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Profil / Archiv | Beitrag vom 29.04.2014

VölkerverständigungEin Kreuzberger auf dem Hollandrad

Warum der niederländische Korrespondent und Autor Merlijn Schoonenboom Deutschland so mag

Von Heike Tauch

(Deutschlandradio / Heike Tauch)
Merlijn Schoonenboom an seinem Schreibtisch. (Deutschlandradio / Heike Tauch)

Merlijn Schoonenboom lebt als Korrespondent und Autor in Berlin. Im letzten Jahr hat er ein Buch über die Deutschen veröffentlicht: "Warum wir plötzlich die Deutschen lieben und sie sich davor erschrecken". Mit seinen genauen und humorvollen Beobachtungen hat der damit den Nerv der Zeit getroffen.

"Ja, das Deutschlandbild in den Niederlanden, das war absolut sehr schlimm. Das waren die bösen Nachbarn, Altnazis, alle eigentlich, auch heimliche Nazis. Ja, absolut, kann ich nichts anderes drüber sagen."

Der großgewachsene 40-jährige Merlijn Schoonenboom sitzt an seinem Schreibtisch in Prenzlauer Berg. Hierhin zog er, als er 2009 Korrespondent der renommierten niederländischen Tageszeitung de Volkskrant wurde.

"Nicht zu Hause, zu Hause war das differenzierter, weil: Mein Vater hatte in der Kirche Austausch gehabt, gleich nach Krieg. Sein Vater war Pfarrer, und dann haben die Austausch gemacht mit deutschen Kindern und Schülern. Er hatte diese Offenheit logischerweise schon. Er war auch Soziologe. Meine Mutter – groß literaturvernarrt. So, die deutsche Literatur und Soziologie gab es bei uns in großen Mengen zu Hause. So, was das intellektuelle Erbe angeht, war es ganz gut. Aber die Leute, das Land - das hat man gemieden."

Erst, als er nach Deutschland geht, zunächst zur Tageszeitung DIE WELT, erst dann besuchen auch die Eltern ihr deutsches Nachbarland – Weimar, Leipzig, Wittenberg.

"Ich bin auch nur mit einem Koffer hierher gekommen, ein Koffer und ein Laptop und ähm ähm --- "

Balkanbeats als Berlingefühl

Vier Jahre, von 2009 bis 2013, berichtete Schoonenboom fast täglich aus Deutschland. In dieser Zeit hörte er viel Balkan Beats – das entsprach seltsamerweise seinem Berlingefühl - und er zog beinahe obsessiv von einer Berliner Wohnung in die nächste. Alle halbe Jahre. Nur der Schreibtisch in Prenzlauer Berg, der blieb. Er wollte nah an den Menschen sein, den Puls der Zeit spüren, die Unterschiede zwischen Ost und West selbst erleben. In Amsterdam hatte er Geschichte studiert, als Kunstredakteur und Kulturjournalist gearbeitet, doch eine der Hauptfragen, mit der sich Schoonenboom als Deutschland-Korrespondent vor allem beschäftigen sollte, lautete:

"Warum geht es hier so gut? (Wirtschaftlich.)"

Dass Schoonenboom die Antwort darauf nicht in den Metropolen, sondern im beschaulichen Schwabenland fand, wo sich zwischen anmutigen Hügeln und hübschen Dörfern Firmen befinden, die Weltmarkführer sind in Branchen wie Blechschneidemaschinen und Schrauben - diese Tatsache war für ihn ebenso unerwartet wie faszinierend.

"Da habe ich echt – Meine Augen fielen aus, wie wir in Holland sagen. Das war eine der prägendsten Erfahrungen, auch eine der wichtigsten Erfahrungen, weil seitdem hab ich viel besser verstanden, nicht nur, wie die deutsche Wirtschaft funktioniert, nämlich mit solchen Produkten, sondern auch, wie die deutschen Mythen funktionieren."

Neues Deutschlandbild in den Niederlanden geprägt

Mit seinen kenntnisreichen Reportagen hat Schoonenboom wesentlich zu einem neuen Deutschlandbild und -verständnis in den Niederlanden beigetragen. 2013 wurde er dafür mit dem Kulturpreis Niederlande-Deutschland ausgezeichnet.

Merlijn Schoonenboom kramt in einer Kiste. Nur noch wenige Bücher befinden sich hier im Büro. Die anderen hat er mit nach Hause genommen. Nach Kreuzberg, in den Wrangelkiez. Hier, direkt am Görlitzer Park, wohnt er seit drei Jahren mit seiner deutschen Frau, der großartigen Schauspielerin Inka Löwendorf, und seiner kleinen Tochter. Hier schreibt er zurzeit an seinem neuen Buch.

"Ich verfolge eine Reise eines Gemäldes von 1873 bis jetzt und von Paris nach New York. Es ist kein großes Kunstgemälde, es ist ein Gemälde, was wir jetzt eigentlich als Kitsch beschreiben würden. So, das hat auch etwas Lustiges daranund es ist auch noch ein ziemlich erotisches Gemälde auch noch, ja.. "

Wir setzen unser Gespräch bei einem Spaziergang durch den Görlitzer Park fort. Dass Schoonenboom fürs Bücherschreiben den Rücken frei hat, verdankt er auch dem großen Erfolg seines im letzten Jahr erschienenen Buchs „Waarom we ineens van de Duitsers houden“ - „Warum wir plötzlich die Deutschen lieben“.

Warum die Deutschen sich davor erschrecken

"Ich versuche als Journalist zu beschreiben, wie das Land die letzten sechs Jahre diese neue internationale Rolle gekriegt hat und wie man darauf reagiert. Es geht um Politik, Kultur, Wirtschaftlich und so. Aber auch, was auch für mich wichtig war, das Gefühl, ´okay, wir sind wieder im Rampenlicht, aber wir wollen das eigentlich überhaupt nicht´. Der Untertitel ist: 'Warum die Deutschen sich davor erschrecken'. Weil, das ist so."

Das Buch sorgte in Holland für reichlich Wirbel und ist bereits in dritten Auflage erschienen.

Wir beenden unseren Spaziergang und steigen die vier Treppen zur Wohnung hinauf.

Hier oben gibt es einen herrlichen Blick über den Park Richtung Westen. Schoonenboom stellt Wasser auf den Tisch, holt das Buch. Er hat es als "literarisches Sachbuch" geschrieben – hierzulande ein so gut wie unbekanntes Genre. Eine launige Melange aus journalistischen Fakten, historischen Betrachtungen und persönlichen Beobachtungen. In Ich-Form:

"So. Fang ich dann an?! - Die Einleitung heißt: 'De herontdekking van Duitsland'."

"Die Wiederentdeckung Deutschlands".  Merlijn Schoonenboom liest aus dem Einleitungskapitel. Was ihn besonders freut - sagt er - nicht nur niederländische Leser, sondern auch oder vor allem Deutsche, die in Holland leben, fühlen sich in seinem Buch gut beschrieben und bedanken sich bei ihm. Und mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu, das Buch sei eben wie eine Art Therapie. Zurück nach Holland will er nicht. Er sei jetzt ein Berliner. Ein Kreuzberger, der aufrecht auf einem Hollandrad durch die Stadt radelt... 

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