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Länderreport | Beitrag vom 16.04.2018

Vollbeschäftigung im bayerischen EichstättMitarbeiter verzweifelt gesucht

Von Susanne Lettenbauer

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Marketingchef Philipp Textor und Geschäftsführer Rainer Hohenwarter (rechts) von der GEIGER GRUPPE im Steinbruch Kinding (Susanne Lettenbauer)
Arbeiten im Steinbruch: die GEIGER GRUPPE verkauft ihre Produkte in alle Welt und sucht dringend neue Mitarbeiter. (Susanne Lettenbauer)

In Eichstätt herrscht quasi Vollbeschäftigung. Und was die meisten Eichstätter freut, bereitet den kleinen Betrieben in der Kreisstadt Probleme: Sie suchen händeringend Mitarbeiter - meist erfolglos. Kreativität ist gefragt.

"Auf die Schnelle würden wir locker 15 Personen einstellen können, in allen Werken."

Stolz steht Rainer Hohenwarter auf einer Anhöhe oberhalb des mächtigen Steinbruchs inmitten der Wälder des Altmühltals. Mit einer ausladenden Armbewegung zeigt er auf seinen Arbeitsplatz. Weit unten fährt gemächlich ein Muldenkipper den sandigen Weg Richtung Abbruchkante, lädt grobe Steine auf und bringt sie zur Brecher- und Sortieranlage. Ein zweiter und dritter Laster kriechen den Weg entlang. Etwas oberhalb laden Laster lärmend Schutt ab, die bereits abgebauten Bereiche des Steinbruchs werden wieder verfüllt, erklärt der Geschäftsführer der GEIGER GRUPPE in Kinding, Landkreis Eichstätt.

Deutlich sind die einzelnen Jura-Gesteinsschichten zu erkennen, ganz oben der begehrte Dolomit, darunter heller Jurakalkstein, der von Hausbesitzern gern als Gartenkies und Natursteinböden verwendet wird:

"Unser Firmengelände ist 76 Hektar groß, freiliegend sind es zurzeit 54 Hektar, wir sind jetzt hier am Aussichtspunkt. Wir schauen jetzt in Richtung Osten."

Regelmäßig stehen hier oben Schulklassen aus der Umgebung, machen Gesteinsproben, werden vom Marketingchef persönlich herumgeführt. Auch Kindergartenkinder staunten schon über den Knall und den Staub, wenn der Sprengmeister ein weiteres Stück Berg in die Luft jagte. Nicht ohne die Hoffnung, eines der Kinder später für die Arbeit im Steinbruch zu begeistern:

"Das machen wir ganz bewusst, dass die irgendwann einmal sagen, wenn sie dann so 14, 15 Jahre alt sind: Mensch, wir waren doch mal beim Geiger, das war doch an und für sich ein ganz interessantes Ausbildungsfeld, was die da gehabt haben. Da kann man Bagger fahren, da kann man Anlagen bedienen, man ist ja auch in der Natur draußen, also das machen wir schon ganz bewusst. Und wir klappern halt alle Möglichkeiten ab. Und wo wir sehr gut unterwegs sind, ist, dass wir unsere Mitarbeiter anhalten, ihren Nachwuchs, ihre Kinder, ihre Enkel bei uns unterzubringen und das ist eigentlich das, wo wir die letzten Jahre und Jahrzehnte immer Erfolg gehabt haben."

Die Arbeitslosenquote liegt bei 1,2 Prozent

Öffentlichkeitsarbeit ist für die fast 90-jährige Firma mit ihren rund 500 Mitarbeitern in der gesamten Firmengruppe überlebensnotwendig geworden. Wovon andere Landkreise in Deutschland nur träumen können - nahezu Vollbeschäftigung und eine Arbeitslosenquote von 1,2 Prozent - bedeutet für den Mittelständler Krisensituation.

Noch nie musste seine Personalabteilung derart nach Arbeitskräften suchen, so Geschäftsführer Hohenwarter. Mittlerweile rekrutiert sich seine Mannschaft aus den Kindern und Verwandten der Mitarbeiter:

"Gesucht wird im Grunde genommen schon bald alles. Im kaufmännischen Bereich sind wir noch ganz gut unterwegs, aber hauptsächlich gesucht werden gewerbliche Mitarbeiter, gerade für metallverarbeitende Berufe, also Schlosser, ganz wünschenswert wären Aufbereitungsmechaniker, wir suchen für unsere Werkstatt aber auch LKW-Mechatroniker."

