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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.09.2012

Verwandtschaftstreffen im Regenwald

M. Robbins, Ch. Boesch (Hg.): "Menschenaffen", Hirzel Verlag, Stuttgart 2012, 184 Seiten

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Schimpanse im Zoo -  die Menschenaffen in freier Wildbahn geraten immer mehr in Bedrängnis. (AP Archiv)
Schimpanse im Zoo - die Menschenaffen in freier Wildbahn geraten immer mehr in Bedrängnis. (AP Archiv)

Den Reiz von "Menschenaffen" machen die spannenden Erzählungen der Forscher aus. Kombiniert mit nüchterner Wissenschaft und detaillierten Informationen haben Martha Robbins und Christophe Boesch ein eindringliches Plädoyer für den Schutz der Primaten zusammengetragen.

Es ist drückend heiß, als sich eine Handvoll Forscher einen Steilhang im Taï-Wald Westafrikas hinauf kämpft - verschwitzt, keuchend und hungrig. Sie sind auf der Suche nach einer Gruppe Schimpansen, denen sie seit Tagen durch die Wildnis folgen. Einer dieser Forscher ist Christophe Boesch. Er zählt zu den großen Primatenforschern unserer Zeit. Seine Bücher versprechen daher immer den besonderen Blick.

Der gelingt auch dieses Mal: Boesch neues Buch "Menschenaffen. Begegnungen mit unseren nächsten Verwandten", das er gemeinsam mit der Anthropologin Martha Robbins herausgegeben hat, lebt von den sehr persönlichen, tagebuchartigen Beschreibungen aus dem Leben der Forscher, ihren Begegnungen mit den Affen etwa im undurchdringlichen Gangu-Wald der Demokratischen Republik Kongo oder auf den sumpfigen Lichtungen eines afrikanischen Nationalparks.

Es sind Erzählungen davon, wie die Forscher nass, müde und enttäuscht durch den Regenwald stapfen und dann plötzlich auf Schimpansen treffen, die noch nie einem Menschen begegnet sind und die Menschen genauso fasziniert und neugierig beobachten, wie sie selbst beobachtet werden. Sie erzählen die Lebensgeschichte eines Gorillaweibchens, das von Gruppe zu Gruppe zieht auf der Suche nach dem perfekten Vater für ihre Kinder, von blutigen Kämpfen zwischen Rivalen, von albernen Neckereien halbwüchsiger Freunde. Einige dieser Geschichten sind geschrieben wie spannende Romane, anderen merkt man den penibel auf Nüchternheit bedachten Wissenschaftler als Autor an, aber gerade durch diese Vielfalt wirken sie authentisch.

Zwischen die persönlichen Erlebnisberichte haben die Herausgeber immer wieder Kästen mit Detailinformationen gestreut. Wenn etwa die Geschichte des Affenweibchens und ihres Nachwuchses erzählt wird, informiert ein Kasten über Infantizide unter Gorillas und erklärt, warum die Affenmännchen den Nachwuchs anderer Männchen töten. Durch diese Verknüpfung zwischen Geschichten und Fakten lernt man sehr viel über die nächsten Verwandten des Menschen – und dass, ohne sich belehrt zu fühlen. Selbst dann nicht, wenn vieles bekannt ist: etwa der evolutionäre Abriss über die Entwicklungsgeschichte von Menschen und Menschenaffen.

Den Reiz des Buches aber machen die Erzählungen der Primatenforscher aus. Alle zu Wort kommenden Wissenschaftler verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit Feldforschung in Afrika. Man merkt ihnen an, dass sie wissen, wovon sie reden. Und so unterschiedlich ihre Geschichten und Erlebnisse auch sind, durch alle zieht sich die Erkenntnis, möglicherweise zu den letzten gehören, die Menschenaffen in freier Wildbahn beobachten können. Die Zerstörung ihres Lebensraums, die zunehmende Bedrohung durch Bergbau, Jagd und Krankheiten blitzt in allen Erzählungen auf.

Folglich wird das Buch zum eindringlichen Appell für den Schutz der Primaten. "Menschenaffen. Begegnungen mit unseren nächsten Verwandten" ist ein ausgesprochen lesenswertes Buch, das in weiten Teilen den schwierigen Spagat zwischen sachlichen Informationen und persönlichen Eindrücken schafft.

Besprochen von Monika Seynsche

Martha Robbins, Christophe Boesch (Hg.): Menschenaffen. Begegnungen mit unseren nächsten Verwandten
Hirzel Verlag, Stuttgart 2012
184 Seiten, 24,90 Euro

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