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Im Gespräch | Beitrag vom 24.11.2018

Verzicht und MinimalismusIst weniger wirklich mehr?

Moderation: Gisela Steinhauer

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Ein leerer Einkaufskorb
Einfach mal nix kaufen, ist das besser für uns und die Welt? Ein leerer Einkaufskorb (Imago)

Wir leben im Überfluss: Jeder Mensch in Deutschland besitzt im Schnitt 10.000 Dinge. Viele verstauben ungebraucht und doch kaufen und kaufen wir. "Genug damit", sagen immer mehr Zeitgenossen und setzen auf Minimalismus. Aber ist weniger wirklich mehr?

"Minimalismus bedeutet nicht, weniger zu haben", sagt Lina Jachmann, Autorin des Buchs "Einfach leben – Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil". "Es geht darum, Platz zu schaffen für die wichtigen Dinge im Leben." Sie hat ihr Leben aufgeräumt: Sie hat sich von vielen überflüssigen Dingen getrennt, macht ihre Kosmetika selbst, nutzt Sharing-Angebote und versucht, Müll weitgehend zu vermeiden. Sie kauft im Unverpackt-Laden ein und lebt vegan.

Es geht um globale Verantwortung

Jeder könne sich fragen: "Was brauche ich wirklich? Was sind meine echten Bedürfnisse?" Oft würden die wahren Wünsche kompensiert durch Einkäufe; gerade junge Menschen ließen sich schnell von der immer aggressiveren Werbung beeinflussen. Lina Jachmann geht es dabei auch um die globale Verantwortung, sei es die Kinderarbeit für unsere Billigklamotten oder die Massentierhaltung. "Wir outsourcen die Jobs, weil wir den Konsum genießen wollen." Ihr Appell: "Jeder Kassenbon ist ein Stimmzettel. Mit jedem Euro, den wir ausgeben, treffen wir eine Entscheidung, welche Firmen, Marken und Produkte es geben soll. Mit jedem Kauf gestalten wir die Welt ein Stück mit."

Minimalismus macht auch Arbeitsplätze kaputt

"Ich bin ein Fan davon, Ethik und Wirtschaft zu verbinden", sagt Prof. Dr. Dominik Enste. Er leitet das Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Natürlich könne man zum Konsumverzicht aufrufen, wie am heutigen "Kaufnix-Tag" und diesen auch leben. "Aber wenn alle so minimalistisch leben, dann könnte es in einigen Ländern schwierig mit den Arbeitsplätzen werden."

Die Grenzen des Wachstums

Sein Ansatz: "Wie kann man Ressourcen effektiver nutzen und weniger verschwenden? Ich setze mehr auf kluge Verteilungsstrategien, statt auf Verzicht." Letztlich habe unser Wirtschaftssystem viele gute Seiten. Enste sagt:"In den letzten 200 Jahren hat das Wirtschaftswachstum den Wohlstand, den wir heute haben, etabliert, die Armut halbiert." Doch die Grenzen des Wachstums seien erreicht. Deshalb plädiert der Wirtschaftsethiker für eine "inklusive Wachstumsstrategie"; dies vermittelt er auch Managern in seinen Seminaren. Letztlich gehe es um die Frage "Was heißt gutes Leben, wenn es nicht Wachstum bedeutet?"

"Kaufnix-Tag"– Ist weniger wirklich mehr?
Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9 bis 11 Uhr mit Lina Jachmann und Dominik Enste. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de – sowie auf Facebook und Twitter.

Über Prof. Dr. Dominik Enste: www.dominik-enste.de

Literaturhinweis:
Lina Jachmann: "Einfach leben - Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil"
Knesebeck Verlag, München 2017, 240 Seiten, 24.95 Euro

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