Geld spielt bei der Anwerbung neuer Mitarbeiter fast keine Rolle, auch wenn die Gehälter tarifgebunden sind. Die GEIGER GRUPPE steht international gut da. Sie betreibt zehn Kalksteinbrüche, verteilt in Bayern, Rheinland Pfalz und Polen. Die Siemens-Zentrale in München ist ebenso aus Geigersteinen gebaut wie ein Hotel in Katar und das Sophienpalais Hamburg. Dennoch sind neue Mitarbeiter schwer zu finden.

Der Exportchef ist mit seinen 62 Jahren allmählich im Rentenalter, ein Ersatz ist nicht in Sicht. Seit zwei Jahren würden sie einen Nachfolger suchen, könnten im Mittleren und Fernen Osten zahlreiche Aufträge annehmen, allein, es findet sich niemand, so Hohenwarter:

"Das ist in der Tat kompliziert. Wir suchen, gerade für den Export Personen, die eine gewisse technische Ausbildung mitbringen müssen, die sprachlich einigermaßen gewandt sind, das heißt Englisch sollte beherrscht werden, möglicherweise noch eine zweite Fremdsprache, ja, da ist der Markt jedenfalls in unserer Gegend leergefegt."

Jobanzeigen stehen auf Facebook, so hofft Marketingchef Philipp Textor die Jugendlichen zu erreichen:

"Natürlich nutzen wir auch neue Medien. Über Facebook werden unsere Ausbildungsberufe kommuniziert. Wir haben jetzt eine neue Internetseite gemacht, wo wir einen extra großen Platz für die Ausbildungsberufe auch bewusst eingestreut haben. Da haben wir auch mit Verbänden zusammen gearbeitet. Einer war zum Beispiel der Industrieverband Baden-Württemberg. Da gibt es ein schönes Video, weil Sie fragen, wie kann man die Leute greifen: Es wurde hier ein sehr aufwändiges Video gedreht ‚Rock-Stars gesucht‘. Das haben wir auch zur Verbreitung bekommen, wo sehr schön die Branche, die Vielseitigkeit der Branche, gerade der handwerklichen Berufe dargestellt ist. Das wird auch sehr gut angenommen. Wir bekommen auch das Feedback, dass sich die Leute das anschauen."

Das Problem der Region: Rund 18.000 Menschen aus dem Landkreis Eichstätt pendeln zum Nachbarn nach Ingolstadt, in die Audi-Werke. Gut 90.000 Mitarbeiter beschäftigte Audi 2017, 2007 waren es noch gut 53.000. Der Autobauer zahlt neben Urlaubs- und Weihnachtsgeld noch vierstellige Leistungsprämien, auch für den Mann am Fließband. Das zieht. Gegen diese Konkurrenz sind die Eichstätter Mittelstandsfirmen fast machtlos.

"Meistens kann man sich unter Steinbruch und Abbau nicht so viel vorstellen. Aber wenn man mal so eine Sprengung sieht und wie man da was macht, ist das schon relativ interessant."

Theresa Schmidtner entschied sich für eine Ausbildung in Kinding als Industriekauffrau. Audi kam für sie nicht in Frage. Zu unpersönlich, zu groß und ständig der Stau morgens Richtung Ingolstadt. Sie wohnt in der Nähe, andere Mitarbeiter können mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Für die Auszubildenden hat die Firmenleitung ein ehemaliges Wirtshaus umgebaut als Unterkunft. Gerade günstige Werkswohnungen können beim Pokern um neues Personal gute Dienste leisten, wissen die Firmenchefs rings um Eichstätt.

"Ja, wir bieten denen allen Personalunterkunft an, dass die bei uns schlafen können, die Verpflegung ist da mit inbegriffen. Es geht natürlich dann hauptsächlich über das Gehalt, dass man ihnen was anbieten kann."

Hotels und Gaststätten müssen ihr Angebot reduzieren

Branchenwechsel: In Beilngries, größter Touristenort im Altmühltal, zählt der Hotel- und Gaststättenverband rund 300.000 Tagesgäste pro Jahr, die bedient werden wollen.

