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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.07.2009

Verstrickung im Frauenknast

Susanna Moore: "Big Girls", Atrium Verlag, Zürich 2009, 254 Seiten

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Da kommt keiner raus: Die Geschichte von Susanna Moore spielt im Knast. (AP)
Da kommt keiner raus: Die Geschichte von Susanna Moore spielt im Knast. (AP)

In einem nordamerikanischen Frauengefängnis verflechten sich in Susanna Moores Roman "Big Girls" vier Lebensgeschichten. Schlüsselfigur ist die Psychiaterin Louise Forrest, die in ihren Therapien mit grausamsten Erlebnissen konfrontiert wird - und sich in einen Wachmann verliebt.

Manche literarische Stoffe sind gut, weil sie explosiv sind. Für den Autor sind sie aber nicht unbedingt deshalb gefährlich, sondern weil über der Grellheit des Sensationellen die literarische Kunstfertigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Leider passiert genau dies der US-amerikanischen Bestsellerautorin Susanna Moore, die vor einigen Jahren mit einem von Hollywood verfilmten Thriller bekannt wurde und nun einen in den USA durchaus gelobten in deutscher Übersetzung vorlegt.

"Big Girls", so der Titel, erzählt von vier Personen, deren Lebensgeschichten in einem nordamerikanischen Frauengefängnis aufeinandertreffen und sich verflechten. Der Hauptfigur, der Psychiaterin Louise Forrest, ist ihre Patientin Helen, eine doppelte Kindsmörderin, zunächst unsympathisch. Im Verlauf der Therapie entwickelt sich eine Beziehung, die nur noch mit Mühe in den Bahnen eines Patienten-Therapeuten-Verhältnis zu halten ist. Mit dem Wachmann Ike beginnt die Ärztin ein Verhältnis.

Moore erzählt nun in kurzen Kapiteln aus vier Perspektiven. Louise, Ike, Helen und Angie, ein Hollywood-Starlet, mit dem die Schizophreniekranke einen geheimnisvollen Briefwechsel unterhält, haben, das muss man zugeben, eine Eigenständigkeit und individuelle Tonlage, sodass sich die zugehörigen Figuren leicht imaginieren lassen. Der Trick des Verlages, für alle vier Stimmen unterschiedliche Übersetzer einzusetzen, bewährt sich einigermaßen - erscheint letztlich aber als Gag, denn natürlich kann ein Übersetzer allein die verschiedenen Tonlagen besser austarieren. So wirken die vier Stimmen leicht hölzern und in den falschen Relativpronomen der ungebildeten Helen peinlich.

In der Hölle kann man als Autor wenig falsch machen. Die erwähnten Fallgeschichten sind so haarsträubend und unvorstellbar, dass man manche Kapitel zweimal lesen muss, um abschätzen zu können, ob der Stoff hier die Form sprengt. Und das tut er bedauerlicherweise recht oft. Ermordete und aufgegessene Ehepartner, vergiftete Kinder und ähnliches lassen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Spannung der Handlung aus wenig mehr als dem bei der Stange gehaltenen Entsetzen über die geballte menschliche Grausamkeit. Die Schlussvolte in dem Designer-Plot kommentiert Angie, selbst Romanfigur: "Das Gruseligste an der ganzen Sache ist die Tatsache, dass Rafaels Exfrau ihre Psychiaterin war. Das müsste ich im Drehbuch ändern. Das ist zu haarsträubend."

Susanna Moore hat leider kein Gespür für das, was berechtigte Anklage sozialer Missstände ist und was nur noch platte Gier am Schrecklichen. Die Verklärungen gen Ende des 250-Seiten-Romans wirken leider ebenfalls sehr "haarsträubend". Wie auch die Verlagswerbung, die spätestens nach der Lektüre ein unwirkliches Licht auf diesen schwachen Roman wirft: "... ein Roman, in dem Susanna Moore auf virtuose Weise Unsagbares auszusprechen wagt."

Besprochen von Marius Meller

Susanna Moore: Big Girls
Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens, Margarete Längsfeld, Stefanie Viereck und Sabine Längsfeld.
Atrium Verlag, Zürich 2009
254 Seiten, 19,90 Euro

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