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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.12.2016

Volker Kutscher: "Lunapark" Moralischer Schlingerkurs im Vorkriegs-Berlin

Von Irene Binal

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Tausende von Menschen stehen am 30.06.1931 vor dem Berliner Postscheckamt, um ihr Guthaben abzuheben. (picture-alliance / dpa / dpa - Fotoreport)
Schlange stehen vor dem Berliner Postscheckamt 1931. Kutscher beschreibt mit Gereon Rath einen Mann, der versucht, sich - wie wohl viele - mit den Gegebenheiten so gut es geht zu arrangieren. (picture-alliance / dpa / dpa - Fotoreport)

Sechs Bände umfasst Volker Kutschers Krimi-Reihe um Gereon Rath im Berlin der Vorkriegszeit inzwischen. In "Lunapark" kommt der Kommissar bei Ermittlungen zum Mord an einem SA-Mann mit dem Regime, mit der Unterwelt - und mit sich selbst in Konflikt.

Ein ermordeter SA-Mann unter einer Eisenbahnbrücke, daneben eine halb vollendete kommunistische Parole an einer Mauer: Für das Geheime Staatspolizeiamt, kurz Gestapa, ist der Fall klar – nicht aber für Kommissar Gereon Rath. Während Raths ehemaliger Partner Reinhold Gräf, inzwischen beim Gestapa ebenfalls zum Kommissar aufgestiegen, zur Kommunistenjagd bläst, versucht Rath, den wahren Täter zu ermitteln, ohne dabei allzu sehr aufzufallen. Ein schwieriges Unterfangen in einer Zeit, in der überall Spitzel lauern und Zweifel an der offiziellen Linie gefährlich werden können.

Sechs Bände umfasst Volker Kutschers Gereon-Rath-Reihe mittlerweile. Berlin, im ersten Band noch eine glanzvolle Metropole am Ende der zwanziger Jahre, ist im Jahre 1934 düster geworden, die Nationalsozialisten agieren immer unverfrorener und der eigenwillige Kommissar Rath gerät gehörig unter Druck. Eigentlich ist er kein Nazi, den Hitlergruß führt er – wenn überhaupt – nur schlampig aus. Die brutalen Methoden der neuen Machthaber lehnt er ab, aber offen dagegen anzugehen ist seine Sache auch nicht.

Der Versuch, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren

Mit genauem Blick und viel historischem Detailwissen beschreibt Kutscher einen Mann, der – wie damals wohl viele Deutsche – versucht, sich mit den Gegebenheiten so gut wie möglich zu arrangieren. Einen Mann aber auch, der selbst keine reine Weste hat: Gereon Rath steht in der Schuld des Berliner Unterweltkönigs Johann Marlow, und dieser verlangt nun, dass der Kommissar den Hauptverdächtigen im Fall der SA-Morde eliminiert.

Was Rath in ein schweres Dilemma stürzt: Soll er zum Auftragskiller werden? Und was, wenn er sich weigert? "Würde Doktor M. dann seine Drohung wahrmachen und die ganze Wahrheit über Gereon Rath offenbaren? Dass der ehrbare Kommissar in Wirklichkeit ein Lügner und Mörder war, dass er sich von der Berliner Unterwelt bezahlen ließ und sogar von amerikanischen Gangstern?"

Cover von Volker Kutschers "Lunapark" (Kiepenheuer & Witsch)Cover von Volker Kutschers "Lunapark" (Kiepenheuer & Witsch)Es ist diese Komplexität der Figuren und ihrer Motive, die Volker Kutschers Krimis zu etwas Besonderem machen. In den Wirren der Zeit, unter einem Regime, das von Moral nicht viel hält, verschwimmen Gut und Böse, Helden agieren wie Schurken, während Schurken wie Marlow auch sympathische Züge haben.

Kutscher erzählt von einem Leben auf schwankendem Boden, in dem sich Gewissheiten jäh ändern können und selbst durch Familien tiefe Risse gehen: Raths Frau Charly sympathisiert mit den Kommunisten und gerät mit der SA in Konflikt, und Ziehsohn Fritze will unbedingt zur Hitlerjugend, weil alle anderen auch dabei sind.

Die Mörderjagd ist in Volker Kutschers Büchern kaum mehr als ein Handlungsstrang unter vielen, eingebettet in ein atmosphärisch dichtes Bild des Alltags im Deutschland der 30er-Jahre, und der Showdown im Lunapark, einem von den Nazis geschlossenen Vergnügungspark, in dem sich Kriminelle und Regimegegner verstecken, bleibt eine Zwischenetappe: Gereon Raths moralischer Schlingerkurs wird Volker Kutscher wohl noch viel Stoff für weitere Krimis liefern.

Volker Kutscher: Lunapark
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
560 Seiten, 22,99 Euro

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