"Vertigo Days" von The Notwist

    Neue musikalische Räume

    08:33 Minuten
    Konzert mit der deutschen Independent-Band "The Notwist" in Jena, 2017.
    The Notwist setzte 1998 musikalische Maßstäbe mit ihrem bahnbrechenden Album „Shrink“, auf dem sie Rockgitarren und Elektronik zusammenbrachten. © imago images/ VIADATA
    Dirk Schneider im Gespräch mit Oliver Schwesig · 29.01.2021
    Audio herunterladen
    Seit über 30 Jahren spielen sie ihren Sound: die legendäre bayerische Indie-Band The Notwist. Auch wenn manches bekannt klinge, sagt der Musikjournalist Dirk Schneider, zeigten sie auf ihrem Album "Vertigo Days" noch immer große Lust auf Neues.
    Die Independent-Band The Notwist aus dem oberbayerischen Weilheim ist über Deutschland hinaus bekannt und eine Legende. Alle sechs bis sieben Jahre gibt es ein neues Album der Gruppe um die Brüder Markus und Micha Acher. Das Letzte ist 2014 erschienen - und das Neueste heißt nun "Vertigo Days".
    Die Band, die einst musikalische Maßstäbe gesetzt habe – Ende der 90er-Jahre mit ihrem bahnbrechenden Album "Shrink", auf dem sie Rockgitarren und Elektronik zusammenbrachten – schaffe es auch nach mehr als 30 Jahren noch, zu überraschen, meint Musikredakteur Dirk Schneider zu "Vertigo Days".

    Brückenschlag zu "Black Lives Matter"-Protesten

    Überraschend seien vor allem verschiedene Kollaborationen, die auf musikalischen Freundschaften beruhen: Zum Beispiel mit Juana Molina oder mit Leuten vom Chicagoer Jazz-Label International Anthem, etwa Angel Bat Dawid oder Ben LaMar Gay, die beide auch auf diesem Album mitgemacht haben. Das Stück "Oh Sweet Fire" hat The Notwist mit Ben LaMar Gay aufgenommen.
    "Ben LaMar Gay singt in "Oh Sweet Fire" aus der Sicht von jemandem, der an den 'Black Lives Matter'-Protesten teilnimmt", sagt Dirk Schneider. Ein wirklich starkes Stück. "Und ziemlich beeindruckend dass so ein Brückenschlag zwischen dem beschaulich-satten München und der politisch sehr aufgeladenen afroamerikanischen Musikszene von Chicago so gut funktionieren kann." Zumal The Notwist bisher eher keine Nähe zur Politik gezeigt hätten.

    Melancholische Balladen verzichtbar

    The Notwist haben ihr Album auch als Mixtape bezeichnet, also im Sinne des Hip-Hop, als Kollaborationswerk, auf dem es darum geht, andere Musikerinnen und Musiker vorzustellen, oder auch Szenen und Stile zu vermischen. Aber Notwist sei aus allen Stücken herauszuhören, so Dirk Schneider.
    Dennoch eröffneten sich so etwas wie neue musikalische Räume. Worauf er aber gut hätte verzichten können, sind die melancholischen Balladen mit Markus Acher als Sänger, wie man sie vielleicht so ähnlich schon einmal zu oft von The Notwist gehört habe. Dazu zähle etwa der Song "Loose Ends".
    Auch wenn die Songs von Notwist oft ähnlich klingen und immer wieder dieselben Wörter eine Rolle spielen – auch auf ihrem neunten Album zeigten sie noch immer große Lust auf Neues. Zum Beispiel ist auch eine japanische Musikerin auf dem Album zu Gast, erzählt Dirk Schneider. "Und es entstehen interessante Sachen, das ist mehr als nur künstlerische Weltenbürger-Pose. Da kommt wirklich auch was bei raus."
    (abr)
    Mehr zum Thema