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Zeitfragen | Beitrag vom 18.11.2020

Verstrickt oder instrumentalisiert?Feuerwehr erforscht ihre NS-Geschichte

Von Philipp Schnee

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Das Motiv aus der nationalsozialistischen Propaganda zeigt Hitlerjungen bei einer Feuerwehrübung im September 1939.  (akg-images / Sammlung Berliner Verlag)
Hitlerjungen bei einer Übung im Jahr 1939: Die Feuerwehren waren für die Nationalsozialisten eine wichtige Institution, sagt Historiker Clemens Tangerding. (akg-images / Sammlung Berliner Verlag)

Welche Rolle spielten Feuerwehren im Nationalsozialismus? Das untersucht ein Projekt der Universität Gießen und des Deutschen Feuerwehrmuseums. Es forschen nicht nur Fachhistoriker - mit ihnen erkunden auch Feuerwehrleute die eigene Geschichte.

Sabine Werry lebt in Dömitz an der Elbe, in Mecklenburg-Vorpommern. In ihrer Freizeit erforscht sie die NS-Geschichte ihres kleinen Ortes.

"Ja, wir haben uns das erste Mal getroffen und dann überlegt, wie wir das Ganze in Angriff nehmen können und haben dann erst mal geguckt, was wir an altem Material zur Verfügung haben", erzählt sie.

Die Jugendwartin der Freiwilligen Feuerwehr Dömitz beteiligt sich am Projekt "Feuerwehren in der NS-Zeit" der Universität Gießen und des Deutschen Feuerwehrmuseums.

"Da hatten wir unter anderem ein altes Verzeichnis, wo dann die Mitglieder drin aufgelistet waren mit Name, Geburtsdatum und so was allem. Und haben dann da schon mal geguckt, wen könnten wir eventuell davon kennen oder irgendwelche Nachfahren von ihnen, sodass man dann die Leute befragen hätte können."

Ein Projekt mit Laien

Die Idee zum Projekt hatte der Historiker Clemens Tangerding - und in Rolf Schamberger, dem Leiter des deutschen Feuerwehrmuseums, fand er sofort einen Mitstreiter. Denn beide teilten den Eindruck.

"Nämlich, dass die Feuerwehr an sich – wir reden jetzt von der Freiwilligen Feuerwehr auf dem platten Land - sich noch nicht mit der NS-Geschichte auseinandergesetzt hat, wie das ja auch noch kaum eine urdeutsche Institution gemacht hat", sagt der Historiker. "Also die Kirchengemeinden und die Fußballvereine und die Schützengilden haben das alle noch nicht gemacht. Und dass wir aber auf der anderen Seite auch das für nicht sinnvoll gehalten haben, dass man das jetzt einfach wieder von außen macht."

Ehrenzeichen der Feuerwehr im Nationalsozialismus. Dazu das preußische Einnerungsabzeichen für Verdienste um das Feuerlöschwesen.  (akg-images / INTERFOTO / HERMANN)Historische Ehrenzeichen der Feuerwehr, eines davon mit Hakenkreuz: Clemens Tangerding wollte die NS-Geschichte nicht von außen erforschen. (akg-images / INTERFOTO / HERMANN)

Damit nämlich hat Tangerding keine guten Erfahrungen gemacht. Dass Fachhistoriker die Geschichte von Unternehmen, von Vereinen und Institutionen erforschen und die Ergebnisse dann in einem Buch oder einer Broschüre veröffentlichen. Meist bleibt die wirkliche Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte dabei auf der Strecke.

"Ganz anders sieht es aus, wenn man Menschen, die in diesem Unternehmen oder in dem Fall den Freiwilligen Feuerwehren tätig sind, daran beteiligt", erläutert der Historiker. "Wenn die selbst erfahren, wie ihre eigene Feuerwehr - und das sind ja häufig noch die gleichen Gebäude und die gleichen Adressen, an denen die sind, wie 1933 folgende - wenn man die daran beteiligt, das in ihrem eigenen Ort aufzuarbeiten. Aber es macht eben einen gravierenden Unterschied, ob man einmal mitbekommen hat, weil man es selbst recherchiert hat im eigenen Ort, was passiert, wenn Gesetzgebung ausgehebelt wird, wenn per Gesetzgebung einzelne Gruppen ausgesondert werden. Wenn man das nicht selbst mal erforscht hat, ist natürlich die Durchdringung dieses Themas viel geringer, als wenn man da saß und Zeitungsartikel gelesen hat, Namen gelesen hat, Akten gelesen hat und es selbst mal erforscht hat."

"Die kennen sich viel besser aus"

Aus Tangerdings wissenschaftlicher Perspektive hat die Zusammenarbeit mit den Laien aber noch einen weiteren Vorteil: Die Feuerwehrleute kennen ihren Ort und seine Geschichte.

"Und ich brauche auch ihr Feuerwehrwissen", sagt er. "Ich habe das nicht. Ich kenne mich jetzt ein bisschen aus mit Feuerwehrgeschichte. Die kennen sich aber viel besser aus."

