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Echtzeit | Beitrag vom 28.10.2017

Virtual Reality gegen die AngstDigitale Spinnenbeine anfassen und Phobie verlieren

Moderation: Mandy Schielke

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Junge Frau mit VR-Brille zeigt mit dem Finger in die Luft.  (imago/blickwinkel)
(imago/blickwinkel)

In Heilbronn kann man sich seinen Ängsten stellen - ganz gleich, ob Spinnenekel, Höhenangst oder Klaustrophobie. Mithilfe einer Virtual Reality Plattform kann man in die Tiefe springen oder haarige Insektenbeine betrachten. Unsere Autorin Franziska Knupper hat die Plattform getestet.

Welche Situationen wollten die Forscher denn in deinem Fall simulieren?

Ich muss zugeben, ich habe keine klassischen Phobien. Weder besonders große Angst vor einer Spinne an der Wand noch in einem engen Fahrstuhl. Blut mag ich nicht besonders, aber ein Blut-Szenario gab es im Labor leider noch nicht. Oder eigentlich glücklicherweise. Ich wusste bereits vorher, dass Herr Gerrit Meixner und sein Team mich mit Höhenangst und sozialer Angst konfrontieren wollen würde - und obwohl ich beides eigentlich nicht habe, war ich vorher trotzdem ein bisschen nervös.

Meixner: "Ja, das ist hier unser Laboraufbau. Insgesamt rund 50 qm, wo wir momentan 15 Kameras verbaut haben, die sie tracken. Sie bewegen sich völlig frei, haben einen Rucksack, also Backpack-PC an, entsprechend auch eine VR Brille und bewegen sich dann frei auf diesen 50 qm. Die Daten werden verarbeitet und werden in der VR übertragen."

Schäfer: "Das ist der Backpack-PC, moment, das muss ich freiräumen. Einfach anziehen wie einen Rucksack. Wenn Du Dich in Richtung Wand bewegst, dann kommt so eine virtuelle Wand, wird aufgezeigt. Ich zieh jetzt von hinten mal die Bänder fest. Und jetzt einfach mal die Hände nach vorne, beide Hände. Jetzt kannst Du mal herumlaufen."

Knupper: "Oh ja, moment, da ist jetzt eine Hand."

Schäfer: "Genau, das misst jetzt ein, einfach rumlaufen im Kreis."

Philip Schäfer, der mich durch diese ganze Erfahrung geleitet hat, promoviert gerade im Projekt Evelyn und war mit für den ganzen Aufbau der Welten zuständig - da gab es einen Klassenraum oder ein Schwimmbad wo man vom Sprungbrett springen musste und Berge und Palmen, also sehr kreativ.

Und was genau hast Du in diesem Fall gesehen, als Du die Brille aufgesetzt hast?

In dem Moment, in dem ich die VR-Brille aufgesetzt habe, habe ich eine Art weißen Konferenzraum gesehen. Tische, Laptops, ein Rednerpult, aufgeklappter Laptop. Mit einer sensorischen Hand konnte ich sogar Gegenstände berühren oder hochheben. Auf den Stühlen konnten wahlweise Zuhörer Platz nehmen, die Dich anstarren oder die explizit nicht zuhören. Das ist nur eine Möglichkeit sozialen Stress, zu simulieren. Ich fand es aber eigentlich am gruseligsten, dass das System mich gescannt hat und einen Avatar kreiert hat. Das heißt, wenn ich an mir herab geschaut habe, habe ich einen fremden Körper gesehen. Zu einem Zeitpunkt passierte außerdem ein Fehler und das Ding hat meinen Körper verlassen und ein Eigenleben geführt, es stand plötzlich ganz verquer neben mir. Das war viel furchterregender als alles andere.

Knupper: "Der Avatar ist verwirrt, ich seh ihn von hinten, er ist ganz verdreht. Oh mein Gott, das ist ja gruselig."

Schäfer: "Streck die Arme nochmal aus, dann wirst Du neu eingemessen."

Knupper: "Ah ja, da ist er wieder, aber er ist, er ist - oh Gott, er ist neben mir! Sorry, er war neben mir, er ist a hinten!"

