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Interview | Beitrag vom 06.08.2020

Volker Schlöndorff über BeirutVom Geld regiert und ohne Ordnungsmacht

Volker Schlöndorff im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Menschen laufen durch eine zerstörte Straße in Beirut. (gettyimages / NurPhoto / Houssam Hariri)
Eine Stadt in Schutt und Asche: Nachwirkungen der massiven Explosion im Hafen von Beirut. (gettyimages / NurPhoto / Houssam Hariri)

Eine Explosion hat in der libanesischen Hauptstadt Beirut zu beträchtlichen Zerstörungen geführt. Der Filmemacher Volker Schlöndorff kennt sich im Libanon gut aus - für ihn ein Land ohne Zentralmacht: "Den Staat gibt’s eigentlich nicht", sagt er.

Nach verheerenden Explosionen in der libanesischen Hauptstadt Beirut mit nach jetzigem Stand mehr als 100 Toten und mehreren tausend Verletzten sind derzeit 300.000 Menschen ohne Obdach.

Die Versorgungslage ist kritisch. Die Detonation riss einen Krater mit 200 Metern Durchmesser in den Hafen. Große Teil der Hafenanlagen, die für die Belieferung des Landes zentral ist, sind zerstört oder beschädigt.

Verfall des "Paris des Nahen Ostens"

Der Regisseur Volker Schlöndorff kennt die Stadt Beirut gut. Schon vor 40 Jahren hat er dort inmitten des Bürgerkriegs Nicolas Borns Roman "Die Fälschung" verfilmt. Zuletzt war er im vergangenen Jahr in der libanesischen Hauptstadt und hat dort Workshops für junge filmbegeisterte syrische Flüchtlingen organisiert.

Schlöndorff schildert im Gespräch alte Reiseeindrücke von Beirut aus dem Jahr 1962: "Von Aleppo kommend, aus Syrien, war das plötzlich als ob man nach Cannes oder Nizza in eine blühende französische Stadt am Mittelmeer kommt", erzählt er. Die Stadt, in der bis zum Bürgerkrieg ein reiches Kulturleben blühte - "die größten Orchester traten da auf" - sei heute ohne Ordnungsmacht. 

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Beirut werde vom Geld regiert, sagt Schlöndorff. Nach dem Anschlag im Februar 2005 auf den libanesischen Ex-Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri, bei dem "ein Stadtviertel praktisch gleich mit in die Luft ging", sei die historische Bausubstanz einfach abgerissen worden. "Stattdessen wurden da neue Luxuswohnungen gebaut, die heute zum großen Teil leerstehen. Das benutzen die Saudis als Kapitalanlage, aber da wohnt nicht wirklich jemand."

Das nun zerstörte Hafengebiet Karantina sei im 19. Jahrhundert entstanden. Schon armenische Flüchtlinge hätten dort gelebt, zuletzt die syrischen Flüchtlinge. "Dann wird das mit einem Schlag so ausgelöscht, das ist einfach erschütternd", so Schlöndorff.

"Jeder klaut sich ein Stück vom Staat"

"Der Staat, den gibt’s eigentlich nicht. Es gibt keine wirkliche Regierung. Und jeder klaut sich ein Stück vom Staat, wenn es keine Zentralmacht gibt", sagt der Filmemacher.

Wer die Lage kenne, wundere sich nicht. Das Schiff, von dem die Explosion ausging, habe sieben Jahre im Hafen gelegen, ohne dass die Polizei oder eine  Ordnungsmacht danach geschaut habe.

(huc)

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