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Tonart | Beitrag vom 16.06.2020

Vítezslava KaprálováEine hochbegabte Komponistin

Von Elisabeth Hahn

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Schwarzweiß Ansicht des Freiheitsplatz in Brno (picture alliance / arkivi)
Der Freiheitsplatz in Brünn 1939. Nach der Besetzung der damaligen Tschechoslowakei durch die Wehrmacht 1939 wurde Paris das Exil der 24-jährigen Komponistin. (picture alliance / arkivi)

In vielen Bereichen ihres Berufes war sie die erste Frau. Die Tschechin Vítezslava Kaprálová war Dirigentin und Komponistin. Vor 80 Jahren starb sie mit nur 25 Jahren im französischen Exil. Die hochbegabte junge Frau hinterließ ein beachtliches Werk.

Selbstbewusst blickt Kaprálová in die Kamera, sie trägt Frack und Fliege, ein fast ikonisches Portrait aus dem Jahr 1935. Temperamentvoll, komplex und voller Energie. So klingt die Musik von Vítezslava Kaprálová. Als sie die Sonata Appassionata komponiert, ist sie 18 Jahre.

Selbstbewusst und zielstrebig sei Kaprálová schon in jungen Jahren gewesen, sagt Christine Fischer. Die Musikwissenschaftlerin forscht und publiziert zur tschechischen Komponistin und ist beeindruckt, dass sich Kaprálová immer treu geblieben ist, auch während ihrer Ausbildung.

"Sie hat ein ganz klares Bewusstsein, was sie als Komponistin kann, lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Und sie verhält sich dazu sehr clever, also nimmt das an, was sie gebrauchen kann, um weiter zu kommen und lässt sich vom Rest aber nicht entmutigen."

Abschluss mit Auszeichnung

Vítezslava Kaprálová wird 1915 in Brünn geboren. Ihr Vater Václav Kaprál ist Komponist, ein Schüler von Leos Janácek. Kaprál begleitet die ersten Kompositionsversuche seiner neunjährigen Tochter. Schnell wird klar: Vítezslava ist hochbegabt. Aber von einem Kompositions- und Dirigierstudium rät der Vater ab, erzählt Fischer.

"Also es kann nicht daran gelegen haben, ihr abzuraten, weil er von einer Nichteignung ausging. Sondern, es war ganz klar dieser Faktor, das wird ganz schwierig als Frau. Überleg dir das gut."

Kaprálová setzt sich durch. Mit 15 beginnt sie ein Studium in Brünn, dann in Prag. Mit 22 macht sie dort ihren Abschluss, mit Auszeichnung. Das "ausgesprochene Talent" berechtige "zu den besten Hoffnungen", so heißt es im Gutachten der Prüfungskommission. Für ihren Abschluss komponiert Kaprálová die Militärsinfonietta. Ein militärisches Werk von einer Frau – das ist ungewöhnlich. Die Uraufführung wird ein voller Erfolg. Kaprálová dirigiert als erste Frau die Tschechische Philharmonie. Ein Jahr später eröffnet sie mit diesem Werk das Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. Als jüngste Frau am Pult des BBC Orchestra.

Nach Paris ins Exil

Mit einem Stipendium in der Tasche geht Kaprálová nach Paris. Dort nimmt sie auch Kompositionsunterricht bei Bohuslav Martinu. Der erfolgreiche Komponist protegiert die junge Musikerin, aber er schätzt auch ihre künstlerische Meinung. Aus der Lehrer-Schüler-Beziehung wird eine tiefe Freundschaft – und mehr. 34 Liebesbriefe schreibt der verheiratete Martinu an Kaprálová und träumt sogar von gemeinsamen Kindern. Dieser Traum erfüllt sich nicht. Kaprálová heiratet den Schriftsteller Jirí Mucha.

Als Hitler 1939 die Tschechoslowakei besetzt, wird Paris zum Exil. Nach der Hochzeit im April 1940 wird das junge Paar nach Südfrankreich evakuiert. Nur wenig später – am 16. Juni – stirbt Kaprálová in Montpellier, vielleicht an den Folgen einer Tuberkulose oder einer Eileiterschwangerschaft, vielleicht auch an Typhus. Die Todesursache ist bis heute unklar.

Wahnsinnig viel zu entdecken

Knapp 60 Werke hat Kaprálová in ihrem kurzen Leben hinterlassen, darunter Musik für Chor, Orchester, Kammermusik und Klavier und viele Lieder. Ihr Stil war inspiriert von der Spätromantik, der Avantgarde, vom Jazz und von der Folklore ihrer Heimat. Nach dem Krieg gerät ihre Musik nahezu in Vergessenheit. Ihre Person wird im Kommunismus instrumentalisiert oder in der Literatur zur Femme fatale degradiert. Die Kaprálová-Forschung ist noch jung. Klar ist: Vítezslava Kaprálová gehört zu den wichtigsten Komponistinnen ihres Landes, sagt Christine Fischer.

"Ich denke, es gibt wahnsinnig viel zu entdecken. Und es ist ein wahnsinniger Reichtum da, der noch nicht wirklich erschlossen ist in ihrer Musik." 

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