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Thema / Archiv | Beitrag vom 31.03.2009

"Volle Information über das ganze Deutschland"

Letzter Arbeitstag: Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz zieht Resümee seiner Arbeit

Ernst Elitz im Gespräch mit Ulrike Timm

Ernst Elitz, Intendant des Deutschlandradios (Deutschlandradio)
Ernst Elitz, Intendant des Deutschlandradios (Deutschlandradio)

15 Jahre lang stand Ernst Elitz als Intendant an der Spitze des Deutschlandradios. Als Gründungsintendant hatte er mit enormen Widerständen beim Aufbau eines bundesweit empfangbaren Radioprogramms zu kämpfen. Inzwischen seien Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk aber "ein eindrucksvolles Markenprodukt für Information und für Kultur in der Medienlandschaft".

Ulrike Timm: Fernsehen und Internet sind die Medien von heute, heißt es manchmal, und das Radio ist doch tot. Wir sind sehr lebendig! Mehr als neun Millionen Menschen hören regelmäßig Deutschlandradio - so die neueste Medienanalyse -, bei Deutschlandradio Kultur gab es sogar 13 Prozent mehr Hörer im letzten Jahr. Das ist ein Riesenvertrauensbeweis und ein Ansporn - jeden Tag. Entscheidend mitgeprägt hat diesen Erfolg 15 Jahre lang der Gründungsintendant des Deutschlandradios, Ernst Elitz. Er hört jetzt auf - als Intendant. Und bevor ich mit ihm spreche über seine Zeit bei unserem Sender, hören wir ihn selbst, und zwar 1993, als es überhaupt noch nicht klar war, dass dieser Sender Erfolg haben würde. Da sagte Ernst Elitz:

Ernst Elitz: Es wird zwei Programme geben, ein Informationsprogramm und ein Kulturprogramm, die bundesweit flächendeckend zu empfangen sind und wo sich in zehn Jahren kaum noch einer an die Schwierigkeiten des Anfangs erinnern wird. Und das ist auch selbstverständlich.

Timm: Schönen guten Tag, Herr Elitz!

Elitz: Schönen guten Tag, Frau Timm!

Timm: Den Optimismus, den Sie da tapfer verbreitet haben vor der Gründung des Deutschlandradios, den haben Sie damals auch schwer gebraucht, oder?

Elitz: Na ja, man braucht immer Optimismus, sonst stellt man sich ja nicht neuen Aufgaben. Aber umso schöner ist es, wenn das, was man damals gesagt hat, dann inzwischen auch eingetreten ist. Und es nicht nur zwei Programme sind, sondern künftig sogar drei Programme, denn wir werden neben Deutschlandradio Kultur und dem Deutschlandfunk ja ab 1. Januar 2010 auch ein Wissensprogramm "DRadio Wissen" auf Sendung bringen.

Timm: Lassen Sie uns noch mal zurück zu den Anfängen gehen. Ich habe mal in den Zeitungen vom Startjahr 1994 gestöbert, als drei Rundfunkprogramme - RIAS Berlin, DS Kultur und der Deutschlandfunk - zum Deutschlandradio verschmolzen. "Da haben wir den Spagat" - das ist noch die freundlichste Überschrift - "die Sitzengebliebenen der deutschen Einheit", "ein ungeliebtes Machwerk" hieß es woanders, und mein Lieblingsschimpfwort "Radio Frankenstein". Das stand in einer sehr bedeutenden überregionalen Zeitung. Was haben Sie erlebt, als Sie sich für dieses Deutschlandradio in den Anfangsjahren stark machten?

Elitz: Also diese Überschriften sind mir eigentlich gar nicht mehr in Erinnerung, aber es macht auch mal deutlich, wie schief Journalisten liegen können, sodass man bei jeder Zeitungslektüre, auch wenn man Fernsehen schaut und auch wenn man beim Radio zuhört, als Hörer, als Leser, als Zuschauer immer sehr skeptisch sein muss. Denn manchmal sind die Journalisten auch nicht schlauer als diejenigen, die lesen. Das ist jetzt ein gutes Beispiel dafür.

