Umgang mit Konflikten

Was Verzeihen mit uns macht

Die Illustration zeigt zwei Menschen, die auf dem Boden sitzen und voneinander abgewandt sind.
Verzeihen braucht Zeit. Häufig geht ihm ein Rückzug voraus – eine Phase, in der Wut, Groll und Verletzung zunächst ausgehalten werden © IMAGO / fStop Images
Empörung ist schnell da, Verzeihen nicht. Warum fällt es so schwer, Wut loszulassen? Wie wirkt sich Verzeihen auf Psyche und Körper aus? Und kann es auch gesellschaftlich helfen, festgefahrene Konflikte zu lösen?
Wer von jemandem verletzt wird, zieht sich zurück, hält an Groll fest oder denkt an Rache. Verzeihen wirkt in solchen Momenten fast wie eine Überforderung, im Privaten ebenso wie in politischen oder gesellschaftlichen Konflikten.
Und doch zeigt die Forschung: Verzeihen ist weder ein Zeichen von Schwäche noch ein Schlussstrich. Es kann helfen, Wut zu lösen, Beziehungen neu zu ordnen und festgefahrene Konflikte zu verändern. Aber nicht alles sollte verziehen werden.  

Was Verzeihen ist und was es nicht bedeutet 

Zum Verzeihen wird in vielen Disziplinen geforscht, vor allem in der Psychologie, aber auch in Soziologie, Philosophie, Konfliktforschung und Theologie. Verzeihen und Vergebung werden dabei meist gleich verwendet. 
Der Sozialpsychologe Michael Wenzel von der Flinders University in Australien beschreibt Verzeihen als eine „Transformation der Motivlagen gegenüber einem Täter oder einer Täterin“. Das heißt: Wer verletzt wurde, handelt zunächst oft aus negativen Motiven heraus, zum Beispiel aus Wut, mit Vergeltungswünschen oder durch Rückzug. Im Prozess des Verzeihens verändern sich diese Motive: Der Wunsch nach Rache tritt zurück, ohne dass das verletzende Verhalten gutgeheißen oder entschuldigt wird.  
„Das Wort Verzeihen kommt ja von Verzicht: Verzicht auf Rache, Verzicht auf sofortige Reaktion“, erklärt der Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff. Dieser Verzicht sei notwendig, wenn sich Konflikte nicht immer wiederholen sollen. 
Verzeihen ist dabei laut der Soziologin Sonja Fücker immer ein interaktiver Prozess. Es reiche nicht aus, dass eine Person für sich beschließe: „Ich verzeihe jetzt, ich vergebe.“ Dafür brauche es immer zwei oder mehrere Menschen.  

Verzeihen erlernen

Verzeihen lässt sich nicht nach einer festen Anleitung erlernen. Es ist ein sehr individueller Vorgang, der von vielen Faktoren abhängt. Die Art des Konflikts spielt eine Rolle, aber auch die Beziehung zwischen den Konfliktparteien, frühere Erfahrungen, Erziehung und Persönlichkeit spielen ebenso eine Rolle wie ausgesprochene Entschuldigungen.
Es gibt zwar keinen festen Fahrplan, aber Verzeihen ist ein psychologischer Prozess, den man erlernen kann. Dabei können Übungen helfen, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und Empathie zu entwickeln. 
Es gibt auch ein stilles Verzeihen, ohne den Dialog mit der Täterin oder dem Täter. Betroffene tun es als Selbstschutz, um für sich selbst Frieden zu finden. Verzeihen bedeutet auch nicht automatisch Versöhnung. Menschen können jemandem verzeihen und trotzdem Abstand halten oder eine Beziehung beenden. 

Wie Verzeihen Gesundheit und Wohlbefinden beeinflusst 

Bleiben Wut, Groll oder Rachegedanken über Jahre bestehen, kann das zu dauerhaftem Stress führen. Der Psychologe Mathias Allemand warnt, dass dieser chronische Stress sowohl die psychische als auch die körperliche Gesundheit belastet, etwa durch ein erhöhtes Risiko für Depressionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 
In seinen Studien zeigte sich, dass besonders ältere Menschen unter langanhaltenden Kränkungen leiden können. Gelingt es ihnen aber, selbst nach Jahrzehnten loszulassen, kann Verzeihen zu einem entscheidenden Wendepunkt werden und die Lebensqualität deutlich verbessern.  
Eine Meta-Analyse aus dem Fachmagazin Psychology & Health aus dem Jahr 2019 zeigt, dass Menschen, die häufiger verzeihen, im Durchschnitt über weniger depressive Symptome und weniger Angst berichten. Verzeihen wird unter anderem auch mit positiven Effekten auf die Herzschlagrate und den Blutdruck in Verbindung gebracht.
Eine weitere Meta-Analyse aus dem Jahr 2022, die 83 Studien mit rund 40.000 Teilnehmenden untersuchte, kommt zu einem ähnlichen Befund. Menschen, die angeben, schneller und häufiger zu verzeihen, berichten im Schnitt, dass sie zufriedener sind und mehr positive Emotionen empfinden. 
Der Psychologieprofessor Michael Wenzel erklärt, dass Konflikte oder Regelverletzungen in Beziehungen nicht nur schaden müssen. Werden sie gut aufgearbeitet, können sie eine Beziehung sogar stärken. Der Konflikt hilft den Beteiligten dann, die Werte der anderen Person besser zu verstehen und in Zukunft stärker darauf Rücksicht zu nehmen.  

