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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.05.2013

Viele Kirchen, wenig Menschen

Evangelische Dorfgemeinden in Mecklenburg-Vorpommern

Von Stephanie von Oppen

Dorfkirche von Bibow in Nordwestmecklenburg (Deutschlandradio - Joachim Czwalinna)
Dorfkirche von Bibow in Nordwestmecklenburg (Deutschlandradio - Joachim Czwalinna)

Nur etwa ein Fünftel der Menschen, die in Mecklenburg-Vorpommern leben, gehören der evangelischen Kirche an. Dafür gibt es umso mehr Gotteshäuser. Fast in jedem Dorf eins. Für eine schwindende Zahl von Pfarrern ist das eine ziemliche Herausforderung.

Schwarz, Barockkirche, 18. Jahrhundert - Krümmel, neugotische Backsteinkirche, 19. Jahrhundert - Lärz, Fachwerkkirche, 18. Jahrhundert - Diemitz, Barockkirche, 18. Jahrhundert - Alt Gaarz, Fachwerkkirche mit Holzstulpverschalung 19. Jahrhundert - Wesenberg, gotische Backsteinkirche - Ahrensberg, Fachwerkirche 18. Jahrhundert …

Fünfzehn Kirchen gehören zu den evangelischen Gemeinden Schwarz, Wesenberg und Schillersdorf. Sie liegen im größten Landkreis der Bundesrepublik "Mecklenburgische Seenplatte". Dort soll es die höchste Kirchendichte Europas im Verhältnis zur Einwohnerzahl geben. Auf etwa hundert Kirchenmitglieder kommt ein Gotteshaus.

Sonntagsgottesdienst im mecklenburgischen Dorf Lärz. Da es in der alten Fachwerkkirche noch zu kalt ist, findet er im sogenannten Backhaus statt. Zwölf Menschen haben sich versammelt. Der evangelische Pastor Wilhelm Lömpcke wohnt im Nachbarort Schwarz in einem alten Pfarrhaus. Dort hat er an diesem Morgen Predigttext und Talar in seinen Aktenkoffer gesteckt, eine Kiste Gesangsbücher sowie das Keyboard in sein Auto geladen und dann den Organisten Maik Czarska abgeholt. Seine erste Station war die Friedhofskapelle von Buschhof. Fünf ältere Frauen aus dem Ort hatten sich dort eingefunden. Nun also die gleichen Lieder, gleiche Texte, gleiche Predigt nochmals für die Lärzer Kirchgänger.

Wilhelm Lömpcke: "Es ist sehr viel Fahrerei und eine wichtige Frage ist immer, wie ist das mit den Gottesdiensten. Das sind ja Gottesdienste mit drei oder fünf Leuten. Aufwand und Nutzen stehen da oftmals in keinem guten Verhältnis. Jedes Dorf hat eine eigene Kirche und die Gemeinde fährt nicht in ein eine andere Kirche. Der Pastor muss reisen."

Seit acht Jahren ist Wilhelm Lömpcke Pastor in der Mecklenburgischen Seenplatte. Für ihn hat sich seit seinem Wechsel aus einer Stadtgemeinde im niedersächsischen Gifhorn alles verändert. Dort teilte er sich eine Pfarrstelle mit drei anderen Pastoren und war für etwa 3000 Protestanten zuständig. Jetzt betreut er mit einer halben Stelle 270 Gemeindemitglieder, die in einem Radius von etwa 40 Kilometern verstreut leben.

"Früher habe ich jede Woche mindestens einmal auf dem Friedhof gestanden, jetzt habe ich vielleicht, wenn es hoch kommt, zehn Beerdigungen im ganzen Jahr. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass es eine viel kreativere Arbeit ist als das, was ich von früher kenne. Wenn ich etwas erreichen will, muss ich etwas anstellen. Gelder besorgen, Gedanken machen, wen ich mit ins Boot nehmen kann."

Wilhelm Lömpcke besitzt eine Mappe mit großen Schlüsseln zu den historischen Kirchen, für die er zuständig ist. Einige davon beherbergen einzigartige Altäre, Skulpturen, Wandmalereien, Orgeln. Diese zu pflegen und erhalten, lässt sich nur mit der Unterstützung der Dorfbewohner bewerkstelligen. Die Fachwerkkirche von Lärz, die in einem warmen Ockergelb gestrichen ist, wurde erst kürzlich renoviert.

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren diese Fenster mit Plastikplanen vernagelt, das Wasser lief dahinter runter und die Balken verschimmelten und es musste dringend was gemacht. Das ging nur mit Hilfe eines Fördervereins, dessen Mitglieder nicht nur Geld gesammelt, sondern auch mit angepackt haben.

"Sie engagieren sich hier, weil die Kirche der Mittelpunkt des Dorfes ist und so etwas wie ein Kulturgut – sie bringen sich ein, weil die Kirche ihnen am Herzen liegt. Der Vorsitzende ist nicht Mitglied der Kirche und das geht alles sehr gut."

Und wie in vielen der kleinen Dorfkirchen der Region finden auch in der Lärz Kirche längst nicht mehr nur Gottesdienste statt, sondern auch kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Lesungen, Theater. In einer Gegend also, wo Religion und Glaube schon lange nicht mehr selbstverständlich zum Alltag der Menschen gehören, werden Kirchengebäude zum dörflichen Gemeinschaftsprojekt.

