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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.01.2020

Volker Lösch inszeniert "Fidelio" in BonnBeethoven spielt hier nur eine Nebenrolle

Bernhard Doppler im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Auf einer riesigen Leinwand steht geschrieben: Wir fordern die Freilassung aller politischen Gefangenen in der Türkei! Davor stehen sehr viele Menschen mit grün bemalten Gesichtern und zum Teil mit Plakaten. (Thilo Beu / Oper Bonn)
Volker Lösch ist ein eminent politisch denkender Regisseur. Manche seiner Inszenierungen sind so plakativ, dass sie für Aufregung und Schlagzeilen in der Boulevard-Presse sorgen. (Thilo Beu / Oper Bonn)

In Volker Löschs "Fidelio" dient Beethovens Musik vor allem dem Zweck, das politische Anliegen zu untermalen: die Sache der Kurden und ihr Kampf für Freiheit. Mit einer Beethoven-Ehrung hat das nur wenig zu tun, sagt Opernkritiker Doppler.

Gleich zum Auftakt des Beethoven-Jahres gibt es in seiner Geburtsstadt Bonn so etwas wie einen ersten Fortissimo-Akzent: Volker Löschs Inszenierung der Beethoven-Oper "Fidelio". Bereits die Ankündigung der Premiere war ein Ausrufezeichen:

"Das Theater Bonn und das Inszenierungsteam um Regisseur Volker Lösch ehren Beethoven, indem sie 'Fidelio' mit aktuellen Geschichten von politischen Gefangenen in der Türkei und deren Angehörigen aufladen – und sich für die Freilassung von Inhaftierten einsetzen."

Volker Lösch ist ein eminent politisch denkender Regisseur. Manche seiner Inszenierungen sind so plakativ, dass sie für Aufregung und Schlagzeilen in der Boulevard-Presse sorgen.

Der revolutionäre Musiker und Komponist Beethoven

Unser Opernkritiker Bernhard Doppler urteilt nach dem Premierenabend: "Warum nicht auch einen Theaterabend zu einer einseitigen politischen Agitation machen? Das kann man schon machen, aber mit einer Beethoven-Ehrung hat das wenig zu tun."

Hier zu sehen: der Chor der Oper Bonn, komplett in grünen Overalls. Auch die Gesichter sind grün bemalt. (Thilo Beu / Oper Bonn)Beethovens Oper "Fidelio" bildet nur die Rahmenhandlung, ist also Ausgangspunkt für Assoziationen aller Art. Hier zu sehen: der Chor der Oper Bonn. (Thilo Beu / Oper Bonn)
In Löschs Inszenierung dient Beethovens Musik nämlich vor allem dem Zweck, das politische Anliegen, die Agitation, zu untermalen: Die Sache der Kurden und ihr Kampf für Freiheit. Dafür verlegt Lösch die Handlung in die heutige Zeit.

Sein Beethoven ist der revolutionäre Musiker und Komponist, dem Freiheit ganz besonders wichtig war. "Fidelio" bildet nur die Rahmenhandlung, ist also Ausgangspunkt für Assoziationen.

Zeitzeugen diskutieren auf der Bühne

Lösch inszeniert nach dem immer gleichen Prinzip: Zeitzeugen werden befragt und in den Theaterabend eingebaut. Das ist auch in diesem Fall so, in dem es um inhaftierte Kurden geht. "Denn in 'Fidelio' spielt das Gefängnis und die Befreiung aus einem Gefängnis die Hauptrolle." Der Sprechteil ist hier mindestens so groß wie der Musikteil, wie Doppler berichtet.

Kieran Carrel (Jaquino); Marie Heeschen (Marzelline); Ensemble (Thilo Beu / Oper Bonn)Auf der Bühne wird diskutiert, gefilmt, gesungen und stellenweise geschwebt. (Thilo Beu / Oper Bonn)

Umgesetzt wird die Idee mittels einer dreigeteilten Bühne: Auf der einen Seite diskutieren ein Regisseur, ein Schauspieler und die Zeitzeugen an einem Tisch miteinander. Auf der anderen Seite gibt es ein abstraktes Film-Set, in dem der Regisseur einen Film über Fidelio, also über die Inhaftierung von Kurden, dreht.

Und dann gibt es noch einen großen Bildschirm, auf dem, wenn beispielsweise Arien gesungen werden, Hintergrundvideos laufen, sodass man der Entstehung von Musikvideoclips beiwohnt, die die Handlung von Fidelio weiterbringen. Diese Videoclip-Ästhetik geht letztlich auf Kosten des musikalischen Eindrucks.

Fidelio - Oper von Ludwig van Beethoven
Oper Bonn
Inszenierung: Volker Lösch
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan

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