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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.09.2013

Vom Covergirl zur Kriegsreporterin

Becky E. Conekin: "Lee Miller - Fotografin, Muse, Model"; Lee Miller: "Krieg. Reportagen und Fotos. Mit den Alliierten in Europa 1944-1945"

Lee Miller in Hitlers Badewanne in München – Selbstporträt der Künstlerin, das 2006 in einer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen war (picture-alliance/ dpa)
Lee Miller in Hitlers Badewanne in München – Selbstporträt der Künstlerin, das 2006 in einer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen war (picture-alliance/ dpa)

Sie hat für "Vogue" und "Vanity Fair" gearbeitet und stand den Surrealisten nah. Doch 1942 akkreditierte sich die Amerikanerin Lee Miller als Kriegsberichterstatterin in Europa. Dort fotografierte sie Feldlazarette, zerstörte Städte und Konzentrationslager. Zwei neue Fotobände werfen einen Blick auf ihr Lebenswerk.

Jahrzehnte war sie vergessen. Doch seit Mitte der 1980er-Jahre ist die US-Fotografin Lee Miller wieder ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt. Das lag wohl auch daran, dass die 1907 geborene, die ihre Karriere als professionelles Modell Ende der 1920er-Jahren begonnen hatte, später die Bedeutung ihrer fotografischen Arbeit herunterspielte und ihr Berufsleben dem ihres Ehemannes, des britischen Surrealisten Roland Penrose, unterordnete.

Dass Miller aber zu Recht als eine der bedeutendsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts gilt, bestätigen derzeit gleich zwei Fotobände - nach ihrem Erscheinen 1992 beziehungsweise 2013 in London und New York sind sie nun auch in deutscher Übersetzung erschienen.

In der Modefotografie schuf sie Zeitdokumente

Die amerikanische Historikerin Becky E. Conekin legt ihr Hauptaugenmerk auf Lee Millers Modefotografie für amerikanische, britische und französische Magazine. Ihr umfangreicher, die Quellen gut ausschöpfender, biografischer Essay ordnet die überwiegend schwarz-weißen Modefotos Millers ihren zahlreichen Lebensstationen zu. Flankiert werden sie von einigen Fotos, die die Fotografin in privaten Situationen und zu Beginn ihrer Karriere als Modell für Chanel oder als Vogue- Covergirl zeigen.

Die von Miller selbst geschaffenen Fotos liest Conekin als Zeitdokumente und
als Belege für ihre eigenwillige Kreativität. Selbst in der Auftrags-und Werbefotografie erweiterte sie die Bildsprache und setzte immer wieder ungewöhnliche künstlerische Akzente. Sie sieht mehr als nur das Glamouröse und anders als ein bloßer Verkäufer. Denn als Stilikone für "Vogue" und "Vanity Fair" ins rechte Licht gerückt, kam Miller in Paris schnell mit den Surrealisten in Kontakt. Hier erfuhr sie entscheidende Impulse für ihre Arbeit.

Bei Man Ray lernte sie selbst das Fotografieren und entwickelte gemeinsam mit ihm neue Techniken. Danach machte sie sich in New York erfolgreich als Werbe-und Modefotografin selbstständig. 1934 gilt sie neben László Moholy-Nagy und Cecil Beaton als "herausragende lebende Fotografin" (Vanity Fair). Doch abrupt ändert sie ihr Leben, heiratet, lebt in Ägypten. Zwar weiterhin Teil des internationalen Jetsets, tritt sie als Künstlerin nicht mehr in Erscheinung. Um dann nach Kriegsausbruch in London erneut Mode zu fotografieren - doch auch die Situation in der immer stärker bombardierten britischen Hauptstadt zu dokumentieren.

Ihre Reportagen sind lebendig und tiefenscharf

An dieser Stelle ergänzt und kontrapunktiert der von Millers Sohn Antony Penrose herausgegebene Band mit Fotografien der Kriegsberichterstatterin den Eindruck ihrer bisherigen Arbeit. 1942 lässt sich Lee Miller als solche akkreditieren und ist bis 1945 mit alliierten Truppen bei der Befreiung Europas unterwegs. Sie fotografiert Feldlazarette, umkämpfte und zerstörte Städte, Konzentrationslager. Und schreibt darüber.

Dieser Band stellt zum ersten Mal neben der Fotografin auch die Reporterin Lee Miller vor. Und die ist tatsächlich eine Entdeckung: in der angelsächsischen Tradition der großen Reportage vermittelt Miller eine lebendige Vorstellung vom Krieg und dem, was er mit den Menschen macht. Vielfältig und tiefenscharf sind ihre Beobachtungen, sarkastisch, direkt, irritierend.

Ihr Humor, ihre Empathie und Unsentimentalität, aber auch ihr starkes Selbstbewusstsein dringt aus den Texten. Vielleicht unmittelbarer noch als die Fotos geben sie den Blick frei auf eine außergewöhnliche Frau und Künstlerin.

Besprochen von Carsten Hueck

Becky E. Conekin: Lee Miller - Fotografin, Muse, Model
Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Kotte und Harriet Fricke
Scheidegger&Spiess, Zürich 2013
223 Seiten, 38 Euro

Lee Miller: Krieg. Reportagen und Fotos. Mit den Alliierten in Europa 1944-1945.
Herausgegeben von Antony Penrose;
Aus dem Englischen von Andreas Hahn und Norbert Hofmann
Edition Tiamat, Berlin 2013
271 Seiten, 24 Euro

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