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Konzert / Archiv | Beitrag vom 29.10.2020

Vladimir Jurowski: Live aus dem Konzerthaus Berlin Aus Alt mach Neu

Moderation: Stefan Lang

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Porträt des Dirigenten vor blauem Hintergrund. (Vladimir Jurowski / Robert Niemeyer)
Vladimir Jurowski ist genialer Programmplaner, selbst in letzter Minute. (Vladimir Jurowski / Robert Niemeyer)

Barocke Werke haben Komponisten der Romantik für den Geschmack ihrer Zeit aufbereitet. So eröffneten sie den Blick, das Ohr des Publikums auf die Schönheit des "Alten". Bach, Couperin und Paganini erklang neu durch Goldmann, Denissow und Strauss.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin musste sein Konzert umdisponieren, zu groß waren die Werke besetzt, die vor langer Zeit geplant wurden. Die Besetzung des Solisten konnte aufrecht erhalten bleiben: zu Gast ist Geiger Fedor Rudin.

Der Geiger lehnt sein Kinn auf die Schnecke seiner Geige und schaut direkt in die Kamera. (Fedor Rudin / nedanavaee.com)Fedor Rudin wurde 2019 zum Konzertmeister des Wiener Staatsopernorchesters und der Wiener Philharmoniker ernannt. (Fedor Rudin / nedanavaee.com)

Er ist der Enkel des bedeutenden russischen Komponisten Edison Denissow, dessen Bearbeitung von fünf Capricen Niccolò Paganinis für Violine und Streichorchester auf dem Programm steht. Diesen programmatischen Gedanken greift nunmehr das gesamte Konzert auf.

Erhellende Blicke zurück

Es besteht ausschließlich aus Bearbeitungen von älterer Musik, die – im 20. Jahrhundert entstanden – deren Wert oft deutlicher herausgestellt haben, als im Original zu spüren.

Bachs rätselhafte Kanonwürfe

Goldmann hatte Ende der 70-er Jahre Bachs 14 Kanons über die ersten acht Fundamentalnoten der Aria aus den Goldberg-Variationen BWV 1087 für Kammerorchester eingerichtet.

Die 14 Kanonfassungen hatte Bach eigenhändig in einen Druck der Goldberg-Variationen eingetragen. Musikalisch beziehen sie sich auf das thematische Material der uns heute bekannten und sehr beliebten Variationsfolge. Wahrscheinlich befand sich dieser Band in Bachs Besitz. Das Blatt ist mit 14 Canons in sogenannter Kurzschrift überzogen.

Farbglasfenster mit einem Porträt von Johann Sebastian Bach in der evangelischen Stadtkirche im thüringischen Lauscha. (imago images / epd)Das Farbglasfenster in Lauscha mit dem Porträt Johann Sebastian Bachs. (imago images / epd)

Bach notierte damals die Melodien und winzige Hinweise, wie die Kanons auszuführen seien. Gegenstimmen und Einsätze der Stimmen – nichts ist ausgeschrieben. Der Bachforscher Christoph Wolff hat die Kanons enträtselt, der Komponist Friedrich Goldmann hat sie für kleines Orchester instrumentiert.

Dem Gedenken eines Bach-Fans komponiert

Uraufgeführt wurde diese Goldmannsche Goldberg Version im April 1978 anlässlich eines Festaktes zu Ehren von Helmut Koch. Der verdienstvolle Bach- und Händel-Dirigent des Rundfunks der DDR war gestorben, man erwies ihm in der Akademie der Künste alle Ehren. Koch hatte sich immer als großer Bachverehrer gezeigt.

Barocke Tänze - eine persönliche Sehnsuchtskultur

Richard Strauss setzte diese Tradition der romantischen Orchesterbearbeitung mit seinem Divertimento op. 86 fort. Zunächst beschäftigte er sich mit Klavierstücken des französischen Barockmeisters François Couperin auseinandergesetzt, um Ballettmusik zu schaffen. "Verklungene Feste: Tanzvisionen aus zwei Jahrhunderten" kam im Mai 1941 in München zur Uraufführung.

Die Initialen von Richard Strauss hat der Komponist mit goldenen Buchstaben in sein verschnörkeltes, gusseisernes Gartentor einarbeiten lassen. (imago images / imagebroker/siepmann)Auch im Gartentor seiner Villa in Garmisch-Partenkirchen setzte Richard Strauss auf barocke Schönheit. (imago images / imagebroker/siepmann)

Um einige Tänze ergänzt, schuf Strauss das Divertimento, das er auch mit einer Opuszahl versah. Die Berarbeitungen atmen Sehnsucht und das Erinnern an eine Zeit, in der Frieden herrschte. Richard Strauss' Werk intendiert einen musikalischen Rückzug, aktualisiert eine entfernte, idealisierte, höfische Welt.

Johann Sebastian Bach
14 Kanons über die ersten acht Fundamentalnoten der Aria aus den 'Goldberg'-Variationen BWV 1087,
Bearbeitet für Kammerorchester von Friedrich Goldmann

Niccolò Paganini
Fünf Capricen für Violine solo
Gesetzt für Violine und Streichorchester von Edison Denissow

Johann Sebastian Bach
'Ich ruf zu dir'  BWV 639
Bearbeitet für Violine und Streichorchester von Anders Hilborg

Richard Strauss
Divertimento für kleines Orchester nach Klavierstücken von François Couperin op. 86

Fedor Rudin, Violine
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: Vladimir Jurowski

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