abklappert und gewissermaßen im vertrauten Umfeld in eine andere Existenz eintaucht. Ein schönes Beispiel für die Erlebnisvielfalt, die die deutsche Hauptstadt bietet - zu Fontanes Zeiten ganz wie heute!

Rezensiert von Tilman Krause

Theodor Fontane: Von vor und nach der Reise
Aufbau-Verlag, 2007, 356 Seiten

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