Ulrich Celler, Inhaber des Romantikhotels Millipp mit 34 Zimmern, 30 Mitarbeitern und Metzgermeister, hat die Suche nach neuen Mitarbeitern fast aufgegeben. Fünf Arbeitsplätze könnte er sofort besetzen. Durch Kontakte nach Rumänien bekommt er regelmäßig auswärtige Aushilfen, die ihn in ihrer Heimat weiterempfehlen. Andere Mitarbeiter kommen auf Stundenbasis. Vor zwei Jahren hatte Zeller den letzten Metzgerlehrling in Ausbildung. Seitdem – null Chance.

"Also Inserate zu schalten, jetzt hier im Donaukurier, das ist die Heimatzeitung, bringt fast nichts mehr, da kommt schon fast gar nichts mehr, es sei denn wir suchen eine Zimmerfrau, dann kommen schon irgendwelche Rückmeldungen zurück, aber die Fachkräfte selber, die bringen hier in dem Bereich nichts mehr, weil sie selber alle anderweitig abgedeckt sind. Wir gehen ja jetzt mit unseren Inseraten mehr so in den bayerischen Osten rüber, weil das sind strukturschwächere Gegenden, auch so Richtung Norden rauf, Richtung Franken rauf, da wo wir uns mehr versprechen, dass wir Personal bekommen."

Hotelbesitzerin Stephanie Walthierer-Celler vor ihrem Haus in Beilngries und Siegfried Gallus, Ex-Präsident Bayerischer Hotel- und Gaststättenverband (Susanne Lettenbauer)Hotelbesitzerin Stephanie Walthierer-Celler vor ihrem Haus in Beilngries und Siegfried Gallus, Ex-Präsident Bayerischer Hotel- und Gaststättenverband (Susanne Lettenbauer)
Immer häufiger muss der Hotelier Anfragen für Tagungen und Familienfeiern ablehnen. Nicht mehr zu schaffen. Andere Häuser schließen gleich ganz, sagt Siegfried Gallus, vor kurzem noch Präsident des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands. Es gäbe Betriebe:

"Die dann teilweise Montag und Dienstag zumachen, wir haben auch Betriebe in der Region, die nur noch abends noch aufmachen, weil sie es einfach nicht mehr schaffen personell. Das ist einfach das Thema, wie kann ich so was abfedern."

Brisant wird die Situation für den Tourismus. Wenn die Ausflugslokale schließen müssen, sagt Gallus. Viele geführte Fahrradtouren durch das Altmühltal gingen früher traditionell von Gasthaus zu Gasthaus.

Kreative Ideen? Man versuche neue Leute mittlerweile auch im Hotel- und Gaststättengewerbe mit Prämien zu locken, und mit einem Auto auf Firmenkosten. Die Stimmung in der Branche leidet, weil Personal untereinander abgeworben wird und sich die Gastwirte überbieten mit ihren Lockangeboten. Mindestlohn zahlt hier längst keiner mehr. Vergeblich.

Manche Unternehmen suchen gezielt im Ausland

"Wir haben einen Partnernaturpark, der Landkreis Eichstätt, in Andalusien, Sierra de Maria. In Beilngries haben wir auch schon junge Andalusier gehabt, wir haben eine Ausbildungsplatzbörse im Landratsamt Eichstätt gemacht, auch für unseren ganzen Betriebe. Da haben wir alles versucht. Ich habe den Jugendlichen selbst die Betriebe gezeigt. Da muss ich sagen - in Andalusien gibt es eine Jugendarbeitslosigkeit von 30 bis 40 Prozent. Aber da sind die wenigsten bereit, wegzugehen. Wenn wir von der Region zehn, wie wir sie hier liebevoll nennen, sprechen, dann ist das die Stadt Ingolstadt, die Landkreise Eichstätt, Pfaffenhofen und Neuburg-Schrobenhausen, und in diesem Kontext fehlen 10.000 Fachkräfte aktuell."