In der benachbarten Gemeinde Wesenberg, zehn Kilometer entfernt, hat Wilhelm Lömpcke eine weitere halbe Pfarrstelle inne. Mit seinem dortiger Kollege Thorsten Morche konnte er in den letzten Jahren einen Stab von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen gewinnen – wie Doreen Helms.

Doreen Helms: "Also der Pastor hier hat zehn Kirchen – wie soll man das auf die Reihe kriegen –ich habe ganz viel mitgearbeitet im Büro und habe gesehen was an Arbeit anfällt, und versucht, ein bisschen was zu übernehmen, und das ist traurig. Die Leute warten drauf, sie möchten gerne in die Kirche gehen, aber sie können nur alle zwei Wochen dort einen Gottesdienst machen, weil eben die Zeit nicht ist, weil er alles abdecken muss."

Thorsten Morche: "Man ist von einem Zipfel zum anderen mehr als 20 Minuten unterwegs und hat noch niemanden getroffen und mit keinem geredet. Das ist dann die Herausforderung – ich bin ja nicht Pastor geworden, um im Auto zu sitzen und von Kirche zu Kirche zu fahren."

Das sieht seine Kollegin Britta Carstensen vom mecklenburgischen Pfarrsprengel Mölln und Breesen bei Neubrandenburg eher sportlich. Sie ist zum Kirchentag nach Hamburg gekommen, um an einem Stand ihre Region vorzustellen, die seit einem Jahr Teil der gastgebenden Evangelisch Lutherischen Kirche in Norddeutschland ist.

Britta Carstensen: "So´n Kirchentag ist ja auch ein super Podium, um Interesse zu wecken, ich glaube schon, dass man auf nordelbischer Seite vielleicht noch gar nicht versteht wie schwierig das ist, wie in meinem Fall, zwei Gemeinden, 13 Kirchen, 16 Friedhöfen und 816 Gemeindemitgliedern zu agieren. In Bayern, hat man mir mal gesagt, wäre ich mit so was Bischöfin."

Das Herz der ehrenamtlichen Arbeit in Britta Carstensens Gemeinde ist ein Förderverein für den Erhalt der alten Kirchen. Vorsitzende ist Bettina von Wahl, die inzwischen sogar ihre Arbeit als Journalistin in Hamburg dafür aufgegeben hat. Wenn es in den Dörfern schon keinen Laden und keine Gaststätte mehr gibt, dann doch wenigstens eine Kirche.

Bettina von Wahl: "Der Beweggrund ist der, dass ich gesehen habe, wenn Sie so einen Förderverein gründen, kriegen Sie Kontakt mit Menschen, die mit Kirche eigentlich nichts mehr zu tun haben. So ´n Förderverein ist nicht die Kirche an sich, aber das ist so ein Moment ich erhalte meine Dorfmitte, und das ist eine Möglichkeit, viele Menschen zusammen zu bringen."

Bei aller Liebe zu den alten Gebäuden, bleibt die Gemeindearbeit der Zukunft ein drängendes Thema für die Pastoren.

Britta Carstensen: "Die Kirchenrettungsprojekte sind schon ganz zentral, aber bei uns ist auch ganz wichtig die Kinder – und Jugendarbeit. Wir versuchen eben auch ,eine starke soziale Arbeit zu machen, wir versuchen uns nicht nur darauf zu beschränken, die Gebäude zu retten."

Thorsten Morche: "Ich sage das ist Zukunft von Kirche, sie wird zur Eventkirche – wir schaffen es nicht überlängere Zeit, die Leute regelmäßig in den Gottesdienst zu kriegen, sondern das wird so sein, dass wir sie an bestimmten Höhepunkten im Jahr zusammen rufen und sammeln, und dann muss das auch ein bisschen mehr sein als der einfache klassische sonntägliche Gottesdienst. Der, sage ich etwas ketzerisch, für diese Gegend, ist eher das Auslaufmodell."

Thorsten Morche wird diesen Prozess wohl nicht mehr erleben. Er verlässt Mecklenburg und tritt eine neue Pfarrstelle in Hamburg an. Seine zehn Kirchen kommen vorerst unter die Fittiche von Wilhelm Lömpcke. Dadurch werden es 15 Kirchen, die er zu betreuen hat. Pfarrer Lömpcke will sich aber nicht entmutigen lassen. Er setzt auf ehrenamtliche Mitarbeiter sowie auf den Tourismus.

Wilhelm Lömpcke: "Das ist ja auch eine Stärke, die wir aufnehmen wollen und wo wir uns als Gastgeber verstehen: Kirche als Gastgeber für die Urlauber."

Und da landet man dann doch wieder bei den alten Kirchengebäuden. So hat der Pfarrer in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass die fünf, die zu seiner Gemeinde gehören im Sommer tagsüber offen stehen.

Wilhelm Lömpcke: "Ich habe Leute angesprochen, die die Kirche morgens aufschließen und abends wieder zuschließen und sich darum kümmern, auch mal durchkehren und dafür sorgen, dass da ein Gesangbuch liegt, eine Kerze brennt und es ist so, dass sie das als ihre Kirche begreifen."

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