Vincent O. Carter: „Meine weisse Stadt und ich"

Künstlerroman und Protokoll über Alltagsrassismus

06:54 Minuten
Coverabbildung des Buches "Meine weisse Stadt" von Vincent O. Carter.
© Limmat-Verlag

Vincent O. Carter

Pociao und Roberto de Hollanda

Meine weisse Stadt und ich. Das BernbuchLimmat, Zürich 2021

434 Seiten

29 Euro

Von Carsten Hueck · 30.12.2021
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Als Schwarzer in der Schweiz: Vor 64 Jahren schrieb Vincent O. Carter einen persönlichen Erfahrungsbericht. Erst jetzt ist er ins Deutsche übersetzt - und immer noch ein hochaktuelles Zeitdokument.
Manchmal erzählt die Geschichte der Veröffentlichung eines Buches bereits viel über den Autor selbst. „Meine weisse Stadt“ von Vincent O. Carter ist so ein Buch. Erst 16 Jahre nach seiner Fertigstellung wurde es in den USA veröffentlicht. Der Autor lebte damals in Bern und war inzwischen Maler.
Nun, 40 Jahre nach Carters Tod, erscheint es erstmals auf Deutsch und eröffnet die Möglichkeit, einen Autor kennenzulernen, der engagiert Kunst, Literatur und das Selbstbewusstsein eines Schwarzen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft reflektiert.

Erst bejubelter GI, dann Fremder

Vincent O. Carter wurde in Kansas City geboren. Er geht mit 17 Jahren zur Armee, nimmt teil an der Invasion der Alliierten in der Normandie und der Befreiung Frankreichs. In Paris werden die GIs bejubelt und so jobbt Carter nach Rückkehr in seine Heimat und einem dort absolvierten Universitätsstudium als Eisenbahnkoch und Arbeiter in einer Autofabrik. Er spart das Geld, um 1953 erneut in die französische Metropole zu kommen. Er will Schriftsteller werden und ist überzeugt, dass Paris dafür der richtige Ort ist.
Aber die französische Nachkriegsgesellschaft der 1950er-Jahre unterscheidet sich von derjenigen, die ihn wenige Jahre zuvor offen aufgenommen hatte. Er trägt nicht mehr die Uniform der Sieger, sondern ist nun ein Schwarzer im spätkolonialistischen Frankreich. Er stößt auf Ablehnung oder Gleichgültigkeit, findet kein Zimmer und keinen Anschluss. Ein holländischer Dichter vermittelt ihm schließlich Kontakt zur Künstlerszene in Amsterdam.

Geografische und persönliche Suchbewegung

Anders als erwartet pulsiert dort das Leben. Die Frauen wirken verführerisch, Carter findet Freunde in Jazzbars und Ateliers. Aber mehr noch als in Paris fehlen ihm Sprachkenntnisse. Und er wird brutal mit dem Schicksal der holländischen Juden konfrontiert: „Aus meinen Eltern haben sie Seife gemacht“ ist der Satz einer Bekannten, den er nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Einerseits identifiziert er sich mit ihrem Schmerz und schließt ihn mit der eigenen Erfahrung kurz, überall angestarrt zu werden. Andererseits fühlt er sich von der freimütigen Veröffentlichung weiterer Leidensgeschichten abgestoßen. Der Brief eines alten Army-Freundes führt ihn über München nach Bern.

Schlüsse aus Alltagsbeobachtungen

„Das Bernbuch“ heißt sein Roman im Untertitel. Das ist konsequent, denn Carter erzählt seine retrospektiven wie gegenwärtigen Erlebnisse als Bewohner der Schweizer Hauptstadt. Dabei vermischt der Autor seine gedanklichen Suchbewegungen mit Alltagsbeobachtungen. Er denkt darüber nach, wie er sich als Schwarzer in einer provinziellen „weißen“ Stadt positioniert. Plötzlich sind die Berner Gegenstand einer ethnografischen Betrachtung.
Ihre interessierten Fragen sind bei genauerem Hinhören ausgrenzend, gut gemeintes Entgegenkommen eindeutig rassistisch: Da wird ihm vom jungen Marketingleiter eines Supermarkts die Stelle als Bananenverkäufer angetragen. „Sie sind wie geschaffen dafür“, sagt der dem Universitätsabsolventen. Mit einer Bekannten verabredet sich Carter wiederholt zum Tanzen - sie von zu Hause abholen darf er aber nicht. Dass Kinder ihm auf der Straße das N-Wort nachrufen, mag er noch verschmerzen, dass aber deren Eltern nicht eingreifen, verletzt ihn.

Selbstdistanz und Ironie

Dabei bemüht sich Vincent O. Carter durchgängig um Contenance. Er ist philosophisch geschult und denkt universalistisch. Meist gelingt es ihm, seine eigenen Reaktionen distanziert und durchaus auch mit Ironie zu beschreiben. In den Diskussionen ist er schlagfertig, klug und gewitzt. Dann wieder lässt er den Leser an seiner Reise im Kopf teilnehmen, zerlegt seine Beobachtungen, analysiert, interpretiert. Das ist spannend, weil immer auf Basis von plastischen Beispielen.
Die psychologischen Mechanismen des Rassismus analysiert der Autor bis ins Feinste, auch, was sie mit einem selbst machen, wenn man ihnen täglich, selbst unter Freunden, begegnet. Das macht dieses Buch so wertvoll und aktuell. Es zeigt Größe im Denken und erhellt literarisch souverän Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Strukturen und psychischen Befindlichkeiten. Mit diesem Buch zeigt sich Vincent O. Carter als das, was er immer sein wollte: ein großer Schriftsteller.
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