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Wie aber nähert man sich mit historischen Laien der NS-Geschichte? In Dömitz war der Ausgangspunkt die Mitgliederliste, Einzelpersonen. In Marburg wählte die Gruppe einen anderen Ansatz. Dort gab es großes Interesse an Technikgeschichte. Deshalb ging Tangerding mit den Feuerwehrleuten der Frage nach: Welches Feuerwehrgerät hätte am 9. November 1938 zu Verfügung gestanden, um die Synagoge in Marburg zu löschen?

Novemberpogrom 1938 - Lackmustest für die Feuerwehren

Die Pogrome um den 9. November 1938 sind ein einschneidendes Ereignis für viele Feuerwehren in der NS-Zeit. Wie verhielten sich die Kollegen an diesem historischen Datum? Tangerding nennt es den Lackmustest für die Feuerwehren im Nationalsozialismus.

"In Mannheim zum Beispiel sind die Feuerwehrleute zwar ausgefahren", erzählt er, "aber nur mit dem Auftrag, die benachbarten Gebäude zu schützen und eben nicht die Synagoge zu löschen. In Marburg sah die ganze Sache anders aus. Da wurde der Brand der Hauptsynagoge, da wurde die Feuerwehr von der SA aktiv daran gehindert, auszurücken. Allerdings gibt es auch gewisse personelle Verstrickungen zwischen SA und Feuerwehr. Also es ist sehr unterschiedlich. Und gerade wenn man sich mit Feuerwehrgeschichte auf dem platten Land beschäftigt, sieht man mal wieder, wie stark das vom Engagement, sowohl vom positiven als auch vom negativen Engagement, der einzelnen handelnden Akteure abhängt."

Der Leiter der Mannheimer Feuerwehr, Leitender Branddirektor Karlheinz Gremm, zeigt ein historisches Foto der Alten Feuerwache in Mannheim mit einem Hakenkreuz aus der NS-Zeit. (Feuerwehr Mannheim / Florian Schmitt )Der Leiter der Mannheimer Feuerwehr zeigt ein historisches Foto der Alten Feuerwache in Mannheim mit einem Hakenkreuz aus der NS-Zeit. (Feuerwehr Mannheim / Florian Schmitt )

In Mannheim etwa hing vom großen Schlauchturm der Feuerwehr bald die Hakenkreuzfahne. Mit dieser Ortsgruppe hat Clemens Tangerding schon eine kleine Ausstellung erarbeitet und dabei auch die Biografie zweier Mannheimer Feuerwehrmänner verglichen.

Der eine, Karl Karig, war schon NSDAP-Parteimitglied als er 1933 der Feuerwehr beitrat. Karig machte dort schnell Karriere, wurde Leiter der Berufsfeuerwehr. Zu seiner Beerdigung 1963 kam der Oberbürgermeister. Der andere, Lion Wohlgemuth, wurde ab 1933 immer wieder zum Austritt gedrängt, weil er Jude war. 1938 schließlich gab er seine Uniform zurück, wenig später beging er Suizid.

Wichtige Institution für die Nationalsozialisten

Die Feuerwehren, sagt Tangerding, waren für die Nationalsozialisten eine wichtige Institution, die aber zunächst noch viel Spielraum hatte. Erst 1938 verloren die Ortsgruppen Feuerwehr ihre Eigenständigkeit, sie wurden der Polizei untergeordnet.

Für Sabine Werry und ihre Dömitzer Feuerwehrleute war die Recherche allerdings wesentlich schwieriger als in Mannheim, viele Akten gingen über die Jahre verloren.

"Herausgefunden jetzt direkt über die Feuerwehr in der NS-Zeit haben wir relativ wenig", sagt sie. Für ihre Nachforschungen sind die Dömitzer Feuerwehrleute auch ins Kreis- und auch Landesarchiv gefahren.

Für Werry einer der Höhepunkte des Projekts: "Ja spannend und interessant fand ich echt die Arbeit in den Archiven. Also wirklich, sich die Zeit nehmen zu können und diese ganzen Akten durchzublättern und im Prinzip ja auch gleich durchzulesen, was es da zu erfahren gab, wie wirklich damals die Feuerwehrarbeit abgelaufen ist. Und was es da auch für Probleme gab."

"Die Expertise liegt in der Gruppe"

Clemens Tangerding will seine Erfahrungen aus dem Projekt nutzen. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen soll jetzt ein Leitfaden entstehen:

"Der Leitfaden soll dazu dienen, dass auch Sportvereine oder Schützenvereine, die Interesse haben, die NS-Zeit selbst aufzuarbeiten, sich an Punkten oder an Erfahrungen, die wir gemacht haben, orientieren können. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass diejenigen, die helfen, also ich jetzt und auch andere oder ganz allgemein gesagt Historiker, dass sie sich als Teil der Gruppe verstehen und nicht als externe Experten, die sozusagen ihr Wissen von außen in dieser Gemeinde hineintragen. Weil es nicht funktioniert. Die Expertise liegt im Ort und die ist da auch gut angesiedelt. Und die Expertise liegt in der Gruppe."


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