Rechnet Elke Christian vor, Leiterin der IHK-Geschäftsstelle Ingolstadt. Sie coacht ihre Firmen in Selbstvermarktung, organisiert Jobbörsen, vertritt die Region auf Ausbildungsmessen, geht in die Schulen:

"Ich muss im Prinzip alle Register ziehen. Ob es dann auch mal diese Teasercards sind, die ich verteile an den Punkten, wo ich Schüler erreiche. Man nennt das ja inzwischen Guerilla Marketing, man muss vielleicht auch mal am Boden etwas aufsprayen, weil die Jugendlichen mit ihren Handys immer eher Richtung Boden schauen und gar nicht mehr an irgendwelche Aushänge. Also im Prinzip muss man alle Register ziehen und wir als IHK geben da eben alle Informationen. Wir merken das daran, dass Bauherren, Architekten schon recht verzweifelt bei einem anfragen, ob man nicht doch noch die Möglichkeit hat, hier Aufträge auszuführen. Also das heißt, man muss wirklich Aufträge leider ablehnen."

Anna Schlund, Auszubildende im zweiten Lehrjahr und Ausbildungsscout, mit Thomas Brand, Firmeninhaber aus Eitensheim (Susanne Lettenbauer)Anna Schlund, Auszubildende im zweiten Lehrjahr und Ausbildungsscout, mit Thomas Brand, Firmeninhaber aus Eitensheim (Susanne Lettenbauer)
Besonders gut kam eine Werbekampagne der Handwerksfirma Brandl aus Eitensheim in der Region an. Dort gab es die ersten und einzigen weiblichen Auszubildenden zum Land- und Baumaschinen-Mechatroniker. Ein Hit für die Branche, war Firmenchef Thomas Brandl erstaunt:

"Also wir hatten gerade im Bereich Landtechnik in den letzten Jahren auch weibliche Auszubildende und das war natürlich ein Thema, das wir aufgegriffen haben. Die hatten auch Spaß an der Arbeit. Wir haben die auch als Plakat für diesen Beruf genutzt und das hat natürlich dann auch Leute interessiert: Mensch, warum macht so eine junge Dame eigentlich einen Beruf, wo man eigentlich denkt, das ist eine Männerdomäne. Mit solchen Aktionen haben wir es geschafft, dass wir diesen Beruf wieder belebt haben, interessant gemacht haben, man hat in den Jugendzentren darüber geredet. Das war eine ganz schöne Sache, natürlich das Ganze auch über Facebook, soziale Medien verteilt. Da konnten wir viele dann viele junge Menschen zur Diskussion anregen und auf unser Unternehmen letztendlich aufmerksam machen."

Azubis suchen Azubis

Neuester Clou in der Mitarbeiterwerbung: die Ausbildungsscouts. Junge Azubis, die selbst noch in der Ausbildung sind, schickt die IHK in die Schulen, damit sie auf Augenhöhe mit fast Gleichaltrigen über die Wünsche und Vorstellungen bei der Ausbildungssuche reden, Tipps geben, wie man die richtige Firma findet und worauf man achten sollte. Eine spannende Aufgabe, meint Anna Schlund, Auszubildende im zweiten Lehrjahr Einzelhandelskauffrau der Firma Brandl und eine der Ausbildungsscouts:

"Ich durfte vom Betrieb aus Ausbildungsscout werden. Das kann man sich so vorstellen, dass ich in Schulklassen gehe und über meinen Beruf erzähle, wie ich dazu gekommen bin, was meine Aufgaben sind während der Ausbildung, was ich alles lerne und was man danach noch machen könnte, weil es ist ja nicht nur Ausbildung und dann geht’s nicht weiter, sondern es gibt ja noch andere Möglichkeiten, was man danach machen kann. Ich hatte ja das gleiche Problem: Also ich wusste lange nicht, was ich werden soll, deshalb finde ich es schön, dass ich jungen Schülern einen Einblick geben kann, ohne dass sie sich jetzt eine Woche in ein Praktikum reinstellen müssen und machen, was ihnen dann gar nicht gefällt, dass ich ihnen einen groben Einblick geben kann in meinen Aufgabenbereich, in meine Ausbildung und das macht mir eigentlich recht viel Spaß. Ich kann mir schon vorstellen, dass wir noch zehn bis fünfzehn Arbeitsplätze anbieten könnten, wenn wir die passenden Auszubildenden bekommen würden bzw. die passenden Fachkräfte für die Aufgaben, die wir hier zu bewältigen haben."

Zumindest Thomas Brandl hat Glück. Für das kommende Ausbildungsjahr sind die ersten Verträge für drei Jugendliche bereits unterschrieben.

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