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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.12.2009

Vitales Porträt einer beeindruckenden Frau

Martha Gellhorn: "Ausgewählte Briefe", Dörlemann Verlag, Zürich 2009, 420 Seiten

Die Kriegsreporterin Martha Gellhorn im Mai 1946 (AP Archiv)
Die Kriegsreporterin Martha Gellhorn im Mai 1946 (AP Archiv)

Die berühmte Kriegsreporterin Martha Gellhorn lässt sich anhand ihrer "Ausgewählten Briefe" neu entdecken: als eine nachdenkliche und stets von Ruhelosigkeit getriebene Frau mit unerhörtem Eigenwillen. Nüchtern, witzig und voller Selbstironie enthüllt sie ihre Gedanken über Liebe, Einsamkeit, Depressionen, Schreiben, Sex und Männer.

Martha Gellhorn war Schriftstellerin und Journalistin, 1908 in St. Louis geboren, ging 1930 nach Paris, 1937 folgte sie Ernest Hemingway, mit dem sie acht Jahre zusammenlebte, in den Spanischen Bürgerkrieg. An vorderster Front war sie bis zum Ende des Kalten Krieges bei jedem großen internationalen Konflikt dabei, in Japan, China oder Vietnam, um als Kriegsreporterin davon zu berichten. 1998 nahm sie sich im Alter von 90 Jahren das Leben. Neben zahlreichen Erzählungen und Novellen schrieb sie geradezu manisch Briefe. Eine Auswahl daraus ist jetzt erschienen.

Nach drei erlesen gestalteten, jeweils mit kundigen Nachworten versehenen Bänden, die Martha Gellhorns Erzählungen vorstellen, eröffnet der Zürcher Dörlemann Verlag nun mit der Herausgabe der "Ausgewählten Briefe" den Blick auf die Innenansichten dieser bemerkenswerten Schriftstellerin. Man entdeckt eine nachdenkliche und stets von Ruhelosigkeit getriebene Frau mit unerhörtem Eigenwillen, die sich selbst immer wieder in Frage stellte und ihren Fähigkeiten, auch ihren literarischen, nie so recht traute. Nüchtern, witzig und voller Selbstironie enthüllt sie ihre Gedanken über Liebe, Einsamkeit, Depressionen, Schreiben, Sex und Männer.

Sie war eine enorm fleißige Briefschreiberin. Selbst wenn sie ankündigte, ihre fehle die Zeit für längere Mitteilungen, wurden es am Ende dann doch zehn Seiten.

Sie reiste durch die ganze Welt – einmal rechnet sie aus, dass sie sich in 55 Ländern, davon in 24 mehrfach aufgehalten hat und 11 Wohnsitze hatte.

"Da ich wegen meiner Linie nicht esse", schrieb sie, unverblümt und schonungslos wie gewohnt mit sich selbst, "und (gerade) kein Liebesleben habe, sublimiere ich das Ganze durch Liebesaffären mit Orten". Wie sie das Reisen brauchte, das ihr Freiheit bedeutete, so wichtig war ihr der Kontakt zu den Menschen, die sie weltweit kennen gelernt hatte. Den pflegte sie bevorzugt schriftlich und mit großer Ausdauer.

Neben Diplomaten, Publizisten und Schriftstellern gehören vor allem Liebhaber zu den Empfängern wie Hemingway, enge Freunde wie der Kriegsfotograf Frank Capa, der im Koreakrieg umkam, oder Leonard Bernstein, zahlreiche Freundinnen wie Eleanor Roosevelt, die Menschenrechtsaktivistin und Ehefrau des US-Präsidenten, und die englisch-deutsche Schriftstellerin Sibylle Bedford. Namen, die sich wie ein Ausschnitt aus dem "Who is who" der intellektuellen Elite des Jahrhunderts lesen, was ihrem zweiten Ehemann, dem Time-Chefredakteur einmal Anlass zu dem Vorwurf gab, sie kenne nur "Schlagzeilen-Menschen".

Der Umfang des gesamten Briefbestandes ist enorm, weswegen sich die Gellhorn-Biografin Caroline Moorehead für diese Edition notwendigerweise beschränken musste. In kurzen Zwischentexten stellt sie Gellhorns Briefpartner vor sowie die Situationen und Lebensumstände, in denen die Korrespondenz geführt wurde. Begleitet durch ein informatives Nachwort von Sigrid Löffler, ersteht auf diese Weise das vitale Porträt einer beeindruckenden Frau. Mehr noch: Wer ein wahrhaft unkonventionelles, radikal selbstbestimmtes Leben aus dem letzten Jahrhundert kennenlernen will, der muss Martha Gellhorns Briefe lesen.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Martha Gellhorn: Ausgewählte Briefe
Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow
Herausgegeben von Caroline Moorehead
Dörlemann Verlag, Zürich 2009
420 Seiten, 24,90 EUR

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