"Völlig dilettantisch und unkünstlerisch"

Von Sabine Fringes · 14.08.2010
Er war eine prägende Figur des französischen Musiklebens im 20. Jahrhundert. Pierre Schaeffer erfand eine eigenständige Kunst, die Lautsprechermusik. Doch die Umwelt reagierte auf die Kompositionen nicht unbedingt mit Verständnis.
Durch seine Kompositionen rollen Kochtöpfe, scheppern Büchsen oder schnaufen Lokomotiven und rattern Zugwaggons, wie in dieser Eisenbahn-Etude. Es ist das erste Stück aus Umweltgeräuschen überhaupt und stammt aus der Feder - oder besser – aus dem Mikrofon eines Toningenieurs.

"Concert de bruits", "Geräuschkonzert", nannte der damals 38-Jährige Pierre Schaeffer seine Reihe von fünf Etüden, die 1948 erstmals vom französischen Rundfunk in Paris gesendet wurde.

Der Legende nach soll eine fehlerhafte Schallplatte ihn auf die Idee gebracht haben, mit aufgenommenen Klängen zu experimentieren. Pierre Schaeffer, am 14. August 1910 in Nancy in eine Musikerfamilie geboren, begann mit 25 Jahren als Tontechniker beim französischen Rundfunk zu arbeiten. Fasziniert von den radiofonen Möglichkeiten, leitete er während des Zweiten Weltkriegs im Untergrund ein Versuchsstudio in Beaune, wo er mit neuen Hörspielformen experimentierte.

Sein bekanntestes Werk, das daraus hervorging, ist die "Symphonie pour un homme seul", "Symphonie für einen Menschen allein", ein Gemeinschaftswerk mit dem Komponisten Pierre Henry aus dem Jahr 1949.

Diese ebenso ästhetisch wie politisch ambitionierte Lautsprechersymphonie, mit Anklängen an den Terror des vergangenen Krieges, sprengte die bis dahin bekannte Form des Hörspiels. Pierre Schaeffer:

"Ein Mensch singt, er schreit (das ist besser), er pfeift, er atmet in seine Hände hinein, er tappt mit den Füßen, er schlägt sich an seine Brust, er kann sich sogar mit dem Kopf gegen die Wand werfen."

"Musique concrète" nannte Pierre Schaeffer solche Kompositionen, für die er Stimmen, Klänge und Geräusche mit dem Mikrofon aufnahm, um sie dann technisch zu bearbeiten: Zu Beginn noch auf Schallplatte, später auf Tonband fixiert, manipulierte er sie durch Rückwärtswiedergabe, Geschwindigkeitsveränderung, mit Filtern und Lautstärkereglern.

Nicht nur beim Publikum, das diesen Konzerten aus den unpersönlich wirkenden Lautsprechern oft etwas ratlos gegenübersaß, stieß diese Musik auf Unverständnis. Eine Aufführung von "Orphée" in Donaueschingen im Jahr 1953 sorgte für einen Eklat unter der dort versammelten Musik-Prominenz.

"Bastelei mit klingenden Tönen" nannte sie Pierre Boulez und der Musikkritiker Karl Heinrich Wörner schrieb:

"völlig dilettantisch und unkünstlerisch. Der Operateur dieser Kastrierung aller Kunstmittel ist Pierre Schaeffer.""

Gleichwohl: Im In- und Ausland stießen die revolutionären Ideen Pierre Schaeffers auf Interesse, der auch noch wichtige Institutionen wie etwa 1974 das französische Medienarchiv "Institut national de l'audiovisuel" (INA) gründete - und 1995, in seinem Todesjahr, das "Centre d'etude et de recherche Pierre Schaeffer".

Auch wenn er im Grunde mit den 50-er-Jahren sein kompositorisches Werk vollendet hatte, widmete Schaeffer den Rest seines Lebens als Lehrer und Schriftsteller der Musique concrète. In ihr sah er eine Art Ausgleichstraining für die Ohren, die er durch zu häufiges Hören von tonaler Musik verkümmern sah.

Am Ende seiner 700 Seiten starken interdisziplinären Abhandlung "Traité des objets musicaux" aus dem Jahr 1966 resümiert er:

"Riskieren wir eine Formel: Kunst ist nichts anderes als ein Sport für den inwendigen Menschen. Jede Kunst, die nicht darauf abzielt, ist nutzlos und schädlich."