Uns ist es gelungen, aus einer sicher schwierigen Situation - wir hatten nahezu 1000 Mitarbeiter und wir mussten das absenken auf 720 Mitarbeiter, es gab keine klaren Programmkonzepte - das zu machen, was heute von allen diesen Zeitungen als ein eindrucksvolles Markenprodukt für Information und für Kultur in der Medienlandschaft hoch gelobt wird.

Timm: Aber Sie mussten kämpfen. Sagen wir es mal sportlich: Wenn ich Ihnen zur Auswahl stelle - Riesenslalom, Boxen und Marathon -, welche Sportart bildet Ihre Arbeit womöglich ganz gut ab?

Elitz: Ich glaube, das war ein Dreikampf, so wie Sie es eben geschildert haben.

Timm: Mit welcher Verteilung?

Elitz: Na ja, Marathon, bis wir diese vielen Frequenzen hatten, ein bisschen Fight im Ring war es auch mit den Landesrundfunkanstalten, die uns diese Frequenzen nicht geben wollten und die am Anfang auch nicht davon überzeugt waren, dass es jetzt neben den Programmen der Landesrundfunkanstalten auch noch einen nationalen Hörfunk geben wird. Also alle diese drei Kampf- und Ausdauersportarten brauchten wir schon, um uns durchzusetzen. Aber jetzt sind wir doch - wir beide, Frau Timm, und auch die Kolleginnen und Kollegen - ganz gut drauf.

Timm: Gab es mal einen Punkt, wo Sie dachten, das klappt nie?

Elitz: Nein, so ein Typ bin ich nicht.

Timm: Die Hauptaufgabe war und ist die Integrationsaufgabe, überregionales Radio machen für ein vereintes Deutschland, abbilden und diskutieren, was in ganz Deutschland geschieht. Diesen Prozess mit zu gestalten, Herr Elitz, das passte gut zu Ihnen, Sie haben lange das Fernsehmagazin "Kennzeichen D" geleitet. Wenn Sie jetzt 2009 auf fast 20 Jahre Mauerfall und 15 Jahre Deutschlandradio schauen, wie zufrieden sind Sie und was wurmt Sie noch?

Elitz: Also wir können damit zufrieden sein, dass diese Einheitsaufgabe in Deutschland gut gelungen ist und dass die Aufgabe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschlandradios jetzt nicht mehr darin besteht, noch mal Ost und West zu vereinen, sondern wir sind jetzt wie die BBC oder wie Radio France ein ganz normaler nationaler Hörfunk, für Menschen in allen Regionen des Landes. Ob das im Norden ist von Schleswig-Holstein, von der Insel Sylt bis in den Süden, bis ins Alpenvorland und bis zu den Alpengipfeln - überall werden unsere Programm gehört. Sie sind so etwas wie eine überregionale Tageszeitung. Wer sich für die Vielfalt dessen, was in Deutschland passiert, natürlich auch was international passiert, für diese vielen Kulturdarbietungen im Lande interessiert, der ist bei uns richtig. Er hat dort die volle Information über das ganze Deutschland.

Timm: Das "Radiofeuilleton" im Gespräch mit dem scheidenden Gründungsintendanten des Deutschlandradios, mit Ernst Elitz. Herr Elitz, ein Begriff, mit dem sich alle anfangs schwer taten, Sie haben ihn schon benutzt, ist "der nationale Hörfunk". Und im kommenden Programmheft für den April ist der Brief einer Hörerin abgedruckt, die uns schrieb, sie habe was völlig Deutsch-Nationales erwartet, und dann weiter: "Ich bin amüsiert und total überrascht über meine Erwartungen." Soweit die Hörerin. Wie lange hat das gedauert, bis man sich an diesen Begriff "nationaler Hörfunk" gewöhnt hat, oder ist man immer noch dabei?

Elitz: Es gab ja am Anfang immer die Schwierigkeiten mit dem Begriff "national", der Begriff war ja etwas aus der Vergangenheit verätzt, aber "national" ist nun mal eine Selbstverständlichkeit. Wir haben eine Nationalstiftung, wir haben nationale Aufgaben in Deutschland. Der Begriff "national" ist jetzt doch wieder entgiftet worden und man kann ihn genau wie in Frankreich oder in Großbritannien, in allen Landes- und Muttersprachen dieser Welt gibt es einen Begriff wie "national", und den verwenden wir jetzt auch immer. Was sollen wir sagen? Bundesweit? Das ist ja im Grunde eine lächerliche, bürokratische Formulierung. National ist die richtige Formulierung für jemand, der national auftritt. Wir reden ja auch von nationalen Zeitungen und nicht von bundesweiten Blättern.

