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Studio 9 | Beitrag vom 06.05.2015

VogelkundeAuf der Suche nach dem Prachtfinken

Von Bettina Thoma

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Seltenes Exemplar: der Anambra Astrild (Axel Warnstedt)
Seltenes Exemplar: der Anambra Astrild (Axel Warnstedt)

Das kleine westafrikanische Land Benin ist ein Paradies für Forscher. 600 verschiedene Vogelarten soll es dort geben. Zwei Ornithologen aus Frankreich hoffen, dort einen sehr seltenen und gefährdeten Vogel aufzuspüren: den Anambra Astrild.

Unterwegs auf dem Fluss So im Süden Benins. Julien Gonin ist Ornithologe, wie schon sein Vater. Der junge Franzose ist bereits zum zweiten Mal in der Gegend. Mit ihrem Boot fahren er und sein Kollege Fabien Mercier an Stelzendörfern vorbei.

Es ist Markttag. Frauen verkaufen Tomaten, Maniok und Palmöl direkt von ihren Booten. Eine Autostunde nördlich der größten Stadt Benins Cotonou spielt sich das ganze Leben auf dem Wasser ab. Für Vögel interessieren sich die Menschen nur wenig. Die beiden Ornithologen dagegen greifen immer wieder nach ihren Ferngläsern: Sie sind auf der Suche nach einer ganz bestimmten Art, einem sehr scheuen und seltenen Prachtfinken; dem Anambra Astrild.

"Wir kommen da an, wo ich den Vogel vor vier Jahren das erste Mal gesehen habe. Damals habe ich hier gar nicht mit dem Vogel gerechnet. Da war er aber plötzlich. Ich war sehr überrascht, den Astrild hier zu sehen. Ich habe sofort mein Vogelbuch aufgeschlagen und tatsächlich, er war es. Aber laut Karte sollte er gar nicht hier sein. Für mich ist das ein besonderes Gefühl."

Am Ufer angekommen, streifen Julien und Fabien durch kniehohes Gras. Vier Jahre lang haben die Ornithologen Geld gesammelt, das Projekt vorbereitet. Jetzt steht für sie viel auf dem Spiel, sie wissen nicht, ob sie den Vogel finden werden und auch nicht wie viele davon.

Für zwei junge Feldarbeiter, denen sie begegnen, sind die Forscher aus Europa Exoten:

"Ich finde es sehr erstaunlich, dass der weiße Mann nur wegen eines Vogels die lange Reise bis hierher macht. Nur um einen Vogel zu sehen, kommt er von weitem hier her. Das finde ich schon sehr erstaunlich."

Mercier: "Es ist ein ganz kleiner Vogel, nur etwa zwölf Zentimeter lang. Er hat einen gebogenen Schnabel mit dem er die Samen der Sträucher frisst, die hier wachsen. Sein Schnabel ist orange, es ist ein sehr schöner Schnabel und er ist ein guter Kontrast zum grauen Kopf. Und er ist der einzige Astrild mit einer weißen Iris."

Der Frust bei den Ornithologen wächst

Mehrere Stunden vergehen. Der Frust bei den Ornithologen wächst. Immer wieder horchen sie nach dem richtigen Vogelgezwitscher, greifen nach ihren Ferngläsern. Und dann tatsächlich – entdecken sie den Prachtfinken.

"Und gleich eine ganze Gruppe in den hohen Sträuchern."

Am nächsten Tag kehren sie zurück. Es ist fünf Uhr morgens, noch dunkel. Julien und Fabien haben es eilig, stellen mehrere zwei Meter hohe und zehn Meter lange Netze auf, mit ihnen wollen sie die Tiere fangen.

Mercier: "Wir haben insgesamt sechs Netze aufgestellt. Es dämmert langsam, die Vögel werden wach und wir müssen zurück zum Boot."

Fabien Mercier und Julien Gonin mit einem Prachtfinken (Axel Warnstedt)Fabien Mercier und Julien Gonin mit einem Prachtfinken (Axel Warnstedt)

Dort angekommen bereiten sie alles vor: Waage, Messgeräte, Spritzen für die Blutabnahme. Beide Vogelforscher sind hochkonzentriert, angespannt. Als sie nach einer Stunde zu den Netzen zurückkehren und sehen, dass sie erfolgreich waren, ist die Erleichterung spürbar. Behutsam, um das Tier nicht zu verletzen, befreit Julien einen Vogel aus den Maschen.

Gonin: "Ich zittere. Es ist das erste Mal, dass ich diesen Vogel in der Hand halte. Es ist sehr emotional. Mein erster Anambra Astrild, in Benin gefangen, es ist ein Ausgewachsener. Toll, er ist winzig, winzig, winzig. Ich habe die roten Säckchen ausgesucht, weil sie zum roten Schnabel passen."

Das besondere Erlebnis: den Schnabel vermessen

25 Prachtfinken haben sie gefangen, viel mehr als sie sich je erträumt haben. Wenig später beginnt ihre eigentliche Arbeit.

"Es ist besonders wichtig, den Schnabel zu vermessen. Wir können ihn dann mit der Größe des Schnabels der Art in Nigeria vergleichen. Es kommt nämlich ziemlich oft vor, dass sich die Vögel ihrer Umgebung anpassen, und das erkennt man an den unterschiedlichen Schnäbeln oder Flügeln. Die Maße sind wichtig, um einen Vergleich durchzuführen."

Noch eine Blutabnahme für die DNA-Probe. Und zum Abschluss noch ein Erinnerungsfoto. Dann lässt Julien den Vogel wieder frei. Am nächsten Tag treffen die Franzosen Mitarbeiter einer kleinen NGO, überreichen ihnen Ferngläser, damit auch sie die Vögel in Zukunft beobachten können.

Die Ornithologen hoffen, die zwei afrikanischen Ranger anstecken zu können mit ihrer Leidenschaft: zwölf Zentimeter groß, oranger Schnabel – dem Anambra Astrild.

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