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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.09.2008

Vom Denken, Handeln und Empfinden

Giacomo Rizzolatti und Corrado Sinigaglia: "Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls", Suhrkamp Verlag, 299 Seiten

Spiegelneurone in unserem Gehirn spielen eine Schlüsselrolle, wenn wir uns in andere Menschen einfühlen, wenn wir ihre Gefühle und Absichten erspüren, wenn wir Mitleid empfinden. Giacomo Rizzolatti hat die Spiegelneurone vor zehn Jahren in der Großhirnrinde von Rhesusaffen entdeckt. In diesem Buch schreibt Rizzolatti zusammen mit dem Wissenschaftsphilosophen Corrado Sinigaglia zum ersten Mal über die Konsequenzen seiner Entdeckung.

Die Experimente der Forschergruppe um Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma waren bahnbrechend: Motorische Nervenzellen von Rhesusaffen feuerten nicht nur, wenn ein Affe nach einer Erdnuss griff, sondern auch, wenn er beobachtete, wie ein anderer Affe dies tat. Und selbst dann, als die Nuss hinter einer Platte lag und der Affe nur den Arm des anderen hinter diese Platte greifen sah. Die betreffenden Nervenzellen spiegelten also die Handlungen des anderen. Rizzolatti nannte sie Spiegelneurone.

Früher dachte man, dass das Gehirn Bewegungen anderer versteht, indem es sie sieht und dann im Denken entschlüsselt. Und dass es eigene Körperbewegungen erzeugt, indem die Wahrnehmung ein Wissen erzeugt und dieses Wissen einen Befehl an die motorischen Neuronen gibt. Rizzolattis Forschungen zeigten hingegen: In den motorischen Feldern des Gehirns selbst gibt es Neuronen, die nur bei Handlungen aktiv werden, die sich auf Ziele richten, und auch dann, wenn wir diese bei einem anderen sehen.

In dem Buch von Rizzolatti und Sinigaglia geht es um die Neurobiologie des Handelns und des Verständnisses von Handlungen anderer. Im Italienischen heißt das Buch daher "So quel che fai. Il cervello che agisce e i neuroni specchio" - "Ich weiß, was du tust. Das handelnde Gehirn und die Spiegelneurone".

Von Empathie und Mitgefühl, die für den deutschen Markt in den Titel rückten, ist nur am Rande die Rede. Denn den Autoren geht es in ihrem Buch nicht um Psychologie, sondern um Neurobiologie. Und die machen sie auch einem Laien verständlich, der sich in die Zusammenhänge einlesen möchte.

Die ersten Kapitel behandeln ausführlich die Hirnarchitektur der Motorik. Motorische Felder führen nicht einfach nur Befehle aus, die in anderen Hirnfeldern erzeugt werden. Sie speichern das, was ein Affe oder ein Mensch mit einem Gegenstand tut und auch, wozu ihn dieser Gegenstand auffordert. Je nachdem, ob ein Affe Futter heranholt oder Futter wegschiebt, sind für dieselbe Armbewegung unterschiedliche Neuronen zuständig.

Handlungsneuronen verstehen also Bedeutungen von Gegenständen unabhängig von der Sprache. Das ist eine grundlegende Botschaft dieses Buches: Es gibt ein pragmatisches Begreifen der Welt, das "keiner Vermittlung durch Denken, Begriffe und/oder Sprache bedarf" und das auf dem "motorischen Wissen" beruht.

Mit den Spiegelneuronen kommt noch etwas hinzu: Motoneuronen selbst begreifen die Handlungen anderer Lebewesen. Sie werden bei den Rhesusaffen im Labor aktiv, wenn sie sehen, wie ein anderer Affe Futter bekommt, nicht wenn er selbst danach greifen will. Die Aufgabe dieser Neuronen ist es also nicht, etwas nachzumachen, sondern das Handeln anderer Lebewesen zu verstehen. Beim Menschen reagieren sie nicht auf eine virtuelle Hand, sondern nur auf eine lebendige, reale Hand.

Dazu muss man die Handlung allerdings von sich selbst kennen. Spiegelneuronen werden zum Beispiel nur dann aktiv, wenn ein Mensch einen Hund beißen sieht, aber nicht, wenn der Hund bellt. Spiegelneuronen von Tänzern reagieren mehr auf solche Bewegungen, die sie selbst geübt haben.

Motorische Spiegelneuronen fand man auch im Broca-Areal des Hirns, das für die Grammatik von Sprache zuständig ist. Vermutlich, meinen die Autoren, hängt dies damit zusammen, dass die Sprache aus Zeichen für Handlungen, aus Gesten hervorging.

Schließlich, und das führt zum Thema der Empathie, finden sich Spiegelneuronen auch in anderen Hirnteilen wie dem Insellappen, der für das Erkennen von Emotionen von Bedeutung ist und über die Steuerung von Bauchreaktionen die emotionale Empfindung färbt.

Hierin liegt die neurobiologische Grundlage des Mitgefühls: in der Fähigkeit, unmittelbar mitzuempfinden, was in einem anderen vorgeht. Zum Mitgefühl wird dies aber nur dann, wenn wir auch in einer nahen Beziehung zu diesem Menschen stehen.

Rezensiert von Ulfried Geuter

Giacomo Rizzolatti und Corrado Sinigaglia: Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008,
299 Seiten, 10,00 Euro

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