Vom Banker zum Roman-Autor

Von Brigitte Neumann · 20.10.2010
Philipp Meyer hat beides kennengelernt. Die Armut der weißen Unterschicht und den Reichtum der Wallstreet. In seinem Roman "Rost" schreibt er nun über den Untergang der Arbeiterklasse und das Ende des amerikanischen Traums.
Er könnte einer dieser Kerle aus dem Fitnessstudio sein: breites Kreuz, muskulöser Nacken, kahlrasierter Schädel. Wären da nicht diese unfassbar filigranen Finger. Auch der Riss im Hemd passt nicht, und auch nicht das leichte Lispeln.

"Als ich an die Wallstreet gegangen bin, da war ich 25. Am Anfang hat mich das stolz gemacht. Aber dann habe ich mich gefragt, was wohl mit den Leuten passiert ist, mit denen ich aufgewachsen bin. Das hat mich vielleicht unbewusst dazu bewegt, diesen Roman zu schreiben."

Der Roman heißt "Rost", und die Leute, mit denen Philipp Meyer aufgewachsen ist, die nennt man in Amerika heute "White Trash". Sie waren mal das Fundament des amerikanischen Wohlstands, die Arbeiter in der Schwerindustrie des amerikanischen Nordostens, in den Staaten des sogenannten Rostgürtels der USA.

"Diese Leute werden heute so derart an den Rand gedrängt. Wenn sie irgendwo auftauchen, heißt es: 'Ah, da sind sie. Schau, ihre schlechten Zähne. Wohnen im Trailerpark. Saufen. Gehen in den Knast.' Man sieht sie nicht mehr als Mitmenschen. Dabei waren das meine Nachbarn."

Als der 5-jährige Philipp Meyer mit seinen Eltern aus New York City nach Baltimore, Maryland kommt, kollabiert dort gerade die Textilindustrie. Dann machen die Stahlhütten dicht. Und anschließend kommen die Massenentlassungen bei den Werften. Die Unternehmen lagern ihre Produktion nach Asien aus. Meyers Nachbarschaft verelendet: Drogenhandel, Einbruch-Diebstahl, Prügeleien – das übliche, wenn die Armut Einzug hält.

"Meine Eltern waren beide Künstler, Intellektuelle. Aber wir hatten nie Geld."

Im Haus klassische Musik, alle Wände voller Bücher, so beschreibt der 36-jährige Meyer seine Kindheit. Aber draußen gibt es regelmäßig auf die Glocke.

"Ich hielt das früher für ganz normal. Die meisten Amerikaner halten das für ganz normal. Es gibt inzwischen viele Gebiete in den USA, wo es zugeht wie in der Dritten Welt, mit einer Arbeitslosigkeit zwischen 50 und 80 Prozent. Die Menschen dort sind wieder zu Jägern und Sammlern geworden. Verheerende Armut existiert eine Stunde von unglaublichem Reichtum entfernt."

Und Philipp Meyer hat beides kennengelernt. Die Armut in Baltimore und den Reichtum der Wallstreet. Er hält das für ein großes Glück.

Der Schulabbrecher mit fünfjähriger Joberfahrung als Fahrradmechaniker und Krankenpfleger erhält mit 21 ein Stipendium für die Eliteuniversität Cornell. Und obwohl er dort Kunst studierte, werben ihn am Ende die Head Hunter der Bank UBS an.

Als Derivate-Händler an der New Yorker Wallstreet erlebt Philipp Meyer, wie Massenentlassungen die Börsenkurse beflügeln, wie große Summen an den amerikanischen Steuerbehörden vorbei auf Konten verbündeter Banken auf den Cayman Inseln gelenkt werden und wie der Finanzsektor insgesamt eine noch nie gekannte Macht entfaltet.

"Jeder wusste, dass ein Kollaps bevorstand. Ja, jeder sah das kommen. Denn alle sechs Monate erfanden die Händler ein neues Produkt, in dem die Risiken 20-fach aufgesplittet waren. Das ging an eine andere Bank, die die Risiken wiederum splittete und weiterverkaufte. Es wusste niemand mehr, was eigentlich vorging. Selbst die Händler hatten keine Kontrolle mehr."

Wie alle bemüht sich auch Meyer seinerzeit, nagende Zweifel im Keim zu ersticken. Standesgemäß mit vielen Flaschen Rotwein. Jeden Abend im Verein mit Kollegen und Kunden in den besten Restaurants und den teuersten Clubs.

"Der durchschnittliche Händler ist konservativ, das muss so sein. Ich meine, wenn ein 35-Jähriger zwei Millionen Dollar im Jahr verdient, und wenn der dann an Leuten vorbeigeht, die gar nichts haben, dann muss er eine Erklärung dafür finden. Eine Art, die Welt zu betrachten, die es erlaubt, damit einverstanden zu sein."

"Die passende Erklärung, die auch noch ins Konzept des amerikanischen Traums passt, die heißt: Ich bin hier, weil ich es verdiene. Und diese Leute da draußen haben kein Geld, weil sie faul sind oder dumm oder weil ihnen das bisschen Stütze reicht."

Nach zwei Jahren Wallstreet ist Philipp Meyer 20 Kilo schwerer und wird ab und an von unerklärlichen Wutanfällen heimgesucht. 2001 beschließt er, bei UBS aufzuhören und einen Roman zu schreiben. Über einen jungen Mann an der Wallstreet, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt. Aber niemand will ihn drucken.

Vollkommen abgebrannt zieht Meyer zurück zu seinen Eltern. Kein gutes Gefühl, erzählt er, und seine beiden sehr aufrechten Falten graben sich noch ein wenig tiefer in die fleischige Stirn. Aber zuhause in Baltimore muss er nur aus dem Fenster schauen und sieht einen neuen Roman vor sich: "American Rust".

Der Roman über den Untergang der Arbeiterklasse ist auch ein Roman über das Ende des amerikanischen Traums. Fleiß, Loyalität, Energie führen nicht mehr zwangsläufig zu einem sicheren Arbeitsplatz. Das erfährt gerade die Mittelschicht, deren Jobs nun auch nach Übersee abwandern: Informatiker, sogar Ingenieure werden arbeitslos.
Philipp Meyer sieht nur eine Möglichkeit, dem einen Riegel vorzuschieben: Protektion.

"Aber ehrlich, wenn ich so was in einem Interview in Amerika sagen würde, die würden über mich herfallen."