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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.10.2012

Vielschichtige Einblicke in die türkische Kultur

Yasar Kemal: "Salih der Träumer", Unionsverlag, Zürich 2012, 412 Seiten

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Eine Bucht am Schwarzen Meer: Kemal erzählt die Geschichter eines kleinen Jungen, der in einem Fischerdorf aufwächst. (Stock.XCHNG / Serg Alexa)
Eine Bucht am Schwarzen Meer: Kemal erzählt die Geschichter eines kleinen Jungen, der in einem Fischerdorf aufwächst. (Stock.XCHNG / Serg Alexa)

Der heute 89-jährige Yasar Kemal wurde 1955 mit seinem Roman "Mehmet der Falke" zum meistgelesen Schriftsteller der Türkei und auch international berühmt. Doch noch immer gibt es Werke von ihm, die nicht übersetzt worden sind. Der Roman "Salih der Träumer" wurde bereits 1976 in der Türkei veröffentlicht. Jetzt liegt das Buch erstmals auf Deutsch vor.

Salih ist ein elfjähriger Junge, der in einem kleinen Fischerdorf an der türkischen Schwarzmeerküste aufwächst. Da seine Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können, spielt er mit anderen Kindern, schaut sich im Dorf um und ist berühmt dafür, einfach vor sich hin zu träumen. Doch in diesem Sommer wird alles anders. Er findet am Stand eine junge Möwe mit einem gebrochenen Flügel. Salih will sie gesund pflegen, doch ist das möglich? Seine Großmutter kann wunderwirkende Salben herstellen, doch leider liegt er mit ihr dauernd im Streit, so wird sie für seine "verschissene Möwe" keinen Finger rühren.

Salih fragt die unterschiedlichsten Dorfbewohner um Hilfe: Den Fischer Mustafa, der Salihs Schwester gegen den Willen des Vaters geheiratet hat und deshalb keinen Kontakt zur Familie hat. Den alten Doktor Yasef, der über seine Kriegserlebnisse schier verrückt geworden ist und Kapitän Temel, der nicht nur der beste Fischer des Ortes ist, sondern in Salihs Fantasie auch zum Piratenkönig wird. Immer wieder lautet die Antwort, eine Möwe mit gebrochenem Flügel muss sterben - doch Salih gibt nicht auf.

Mit unendlicher Genauigkeit und viel Liebe zum Detail erzählt Yasar Kemal von Salihs Welt. Besonders viel Wert legt der Autor auf die Beschreibung der Farben. Das Blau des Meeres findet sich wieder im Blau der Wolken, des Rauches und vor allen Dingen in dem blauen Lastwagen seines Nachbarn Metins – dem Schmuggler. Metins blauer Lastwagen mit einem Führerhaus, das Granatapfelblütenrot ist, lässt Salih fast seine Möwe vergessen. Blau ist hier auch als Metapher zu verstehen – blau sind die Glassteine, die in der Türkei gegen den bösen Blick getragen werden.

Yasar Kemal zeichnet mit seiner Sprache Bilder, die langsam im Kopf des Lesers entstehen. Der Übergang zu Sagen und Epen ist dabei fließend – Salih wechselt mühelos die Ebenen und wird so auch zum Freund des Sultan Sohnes, der als Schlange geboren wird. Doch auch die Situation in der Türkei der 70er-Jahre fließt in den Roman mit ein. So beschreibt der Autor die aufstrebende Elite, die mit dem Handel viel Geld verdient und sich an amerikanischen Vorbildern orientiert und deren Lebenswandel kopiert. Er erzählt über die Studenten des nicht weit entfernten Istanbuls, die gegen das Regime auf die Straßen gehen und dann ins Gefängnis müssen und über den Kampf zwischen Militär und den Schmugglern am Schwarzen Meer. Yasar Kemal lässt seine mythischen Helden gegen viele Gefahren kämpfen und stellt ihnen die verschiedenen Religionen zur Seite, ohne eine davon als überlegen zu bezeichnen.

Ganz sicher war dieser Roman zur Zeit seiner Entstehung, 1980 - vier Jahre vor dem dritten Militärputsch in der Türkei - äußerst brisant. Doch bis heute hat er nichts von seiner Spannung verloren und gibt neben seiner Poesie einer berührenden Kindheitsgeschichte vielschichtige Einblicke in die türkische Kultur des letzten Jahrhunderts.

Besprochen von Birgit Koß

Yasar Kemal: Salih der Träumer
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Unionsverlag, Zürich 2012
412 Seiten, 24,80 Euro

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