Volkspädagogik und Mythen

Von Eckhard Jesse |
Auch Rudolf Augstein irrte, damals, Anfang der sechziger Jahre. Seine Annahme nämlich, nun sei die Urheberschaft des Reichstagsbrandes geklärt, entpuppte sich als eine fundamentale Fehlprognose. Ein "Amateurhistoriker" namens Fritz Tobias hatte in einer "Spiegel"-Serie nach 1945 die kanonische Geltung besitzende These von der NS-Täterschaft widerlegt.
Der holländische Rätekommunist Marinus van der Lubbe habe allein, aus eigenem Antrieb, ohne Hintermänner und Mitwisser den Brand gelegt. Die Beweisführung von Tobias, der 1962 ein dickleibiges Buch nachreichte, schien überzeugend. Der Historiker Hans Mommsen, damals am Institut für Zeitgeschichte, pflichtete ihr nach einer gründlichen Prüfung bei. Aber nicht alle wollten die neuen Erkenntnisse akzeptieren, so ein von dem zwielichtigen Journalisten Edouard Calic ins Leben gerufenes "Luxemburger Komitee", das sogar gefälschte Dokumente präsentierte, um die Nationalsozialisten als Urheber des Brandes namhaft zu machen; und das immer wieder vor der sogenannten "NS-Unschuldslegende" warnte.

Nach der These des Berner Historikers Hofer, führendes Mitglied des Komitees, macht es einen beträchtlichen Unterschied, ob die Nationalsozialisten den Brand gelegt oder ihn ausgenutzt haben. Doch diese These ist schwer nachvollziehbar. Für die moralische Beurteilung des Nationalsozialismus nämlich spielt die Frage nach der Urheberschaft nicht die geringste Rolle. Eben das behaupten jene, die mit Worten von der "Weißwaschung" des NS-Systems aufwarten. Wer aber allen Ernstes meint, dadurch könne der Holocaust relativiert werden, argumentiert volkspädagogisch. Denn dies sind außerwissenschaftliche Erwägungen, die nicht der rationalen Auseinandersetzung dienen.

Kritikwürdig ist nicht, dass Forscher die These von der Alleintäterschaft zu widerlegen suchen. Kritikwürdig ist vielmehr die Art der Kritik, die nicht wissenschaftlich, sondern offenkundig politisch motiviert ist. Noch im Jahre 2001 sah ein Buch von Alexander Bahar und Wilfried Kugel zum Reichstagsbrand die These von der Alleintäterschaft als politisch höchst problematisch an. Die Autoren schreiben: "In einem größeren Zusammenhang gesehen, läuft diese Sicht der Geschichte darauf hinaus, dem Nationalsozialismus die Stringenz, den unbändigen, religiös-fanatischen Machtwillen und seinen führenden Protagonisten die langfristige Planung abzusprechen: Der Zweite Weltkrieg und die Judenvernichtung müssten nach dieser revisionistischen Interpretation eher als "Unfälle der Geschichte" aufgefasst werden, als Wirken eines unabänderlichen Schicksals. Damit werden den Nazi-Verbrechern von einer höheren Warte aus sozusagen "mildernde Umstände" zugesprochen." Zitat Ende.

Der Text rückt die These von der Alleintäterschaft ganz bewusst in die "rechte Ecke", unterstellt ihr eine politische Motivation. Spricht man den Nationalsozialisten tatsächlich "mildernde Umstände" zu, wenn man ihnen machiavellistische Improvisationsfähigkeit zuschreibt? Ist es nicht grotesk zu unterstellen, wer die These von der Alleintäterschaft vertrete, interpretiere die Judenvernichtung als einen "Unfall der Geschichte"? Wird mit dem geschickt gewählten Begriff des "Revisionismus" nicht sogar insinuiert, dass diese Forscher die Judenvernichtung an sich leugnen?

Der Streit um den Reichstagbrand besitzt viele Facetten, nicht nur volkspädagogische: Das folgenreiche Ereignis musste Mythen produzieren, schon deshalb, weil es bei vielen die Vorstellung übersteigt, ein Einzelner könne den Plenarsaal in Schutt und Asche legen.

Der Glaube an die Verschwörung von Nationalsozialisten, denen nun wahrlich alles zuzutrauen war, passt ohnehin viel besser in das Geschichtsbild als die Tat eines Einzelnen. Verschwörungstheorien sind nun einmal nicht auszurotten. Der Mord an John F. Kennedy ist dafür ein klassisches Beispiel.

Volkspädagogische Denkmuster haben in der Wissenschaft und in einer offenen Gesellschaft keinen Platz. Und es ist wenig überzeugend, wenn bei einer Kontroverse wie dieser eine Position mit dem Hinweis auf ein Lob in einem – tatsächlichen oder vermeintlich rechtsextremistischen – Blatt erledigt werden soll. Vor Beifall von der falschen Seite kann sich niemand schützen.

Auch Hinweise auf die Motivforschung führen ins Leere. Das Argument, mit dieser oder jener Position "entlaste" man die Nationalsozialisten, geht in die Irre. Denn eine "Entlastung" der Nationalsozialisten ist angesichts ihrer systematischen Untaten gar nicht möglich. Die Suche nach historischer Wahrheit muss die Forschung bestimmen. Eine Position kann richtig sein, zum Teil richtig oder falsch, aber nicht "gefährlich". Dies gilt nicht nur beim Thema Reichstagsbrand.

Eckhard Jesse, 1948 geboren in Wurzen bei Leipzig. Studium der Politik- und der Geschichtswissenschaft an der FU Berlin (1971-1976). Von 1978 bis 1990 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Hochschulassistent und Hochschuldozent an der Universität Trier. 1990 bis 1993 Gastprofessuren an den Universitäten München, Trier, Mannheim und Potsdam. Seit 1993 Lehrstuhlinhaber im Fach Politikwissenschaft ("Politische Systeme, politische Institutionen) an der TU Chemnitz. Zu seinen Schwerpunkten gehört die Extremismus-, Demokratie-, Parteien- und Deutschlandforschung. Er ist seit 1989 Herausgeber des "Jahrbuchs Extremismus & Demokratie".