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Dienstag, 22.10.2019
 
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Konzert / Archiv | Beitrag vom 22.09.2019

Vladimir Jurowski dirigiert Britten und EnescuInnere Unruhe

Moderation: Stefan Lang

Der Dirigent in einer wilden Geste im Gegenlicht eines Scheinwerfers (Vladimir Jurowski / Roman Gontcharov)
Der Dirigent Vladimir Jurowski ist auch Künstlerischer Leiter des aktuell stattfindenden George-Enescu-Festivals in Bukarest (Vladimir Jurowski / Roman Gontcharov)

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt Werke, die die Unruhe der beiden Weltkriege seismographisch spiegeln. Enescus dritte Sinfonie ist nervös mit Splittern der rumänischen Volksmusik durchsetzt. Und Brittens Violinkonzert ist von Beklemmung gezeichnet.

Der Dirigent Vladimir Jurowski hat für diesen Abend zwei Werke gekoppelt, die das Beben ihrer Zeit in sich tragen. Benjamin Britten hatte als überzeugter Pazifist seine Heimat England 1939 gemeinsam mit seinem Lebensgefährten, dem Sänger Peter Pears, Richtung Kanada verlassen, um in die USA auszureisen.

Schatten im Violinkonzert

"Über Europa lag dieser große faschistische Schatten der Nazis, die jeden Moment alles zugrunde richten konnten, und man hatte das Gefühl, dass Europa weder den Willen hatte, noch irgendetwas unternahm, sich dem zu widersetzen. ", so erinnert sich der Komponist 1960. Genau in dieser Zeit vollendet er sein Violinkonzert, das an diesem Abend von Arabella Steinbacher gespielt wird.

Die Geigerin steht in einem kargen Raum mit ihrer Geige in einem blauben Abendkleid. (Arabella Steinbacher / Sammy Hart)Arabella Steinbacher ist überzeugt: "Man ist Musiker – oder man wird es nie" (Arabella Steinbacher / Sammy Hart)

Ein Stück voller Unruhe und Nervosität, das mit einem grollenden Paukenwirbel beginnt. Arabella Steinbacher wird sich dieser Betroffenheit Brittens stellen. Sie hat dieses Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester unter Vladimir Jurowski beim Label pentatonemusic eingespielt.

Enescu als Komponisten entdecken

George Enescu wird zumeist als begnadeter Geiger erinnert. Sein kompositorisches Schaffen ist relativ unbekannt, weil seine Sinfonien und Kammermusiken kaum in Konzerten gespielt werden. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hat schon einige der Enescu Werke aufgeführt und reanimiert, darunter seine Oper "Strigoj".

Im Schreibtisch verschlossen

Heute ist Enescus dritte Sinfonie zu hören, die er zwischen 1916 und 1918 komponierte, unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges. Sie wurde uraufgeführt, einige Male wiederholt und gelangte dann unter Verschluss: Enescu entschied sich, das Notenmaterial nicht mehr frei zu geben. Dabei kann es das Werk mit jenen von Komponistenkollegen aus seinem Umfeld durchaus aufnehmen.

In dem Werk spiegelt sich eine zerrissene Welt, die Musik findet keine Ruhe. Allein das musikalische Material ist so mannigfaltig und enorm kleinteilig - wie ein riesiges Mosaik, das doch kein klares Bild ergeben will. Der 3. Satz ist dann plötzlich eine große Vision voller Licht und Klarheit. Der einsetzende Chor bringt eine traumhaft illusionistische Farbe in den letzten Satz - man möchte darin eine sanfte Zukunftsvision hören, die aber in ganz leisen Passagen verstummt. 

Aufzeichnung vom heutigen Nachmittag in der Philharmonie Berlin

Benjamin Britten
Konzert für Violine und Orchester op. 15

George Enescu
Sinfonie für Chor und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 21

Arabella Steinbacher, Violine
Chor der George-Enescu-Philharmonie Bukarest
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: Vladimir Jurowski

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