Schäfer: "Du warst zu schnell, warte mal, bleib mal stehen. Geh nochmal in die Ausgangsposition."

Könnte man komisch finden - andererseits können solche Augenblicke für echte Angstpatienten vermutlich extrem traumatisierend sein und so alles andere als hilfreich für die Bewältigung sein?

Absolut. Deswegen betonte das Team auch immer wieder, dass es sich bei diesen künstlichen Welt noch um Prototypen handelt.

Das heißt noch werden gar keine – ich sag mal echten Klienten behandelt?

Es ist noch in der Testphase. Die Entwickler wissen, dass man zum Beispiel bei Traumapatienten viel individuellere Welten erschaffen müsste als bei phobischen Personen.

Dr. Meixner sprach sich außerdem auch gegen die Idee aus, die virtuelle Erfahrung ohne einen Psychotherapeuten zu machen. Auch das wird nämlich derzeit in Expertenkreisen diskutiert.

Meixner: "Ich persönlich halte, gerade zu Beginn einer Therapie, nichts davon, man weiß ja noch gar nicht, wie reagiert der Patient jetzt. Der hat wahrscheinlich bisher versucht, den angstauslösenden Reiz zu unterbinden, sodass man gar nicht damit konfrontiert wird und jetzt hat er im heimischen Wohnzimmer auf einmal so eine Konfrontation und je nachdem wie gut die VR gemacht ist und wie präsent er sich da drin fühlt, kann das natürlich auch ganz massiv zu Reaktionen führen. Ich selber hab ja auch so ein bisschen Höhenangst, also ich kann sagen: Es fühlt sich schon ein bisschen komisch an."

Was aber genau wäre denn jetzt aber der Vorteil, mich mit Hilfe von virtueller Realität einer Situation zu stellen?

Na ja, am Ende wird eine psychotherapeutische Behandlung dadurch vielleicht einfach etwas billiger und unkomplizierter.

Meixner: "Sie haben eine sehr geringe Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit. Wenn Sie zum Beispiel Höhenangst nehmen und Sie müssen mit Ihrem Patienten auf ein Hochhaus, weil nur da hat er halt Angst - dann kostet das Zeit. Zahlt keine Krankenkasse, muss der Patient also selber zahlen. Dann müssen Sie wieder runter, ist natürlich problematisch denn Sie sind ja tatsächlich auf einem Hochhaus, da könnte ja etwas passieren, könnte runterfallen oder ähnliches. Wenn Sie das mal weiter treiben Richtung Angst im Flugzeug, wie wollen Sie das machen? Das zahlt ja keine Krankenkasse. Oder Angst vorm Autofahren ist auch noch eine wichtige Phobie. Auf Seiten vom Patienten kann man sagen - man kann es reproduzieren, es ist eine sichere Umgebung und fühlt sich doch sehr real an."

Es gibt ja auch andere Strategien der Suggestion. Hypnose beispielsweise. Da wird man ja auch gezielt in Situationen gebracht, die einem normalerweise Angst machen?

Ohne dass man die Praxis verlässt…

Also, ich kann nur bestätigen, dass es sich in der Tat sehr echt anfühlt. Und sicher gibt es viele Leute, denen es hilft - ich meine, warum mit einer Gummispinne üben, wenn sie potentiell auch krabbeln könnte? Aber obwohl ich sehr von der technischen Seite beeindruckt war, muss ich zugeben, dass ich persönlich eine innere Abneigung gegen diese simulierten Welten habe. Wo fängt es an und wo hört das auf? Ich fühle mich da immer ein bisschen manipuliert.

Ist vermutlich auch eine sehr persönliche Abwägung, eine Frage der Gewohnheit: Ist man der Typ für Virtuelle Realitäten oder eben nicht. Und wie wohl fühlt man sich mit so einer Brille in einer anderen Realität.

Und was sagen die Forscher, wann wird das Ganze tatsächlich einsatzbereit sein?

Die Entwicklung von "Evelyn" wird noch bis 2019 mit Fördergeldern unterstützt. Es gibt auch noch andere Projekte, die gerade entstehen.

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