Volksfeste

Was vom Feiern übrig bleibt

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Lebhafte Atmosphäre auf dem Jahrmarkt Fete du Muguet in Lons le Saunier in der Bourgogne, wo mit Unterhaltung und Fahrgeschäften der Frühling gefeiert wird.
Zu feiern, schreibt der französische Philosoph Georges Bataille, heißt sich zu „verausgaben und zu verschwenden“ © picture alliance / imageBROKER / Rabany S / Andia.fr
Einwurf von Björn Vedder |
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Ursprünglich ging es bei Volksfesten um Erntedank, Kirche oder den Pferdehandel, aber auch um Rausch und Gemeinschaft. Was bleibt heute vom Feiern noch übrig, wenn selbst der Rausch durchkommerzialisiert ist?
Im Spätsommer beginnen die Feste. Wir treffen uns in den Städten, auf den Plätzen und Wiesen und feiern zusammen. Nicht nur beim weltberühmten Oktoberfest, sondern auch auf unzähligen kleineren Stadt- und Volksfesten. Die Saison reicht bis in den Herbst, also in die Zeit, in der wir früher den Göttern für die Ernte dankten und ihnen einen kleinen Teil davon opferten. Die Fruchtsäule auf dem Cannstatter Wasen erinnert bis heute daran.
Andere Feste gehen auf Märkte zurück, der Bremer Freimarkt etwa oder die Cranger Kirmes, auf der vor hundertfünfzig Jahren noch Pferde gehandelt wurden. Und in vielen steckt beides, Kirche und Kommerz, weil die kirchlichen Feste schon immer auch Händler und Gaukler angezogen haben. Die Paderborner etwa sprechen deshalb vom kirchlichen Liborifest, auf dem seit dem Jahr 836 der Todestag ihres Patrons gefeiert wird, und vom weltlichen Libori, zu dem seit 1521 Kaufleute und Schausteller kommen.

Verausgaben und verschwenden

Ökonomisch gesehen mischen sich auf unseren Volksfesten also zwei Formen, die der Philosoph Georges Bataille streng voneinander getrennt hat: eine allgemeine Ökonomie, die überflüssige Ressourcen im rauschhaften Fest verschwendet, und eine besondere Ökonomie, die sie gewinnbringend investiert. Feste waren ursprünglich ein Teil der ersten. Zu feiern, schreibt Bataille, heißt sich zu „verausgaben und zu verschwenden“.
Das leuchtet sofort ein, denn wenn wir uns vergnügen, achten wir nicht so sehr aufs Geld. Je stärker aber das Geschäft unsere Feste bestimmt, desto mehr sind die Gäste die Einzigen, die sich verausgaben. Für Veranstalter, Wirte, Schausteller und Händler sind sie Kunden, denen möglichst viel Geld aus der Tasche gezogen werden soll. Die allgemeine Ökonomie der Feiernden ist ein kalkulierter Teil der besonderen Ökonomie geworden, und aus dem Wunsch, sich zu verausgaben, die Pflicht zu konsumieren.

Im Rausch verbunden, ohne Zauber

Damit die sich nicht wie eine Pflicht anfühlt, werden die Gäste mit Musik, Spektakel und vor allem Alkohol berauscht. Wer betrunken ist, lässt sich am besten melken.
Dass die Grenzen fallen, ist also durchaus erwünscht. Kein wildes Überschreiten der Regeln, wie Bataille es in den alten Orgien und Festen sah, die die soziale Ordnung auf den Kopf stellten, sondern eine kalkulierte Lockerung. Schön ist sie trotzdem. Die Menschen rücken zusammen, der Abstand zwischen ihnen schrumpft. Sie bilden eine Art Gemeinschaft der Feiernden: Menschen, die im Rausch verbunden sind.
Doch so, wie dieser Ausnahmezustand keine Regeln bricht, sondern brav in den gelenkten Bahnen der Festverwaltung abläuft – mit Absperrgittern, Flatterband und Parkleitsystem – ist auch der Rausch ohne Zauber.
Das Heilige kehrt auf unseren Festen nicht zurück und kann es auch nicht. Dafür müsste die Kette zwischen den Dingen und Menschen unterbrochen werden, die alles und jeden auf seinen Nutzen hin ansieht und zur Ware oder zum Konsumenten macht. In dieser profanen Welt hat das Heilige keinen Platz. Es entsteht erst, wenn ein Ding seiner Nützlichkeit beraubt, verschwendet und geopfert wird.

Kommerzialisierter Ausnahmezustand

Der Mangel, den wir auf unseren Festen erfahren, ist also kein geringer. Er betrifft nicht nur das Fehlen des Religiösen, das uns als modernen Menschen vielleicht nicht mehr so wichtig ist. Mit ihm fehlt uns vielmehr eine besondere Erfahrung: nämlich die, dass wir selbst nicht nur ein zweckmäßiges Ding in einer langen Kette sind, sondern auch aussteigen können.
Wenn wir auf unseren Festen also selbst den Ausnahmezustand noch der Logik des Geschäfts unterwerfen, verlieren wir nicht nur einen der letzten Räume für zweckfreie Gemeinschaft. Wir verlieren ein Stück Freiheit.
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