Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Wikipedia lebt von engagierten Mitarbeitern. © Wikimedia
Von Jörg Schieb · 13.12.2005
Bisher konnte jeder im Wikipedia einen Artikel schreiben. Seitdem Personen diffamiert oder Lebensläufe verändert wurden, dürfen nur noch registrierte Nutzer Beiträge erstellen. Das Thema Qualitätskontrolle wird bei dem Internet-Lexikon nun ernst genommen.
Jeder kann bei Wikipedia einen Artikel schreiben - oder einen bestehenden Artikel erweitern oder korrigieren. Motto: Einer für alle und alle für einen. Das Problem ist nur: Schreibt jemand Unsinn ins Wikipedia-Lexikon, ist das auch gleich öffentlich verfügbar gemachtes Wissen. Schlägt jemand bei Wikipedia nach und verlässt sich auf die dort angebotenen Informationen, kann das ganz schön ärgerlich werden.

Früher oder später wird ein anderer fachkundiger Wikipedianer den Fehler wahrscheinlich finden - und hoffentlich korrigieren. Die Frage ist nur: Wann? So manche Falschinformation ist tage-, wenn nicht wochenlang bei Wikipedia online.

Doch damit nicht genug. Immer öfter kommt es vor, dass Wikipedia gezielt manipuliert wird. Da werden Personen diffamiert, Lebensläufe verändert oder Bewertungen korrigiert. Bei uns in Deutschland zum Beispiel während der Bundestagswahl bei prominenten Politikern geschehen. Vor einigen Tagen wurde in der amerikanischen Wikipedia-Ausgabe der prominente US-Journalist John Seifenthaler in Wikipedia diffamiert und verleumdet.

Dem 78-Jährigen wurde doch glatt in einem Wikipedia-Artikel unterstellt, in den Mord an US-Präsident John F. Kennedy verstrickt gewesen zu sein. USA Today und CNN berichteten darüber - und Wikipedia geriet erstmals wirklich ins Kreuzfeuer der Kritik.

Weil wirklich jeder bei Wikipedia Texte ändern kann, lässt sich noch nicht einmal nachvollziehen, wer solche verleumderischen Behauptungen ins Onlinelexikon stellt. Ein Unding. Darum hat zumindest die amerikanische Wikipedia-Gemeinde reagiert. Ab sofort dürfen nur noch registrierte Wikipedia-Nutzer Beiträge erstellen und bearbeiten, nicht registrierte sind ausgeschlossen.

Was nicht bedeutet, dass das Problem damit beseitigt wäre. Schließlich ist so eine Anmeldung bei Wikipedia schnell erledigt und auch weitgehend anonym, also keine wirkliche Hürde. Aber: Das Thema Qualitätskontrolle, das Kritiker schon länger anmahnen, wird nun offensichtlich auch bei Wikipedia endlich ernst genommen. Denn wie Recherchen gezeigt haben: Selbst der verleumderische Beitrag über den US-Journalisten John Seifenthaler wurde mehrfach überarbeitet. Allerdings wurden lediglich Rechtschreibfehler korrigiert.

Auch Wikipedia-Beiträge über andere Prominente wie zum Beispiel Microsoft-Gründer Bill Gates enthalten viele wertende, teilweise verzerrende Informationen und Formulierungen. Was im Grunde noch nicht mal erstaunlich ist, denn die Netzgemeinde gibt sich gerne kritisch. Sie neigt außerdem dazu, die Dinge gerne nur von einer Seite zu sehen und verschließt sich Gegenargumenten. Das lässt sich tagtäglich in einschlägigen Foren beobachten. Findet so etwas aber in einem Onlinelexikon Einzug, ist zumindest die Frage erlaubt, wie seriös, glaubwürdig und zuverlässig der Nachschlagebereich ist.

Darum braucht Wikipedia dringend ein verlässliches Qualitätsmanagement. Anders geht es nicht. Vielleicht ist der erste Schritt jetzt getan. Zu hoffen wär's,


Das Gespräch zum Thema "Das Ende der freien Enzyklopädie?" mit Prof. Dr. Gabriele Hornsteiner, Fachhochschule Hof, Administratorin bei Wikipedia, können Sie bis zu acht Wochen nach der Sendung in unserem Audio-On-Deman-Player hören.