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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.11.2019

Vierbeiner im Bayerischen NationalmuseumWie Thomas Mann, Bismarck und Loriot auf den Hund kamen

Frank Matthias Kammel im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Auf einem Öl-Gemälde auf Leinwand aus dem 18. Jahrhundert von Johann Georg Waxschlunger sind zwei Hunde vor einer Landschaftskulisse zu sehen. (Bayerisches Nationalmuseum)
Der Hund in all seiner Schönheit: Öl-Gemälde von Johann Georg Waxschlunger aus dem 18. Jahrhundert. (Bayerisches Nationalmuseum)

"Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos", sagte einst Loriot und brachte so seine animalische Liebe zum Ausdruck. Das Bayerische Nationalmuseum beleuchtet nun in einer Ausstellung die spezielle Beziehung von Mensch und Hund.

Im Bayerischen Nationalmuseum gibt es jetzt eine Ausstellung namens "Treue Freunde – Hunde und Menschen". Frank Matthias Kammel ist der Generaldirektor des Museums und Spiritus Rector der Ausstellung. Er erklärt, warum ein Museum voller Kunst aus zwei Jahrtausenden ausgerechnet auf den Hund gekommen ist.

Liane von Billerbeck: Ist der Generaldirektor ein Hundefreund?

Kammel: Der Generaldirektor ist ein Hundefreund, der Generaldirektor ist ein Kunstfreund und der Generaldirektor beobachtet die Welt. Und dort spielt der Hund eine ganz große Rolle.

Billerbeck: Sie sind vor rund einem Jahr als Direktor angetreten und wollten das Bayerische Nationalmuseum zu einer "Neugiermaschine" wandeln, sprich, das verstaubte Image aufpolieren und mehr Menschen zum Besuch eingeladen. Ist der Hund ein guter Türöffner?

Kammel: Ich glaube schon. Der Hund beschäftigt uns alle irgendwie, ob positiv oder negativ. Er ist allgegenwärtig auf den Straßen, auf denen wir uns bewegen.

Er ist aber auch allgegenwärtig in den Medien. Es gibt keinen Tag, an dem Sie nicht in der Zeitung oder im Fernsehen irgendwo einen Bericht finden über einen netten Hund, über einen misshandelten Hund, über einen bösen Hund oder irgendetwas, was mit einem Hund zu tun hat. Insofern ist der Hund ein Thema, das uns alle berührt - und vor allen Dingen Emotionen auslöst.

Der älteste Freund des Menschen

Billerbeck: Und wie macht man das in einem Museum? Welche Hunde kommen dort vor?

Kammel: Dort kommen alle Hunde vor. Wir können natürlich nicht die ganze Geschichte des Hundes erzählen, die 40.000 Jahre alt ist. Der Hund ist das älteste domestizierte Tier und der älteste Kumpane des Menschen. Er begleitet den Menschen seit Jahrtausenden.

Aber diese Geschichte hat sich entwickelt. Insbesondere in Mitteleuropa haben wir ein ganz besonderes Verhältnis zum Hund und in Deutschland immer mehr ein emotionales Verhältnis zu einem Partner. Und das ist etwas, was jenseits aller Rassen und Mischlinge alle Hunde und alle Menschen betrifft. Und es gibt natürlich auch große Hundefreunde in der Geschichte, an denen wir die Ausstellung ein bisschen aufgehängt haben.

Sepia-Fotografie von August Albrecht Sabac el Cher, Kammerdiener des preußischen Prinzen Albrecht, mit seinem Hund im Jahr 1869 in Nizza (Bayerisches Nationalmuseum / Bastian Krack)August Albrecht Sabac el Cher, Kammerdiener des preußischen Prinzen Albrecht, mit seinem Hund im Jahr 1869 in Nizza. (Bayerisches Nationalmuseum / Bastian Krack)

Billerbeck: Welche Hundefreunde aus der Geschichte gibt es denn?

Kammel: Es gibt damals wie heute Menschen, die wir uns ohne Hund gar nicht vorstellen können. Zu deren Image gehört der Hund. Bei Rudolph Mooshammer etwa wusste jeder Münchener, dass die Daisy einfach dazugehört. Die waren ein unzertrennliches Duo.

In Berlin und Potsdam denkt man vielleicht eher an Friedrich den Großen mit seinen Windhunden. Es gibt aber auch Loriot mit seinen Möpsen oder Paris Hilton mit ihrem Hund, Kaiserin Sissi mit ihren großen Hunden oder die Reichshunde von Reichskanzler Bismarck. Das sind alles Tiere, die mit dem Menschen ganz eng verbunden sind. Und wir kennen natürlich auch Schriftsteller, die große Hundefreunde waren.

Billerbeck: Thomas Mann zum Beispiel.

Kammel: Thomas Mann mochte Hunde, hatte immer einen Hund, und wir feiern in diesem Jahr ein Jubiläum seines Hundebuches "Herr und Hund", eines der schönsten Hundebücher der Welt. Daneben gab es aber auch Schriftsteller wie Goethe, die Hundefeinde waren.

"Ein enger Freund und doch so fremd"

Billerbeck: Die Ausstellung heißt "Treue Freunde – Hunde und Menschen". Was ist denn nun der Hund dem Menschen, treuer Freund oder doch eher vertrauter Fremder?