Timm: Wie haben sich denn die Hörerreaktionen im Laufe Ihrer 15-jährigen Amtszeit verändert?

Elitz: Am Anfang gab es viele, die das vermisst haben, was vorher da war. Sei es jetzt DS Kultur mit großflächigen Musiksendungen den ganzen Tag über, sei es, dass man das RIAS-Lokalprogramm vermisste - das konnten wir als nationaler Hörfunk natürlich nicht mehr bieten. Aber inzwischen stelle ich fest, wir haben kaum noch Kritik, die Leute sind zufrieden mit unserem Programm und sie geben uns viele Anregungen.

Natürlich können wir nicht in jeder Minute das spezielle Interesse eines jeden einzelnen Hörers befriedigen, aber insgesamt gesehen hören wir, auch wenn der Programmdirektor Günter Müchler und ich uns gemeinsam den Hörerfragen im Programm stellen, bekommen wir Hinweise, was wir besser machen können. Wir werden gefragt, warum sich die Nachrichtenmeldungen innerhalb der halben Stunde häufig wiederholen - ja, weil es das Wichtigste ist und nicht jeder die ganze Zeit über Radio hört und sich das merkt, wir müssen es immer wieder bringen. Beim Deutschlandfunk ist es die Frage, braucht man tatsächlich diese Verkehrsmeldungen.

Also wir beantworten die Fragen, wir versuchen, Verständnis für die Programmgestaltung zu wecken, die wir haben, und wir lassen uns immer wieder etwas Neues einfallen. Wie das "Radiofeuilleton", in dem wir jetzt gerade sprechen, das ist ja auch eine Innovation auf dem deutschen Radiomarkt gewesen, und es kommt an.

Timm: Gestartet ist das Deutschlandradio mit zwei Programmen, bei denen man nicht sicher sein konnte, ob sie dauerhaft akzeptiert würden. Jetzt steht ein drittes Programm ins Haus, Sie haben es vorhin schon kurz angesprochen, mit welchem Ziel?

Elitz: Also "Deutschlandradio Wissen" ist ein Programm, was digital ausgestrahlt wird. Wir werden dort alle Wissensgebiete behandeln - Naturwissenschaft und Technik, aber auch Historie, Bildung, die Netzwelt, Pädagogik. Wir haben in unseren Programmen beim Deutschlandradio Kultur und beim Deutschlandfunk ja schon sehr viele Ansätze, sehr viele Sendeformen, in denen wir diese Themen aufnehmen, aber das wird kompakt sein, ein 24-Stunden-Programm, wo wir auch interessante Beispiele zu diesen Themen von den Landesrundfunkanstalten übernehmen. Aber es wird ein in sich geschlossenes, höchst attraktives Programm sein, das mit jedem Beitrag auch immer wieder an das Netz verweist und auf ergänzende Beiträge, auf Vertiefungen dieser Thematik online. Und insoweit wird dieses Programm auch besonders den Mediennutzungsgewohnheiten der jungen Generation entsprechen.

Timm: Herr Elitz, heute ist Ihr letzter Tag als Intendant des Deutschlandradios. Was macht ein Intendant in Rente?

Elitz: Was macht ein Intendant in Rente? Ich bin ja gelernter Journalist und habe auch versucht, während der Intendantenzeit immer Journalist zu bleiben. Und für Journalisten gibt es bekanntlich keine Altersgrenze.

Timm: Ich empfehle Ihnen unsere Debatte, immer wochentags 15 Uhr 50 bei Deutschlandradio Kultur, und wenn Sie durchkommen, dann werden Sie auch durchgeschaltet.

Elitz: Wunderbar! Ich bedanke mich für diese Vorzugsbehandlung.

Timm: Herzlichen Dank an Ernst Elitz - heute endet seine Amtszeit als Intendant bei Deutschlandradio - und alles Gute!

Elitz: Danke schön!

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