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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.04.2015

Vertrauliche GeburtAnonym im Kreißsaal

Von Monika Dittrich

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Eine Hebamme der Frauenklinik des Johannes Gutenberg Universitätsklinikums in Mainz tastet den Bauch einer Schwangeren . (picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Eine Hebamme tastet den Bauch einer Schwangeren: Seit etwa einem Jahr können Frauen auch ohne Nennung ihres Namens im Krankenhaus gebären. (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Babyklappen sind umstritten, ebenso die anonyme Geburt im Krankenhaus, weil die Kinder niemals erfahren können, wer ihre Eltern sind. Seit einem Jahr gibt es nun in Deutschland eine Alternative zur anonymen Kindsabgabe: die vertrauliche Geburt im Krankenhaus. Für Ärzte und Beraterinnen stellen sich völlig neue Aufgaben.

Ein Krankenhaus in Deutschland. Es ist halb acht an einem Montagmorgen. Auf der Entbindungsstation meldet sich eine hochschwangere Frau; die Wehen haben bereits eingesetzt. Nennen wir sie Nadine.

"Sie kam in den Kreißsaal und sagt, ich bin schwanger, ich weiß nicht in der wievielten Woche, ich war noch nie in der Schwangerschaft beim Frauenarzt und ich möchte dieses Kind nicht. Und ich habe von der Vertraulichen Geburt gehört. Machen Sie das?"

Es ist eine völlig neue Situation für die Ärztin, deren Name hier nicht genannt werden soll. Die vertrauliche Geburt kennt sie bislang nur aus der Theorie: Demnach kann eine Frau unter einem Pseudonym ins Krankenhaus gehen und dort ihr Baby zur Welt zu bringen. Nadine hat Angst. Um das Baby, um sich, und vor allem davor, dass jemand in ihrem Umfeld von der Schwangerschaft erfahren könnte.

"Wir haben sie untersucht, ihr gesagt, dass es dem Kind gut geht, weil sie um das Kind besorgt war."

So eine Ärztin. Die Patientin hat an einer Bushaltestelle ein Plakat über die vertrauliche Geburt gesehen. Jetzt scheint ihr das ein Ausweg aus ihrer Situation zu sein, berichtet die Ärztin: 

"Grundsätzlich finde ich das sehr gut. Es ist für die Frau das sicherste und die Kinder bekommen auch Rechte. Wir waren aber trotzdem überfordert, weil wir uns sehr allein gefühlt haben damit."  

Nur die Beraterin darf den Namen der Mutter erfahren

Nur eine speziell ausgebildete Beraterin darf den wahren Namen der Mutter erfahren. Der wird dann in einem versiegelten Umschlag aufbewahrt. Das Kind wird zur Adoption freigegeben. Mit 16 Jahren hat es die Möglichkeit, den Namen seiner leiblichen Mutter zu erfragen. Soweit das Gesetz. Aber morgens um halb acht die vorgeschriebene Beratung zu organisieren, wird für die zuständige Hebamme zur Geduldsprobe. 

"Die Beratungsstellen machen alle erst um neun auf. Ich habe auf etliche Anrufbeantworter gesprochen. Es war ganz klar, nach der Geburt verlässt sie das Krankenhaus ohne dieses Kind. Sodass die Zeit auch gedrängt hat."

Es dauert Stunden, bis eine Beraterin gefunden wird. Eine Rufbereitschaft für Nacht- und Morgenstunden, für Wochenenden und Feiertage gibt es nicht. Eine Gesetzeslücke, die weitreichende Folgen haben kann. 

Schwangerenberatungsstelle Donum Vitae in Köln

Die Schwangerenberatungsstelle Donum Vitae in Köln. Heike Flink betreut hier seit 15 Jahren schwangere Frauen in Not, auch für das Angebot der vertraulichen Geburt hat sich die Sozialpädagogin qualifizieren lassen. Manche verzweifelte Schwangere finde allerdings gar nicht erst den Weg in die Beratungsstelle, sagt Flink:

"Von der Ärztin oder Hebamme werden wir angerufen: Hier ist eine Frau, die will anonym entbinden, können Sie kommen?

In diesen Fällen macht sie sich dann schnell auf den Weg ins Krankenhaus – sofern der Anruf eben zu den Geschäftszeiten kommt und sie erreichbar ist. Sie kennt die Gründe, warum Frauen ihre Schwangerschaft manchmal bis kurz vor der Geburt verheimlichen. 

"Weil sie sind ungeplant schwanger geworden sind, oftmals nicht vom Partner oder sie schämen sich vor ihren Eltern, jüngere Frauen, oder aufgrund der religiösen Zugehörigkeit dürfen sie nicht schwanger sein." 

Die anonyme Kindsabgabe soll überflüssig werden

Rund 100 Frauen in Deutschland haben bislang vertraulich entbunden. Seit einem Jahr gibt es dieses Angebot, das die anonyme Kindsabgabe etwa in Babyklappen möglichst überflüssig machen soll. Denn nichts zu wissen über die eigenen Eltern, das kann für die Kinder später eine große seelische Last sein. Beraterin Heike Flink findet allerdings, dass alle Angebote, auch die ganz anonymen, bestehen bleiben sollten:

"Ob die Frau eine Babyklappe nutzt oder anonyme Geburt oder vertrauliche Geburt macht, ich finde, man sollte immer die Notsituation der Frau in die Fokussierung legen. Eine Frau, die ihr Kind abgibt, ist eine Frau, die ihr Kind schützt. Die Kinder leben. Da hat die Mutter für gesorgt, dass das Kind lebt und ich finde, das kann man als Geschenk annehmen.

Die Trennung vom Baby

Zurück im Krankenhaus, das kürzlich die vertrauliche Geburt von Nadine begleitet hat. Die Hebamme erinnert sich noch genau an den Moment, als sich die Mutter von ihrem Baby getrennt hat.

"Sie hat es ganz lange im Arm gehalten. Und sie hatte sich schon einen Vornamen ausgedacht. Sie stand allerdings auch unter zeitlichem Druck. Sie hatte ein gewisses Limit, wann sie zu Hause sein musste. Und dann hat sie das Kind abgegeben."

Für die Geburtshelfer bleibt das belastende Gefühl zurück, nicht zu wissen, in welche vielleicht auch gefährliche Situation sie ihre anonyme Patientin entlassen haben. Immerhin: Dem Kind geht es gut, es lebt in einer Pflegefamilie.

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