Kammel: Ich glaube, er ist beides. Es gibt ein schönes Wort von Thomas Mann in dem zitierten Buch, dass er über seinen Lieblingshund Bauschan sagt. Das kann man auf das Hund-Mensch- und Mensch-Hund-Verhältnis im Allgemeinen anwenden: "Wunderliche Seele" nennt er den Hund. Frei zitiert heißt es: "ein enger Freund und doch so fremd".

Das ist genau der Punkt. Wir haben im Hund einen Freund gefunden, der gehorsam und ein treuer Partner ist sowie ein animalisches Alter Ego darstellt. Und auf der anderen Seite merken wir immer wieder, er ist ein Tier. Er ist anders als wir. Der große österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat einmal gesagt: "Wir lieben den Hund so, weil er das Tier mit der größten Menschenähnlichkeit ist, aber wir merken immer wieder, es ist doch ein Tier." Vielleicht macht gerade diese Spannung dieses wunderbare Verhältnis aus.

Billerbeck: Jetzt schweben wir in unserem Gespräch gerade in philosophischen Sphären, aber beschreiben Sie doch mal, was ich sehe, wenn ich zu Ihnen ins Museum komme?

Kammel: Wir haben die Ausstellung in zwölf Kapiteln aufgebaut und nicht chronologisch. Wir werfen ausgehend von Thomas Mann Schlaglichter. Er beschreibt dieses enge Verhältnis das erste Mal. In seinem Buch kommt fast niemand anderes vor als Bauschan und er. Und es geht über hundert Seiten darum, wie diese beiden ihr Leben verbringen.

Deswegen haben wir gefragt, was an dem Leben von Mensch und Hund dran ist. Und da gibt es natürlich Schlagworte, die jedem dazu einfallen - etwa Treue und Partnerschaft. Wir beleuchten in einem großen Kapitel, wie sich das in der Kulturgeschichte niederschlägt, und zwar vom großen Kunstwerk hin zu spektakulären Alltagszeugnissen.

Es ist natürlich aber auch immer so gewesen, dass der Hund ein Statussymbol war. Das kennen wir heute noch aus der Politik. Die Fürsten des 16. Jahrhundert ließen sich als Zeichen von Macht mit den großen Doggen darstellen. Die Fürstinnen mit ihren kleinen Schoßhunden waren etwas, das wir heute als Luxus bezeichnen würden, also auch wieder Macht.

Es gibt aber auch den Dienst des Hundes. Der älteste Dienst des Hundes ist natürlich die Jagd, die er für den Menschen verrichtet. Wir kennen aber auch den Blindenhund, über den seit dem Spätmittelalter in Stadtverordnungen gesprochen wurde. Wir kennen aber auch den Hund als erstes Lebewesen im Weltraum. Das sind Dinge, die wir uns ohne den Hund gar nicht denken können. Wir zeigen Laika natürlich auch in künstlerischen Zeugnissen. Und wir zeigen Belka und Strelka, die beiden Hunde, die lebend wieder zur Erde zurückgekehrt sind.

Facettenreiches Verhältnis

Billerbeck: Hat sich Ihr persönlicher Blick auf den Hund gewandelt?

Kammel: Der hat sich gewandelt. Im Entwickeln dieses Konzeptes, das neugierig machen sollte und keine Chronologie oder Aneinanderreihung der schönsten Hundedarstellungen ist, haben wir gemerkt, wie facettenreich das Verhältnis ist. Man könnte nicht nur 230 Objekte, sondern Tausende zu einer Ausstellung zusammentragen.

Es gibt so viele interessante Dinge, die uns heute immer wieder mit dem Hund verbinden und zurückschauen lassen in die Vergangenheit, um zu sehen, ob es im Mittelalter, im 16. oder 18. Jahrhundert, anders als heute war oder es viele Ähnlichkeiten gibt. Und es gibt Kontinuitäten, es gibt aber auch Kontraste. In einem Kapitel, das wir Trendsetter genannt haben, gibt es zum Beispiel die Kontinuität des Modehundes. Es gibt immer Zeiten, in denen bestimmte Rassen Mode sind, weil sie einen bestimmten Nerv treffen.

Eine Reisetasche aus Süddeutschland, etwa um 1860, aus Wollstickerei, Glas- und Metallperlenstickerei sowie Metall mit Henkel und Hundemotiv. (Bayrisches Nationalmuseum / Bastian Krack)Wollstickerei, Glas- und Metallperlenstickerei: eine Reisetasche aus Süddeutschland etwa um 1860. (Bayrisches Nationalmuseum / Bastian Krack)

Billerbeck: Hunde haben im Museum nichts zu suchen, aber darf man Bello in diese Ausstellung ausnahmsweise mitbringen?

Kammel: Bello hätte nichts davon und wäre irritiert. Hunde dürfen nicht ins Museum. Es gibt natürlich Ausnahmen wie Assistenzhunde oder Blindenhunde. Aber ich weiß nicht, ob sich Hunde in der Ausstellung vertragen würden. Und vor allen Dingen würden ihnen die Gerüche gar nicht gefallen, denn der Hund definiert seine Umwelt ja vor allem über den Geruch. Insofern wünschen wir den Menschen, dass sie ganz viele Hunde sehen und sich an Hunden erfreuen können, während die eigenen Hunde draußen warten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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