Die Grenzen des Verzeihens 

Verzeihen kann problematisch werden, wenn es nicht freiwillig geschieht, sondern unter Druck. Die Soziologin Sonja Fücker weist darauf hin, dass oft gesellschaftliche, religiöse oder familiäre Erwartungen Menschen dazu drängen können, zu verzeihen, zum Beispiel aus dem Anspruch heraus, Konflikte schnell zu befrieden. In vielen Kulturen oder Religionen sei die Vorstellung tief verankert, dass Verzeihen grundsätzlich etwas Gutes sei.  
Die monotheistischen Religionskulturen, insbesondere das Christentum, betonen die Nächsten- und sogar die Feindesliebe, machen das Vergeben beinahe zur Pflicht. Dieser moralische Druck kann laut Fücker aber belastend werden, besonders für Menschen, die spüren: „Ich schaffe das aber nicht.“. 
Der Psychologe Mathias Allemand erklärt, dass Verzeihen dort an Grenzen stößt, wo Verletzungen andauern oder sich wiederholen. Wer zum Beispiel in einer Beziehung immer wieder gekränkt wird und dennoch verzeiht, setzt sich erneut der gleichen Belastung aus. Besonders bei schweren Verletzungen oder fehlender Reue könne der Versuch, die Perspektive des Gegenübers zu verstehen, sogar hinderlich sein. In solchen Fällen kann es notwendig sein, unversöhnlich zu bleiben, auch um die eigene Integrität zu schützen. 
Wer verzeiht, ermöglich laut der Philosophin Susanne Boshammer dem Gegenüber, „sich das, was er uns angetan hat, nicht mehr zum Vorwurf zu machen“. Genau deshalb müsse sorgfältig abgewogen werden, ob dieser Schritt mit der eigenen Selbstachtung vereinbar sei. In manchen Situationen, so Boshammer, müsse man „hart bleiben, damit wir uns selbst noch respektieren können“. 
Der US-Philosoph Jeffrie G. Murphy schreibt in seinem Buch “Getting Even: Forgiveness and Its Limits”, dass Empörung und Übelnehmen auch von einer gesunden Selbstachtung einer verletzten Person zeugen können.

Verzeihen als Gesellschaft   

Kollektives Verzeihen zeigt sich zum Beispiel in Völkerkonflikten. Dabei wird eine Gruppe mit eigener Identität und eigenen Normen von einer anderen Gruppe verletzt. Wie der Sozialpsychologe Michael Wenzel erklärt, müssen nicht alle Mitglieder an den Taten beteiligt sein. Entscheidend ist auch die gemeinsame Zugehörigkeit. Gerade in langanhaltenden Konflikten wie zwischen Israel und Palästina reicht es deshalb oft nicht aus, wenn einzelne Personen Vergebung anbieten.  
Wenzel erklärt, dass es entscheidend sei, ob sich eine Gruppe insgesamt zu einem „vergebenen Empfinden“ gegenüber einer anderen Gruppe entwickelt. Zwar könnten politische Führungsfiguren im Namen einer Gruppe Vergebung aussprechen, doch es bleibt offen, ob dies tatsächlich die Haltung der Mehrheit widerspiegelt. Kollektives Verzeihen sei daher ein langfristiger Prozess, der viele Menschen einschließen müsse. 
Ein wichtiger Schritt ist auch die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, wie der Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff erklärt. Dabei gehe es darum, zu verstehen, warum eine Gruppe so gehandelt hat, ohne sich emotional mit der Tätergruppe zu identifizieren. 
Kollektives Verzeihen wird oft durch konkrete gesellschaftliche Praktiken unterstützt, zum Beispiel durch Bildungsarbeit, öffentliche Gespräche, neue Erzählungen über die Vergangenheit oder Gedenkorte.
Beispiele wie die Aufarbeitung in Südafrika oder die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen, dass kollektives Verzeihen Konflikte zumindest teilweise verändern kann. In diesen Fällen konnten sich ehemals verfeindete Gruppen schrittweise auf eine „übergeordnete Identität“ verständigen. Der Sozialpsychologe Michael Wenzel sieht darin eine wichtige Grundlage für Vergebung: den Fokus stärker auf Gemeinsamkeiten zu richten als auf Differenzen. 
Die Soziologin Sonja Fücker sieht für Deutschland hier eher eine positive Entwicklung: Trotz gesellschaftlicher Spannungen habe die Fähigkeit zugenommen, einander zu verstehen, auf die Bedürfnisse des Gegenübers einzugehen und Konflikte kommunikativ zu bearbeiten. Verzeihen und Verständigung hätten damit gesellschaftlich an Bedeutung gewonnen.

ema